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World’s End

7. September 2014

Ich aber hatte noch einmal gefunden, was ein Mensch am nötigsten braucht, sich selbst zu verstehen. Eine Vatergestalt. *

„In der Nacht seines 22. Geburtstages rast Walter Van Brunt betrunken und bekifft mit seinem Motorrad gegen eine Gedenktafel. Die Vergangenheit holt ihn ein: sein Vater, der vor zwanzig Jahren die Freunde verriet; sein Vorfahr aus dem 17.Jahrhundert, ein holländischer Neusiedler und Pachtbauer, von dem es heißt, er habe in der Auseinandersetzung mit dem reichen Grundherren feige versagt.“ (Text zum Buch im Umschlag)

Das dauert ein wenig. Alles an diesem Buch dauert. Das liegt auch an der Geschichte. Immerhin behandelt es einem Zeitraum von gut 300 Jahren. Dreihundert Jahre nordamerikanische Geschichte. Von den holländischen Pionieren bis in die Zeit des zwanzigsten Jahrhunderts. Da kommt viel zusammen.

Oft, wenn man denkt: Ja, klar…! nimmt der Autor einen anderen Faden der Geschichte auf, in einer anderen Zeit, aus einer anderen Perspektive. Man hat ziemlich zu tun als Leser.

„Ein Zusammenstoß mit der Geschichte

Waren die Bilder von Mutter und Großmutter durch Reizungen des Geruchszentrums wachgerufen worden, so lag der Fall beim Geist seines Großvaters komplizierter. Vielleicht ist es mit Assoziationen ebenso: Es braucht nur einen kleinen Anstoß, schon folgt eine auf die andere, und das Gehirn reiht Erinnerungen aneinander wie Perlen an der Schnur.

In der Hitze des Nachmittags jedenfalls hatte der alte Harmanus Van Brunt gleich links neben der Drehbank Gestalt angenommen, grobschlächtig, bierbäuchig, und breitschädlig, beharrt wie ein Eber, Schneidöl und Aluminiumspäne in den Haaren seiner Unterarme, eine Tonpfeife zwischen die Zähne geklemmt.“ (S.12)

Unglaublich, wie Boyle die Ansichten seiner Figuren herausarbeitet und Dinge, die scheinbar so belanglos, bzw. auf den ersten Blick abseitig sind, zum Anlaß einer Schilderung von Subjektivität anwachsen lassen kann.

Vollkommen Verschiedenes geht den Menschen durch den Kopf oder wo auch immer das Gefühl auch herkommen mag. Und um Gefühle geht es hier; große Gefühle und kleine Absichten – von jetzt auf gleich gedacht, und als Thema die Menschen nie verlassen habend. Es holt sie immer wieder ein.

„Der Dreck der Ahnen

Depeyster Van Wart, der zwölfte Erbe von Van Wart Manor, dieses Landsitzes aus dem späten 17.Jahrhundert am Rande von Peterskill oben auf Van Wart Ridge, von wo man einen weiten Blick über den Müllplatz der Stadt und den reißenden, stark verschmutzten Van Wart Creek hatte, war ein Terraphage. Das heißt, er aß Dreck. (…)
Manche rauchten; andere tranken, betrogen beim Kartenspiel oder vergewaltigten ihre Ehefrauen. Doch Depeyster gab sich nur dieser einen harmlosen Exzentrizität hin, seinem einzigen Laster. Mit zwei Jahren, er hatte kaum laufen gelernt, war er seinem Kindermädchen davongetrottet…“
(S.49)

Man braucht Zeit für diese Art von Buch. Oft ist das so, wie in einer dieser Kneipen um die Ecke. Manchmal ist es einfach schon zu spät zum Gehen. Du wirst dann gekapert, um irgendwann wieder ausgespuckt zu werden. Verwundert kratzt du dich – meistens am Kopf – und begehrst wieder Einlass. Es gibt so vieles zu entdecken.

Zwei Familien und deren Verhältnis zueinander spiegeln hier die Gesellschaft. Einmal begegnen sich Depeyster Van Wart und Walter Van Brunt: „Sehen Sie mal, Walter“, sagte er und versuchte es anders, „Sie scheinen mich nicht verstanden zu haben.“Walter schüttelte den Kopf. „Aber darum geht es doch gar nicht“, sagte er.

Nein, natürlich nicht, aber es war die Wahrheit, und Depeyster hielt ihm trotzdem seinen Vortrag. (S.215f)
Menschen sehen unter verschiedenen Beleuchtungen unterschiedlich aus. Standpunkte kaum.

SIMEON: Ganz der Papa.
PETER: Wie aus dem Gesicht geschnitten!
SIMEON: Alle gegen alle!
PETER: Tja ja.

Eugene O’Neill, ‚Gier unter Ulmen‘

Dieses ist dem zweiten Teil von World’s End vorangestellt. Noch stärker als im ersten Teil werden hier die Grenzen von Traum und Wirklichkeit auf eine geniale Weise angerührt. Die verschiedenen Bestandteile der Geschichte werden zusammengeführt. Wie schon gesagt: Große Gefühle und kleine Absichten…

Die Irritation scheint sich langsam zu lösen und Plato hätte wohl seine helle Freude an diesem Vexierspiel.

Die Ureinwohner, die ja einen gewichtigen Anteil an der Geschichte haben, sind von mir noch gar nicht erwähnt worden. Jedenfalls nicht so vordergründig. Im Roman wird das ausführlich getan. Es gehört zu den Geschichten und zur Geschichte.

Vielleicht geht es hier nicht so sehr um diesen Konflikt. Überall gibt es solche und solche. Das ist auch schon in anderen Bücher thematisiert worden. Zum Beispiel in ‚Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeitindianers‚.

Zur Situation der Einwanderer aus Europa sei hier stellvertretend noch erwähnt: Vermeers Hut, geschrieben von dem Kunsthistoriker Timothy Brook.
Es könnte sicher auch mit dem Artikel von tikerscherk und John Lennons Mother gehen.

Es gibt so viele Möglichkeiten. Und doch läuft es oft auf das Gleiche hinaus:

„Mama don’t go,
Daddy come home.“
John Lennon: Mother

So ein Buch zu lesen braucht, wie gesagt, Zeit. Das wird nur funktionieren, wenn die Sprache auch unterhaltsam ist. Ich finde „World’s End“ ist so ein Buch.

T.C. Boyle: World’s End. Roman, 2007. dtv. Deutsch von Werner Richter.
ISBN: 978 3 423 21030 3

* Späte Freundschaft in Briefen: Briefwechsel Carl Zuckmayer – Karl Barth

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From → Liebe, Sprache

9 Kommentare
  1. Fein! Ich freue mich schon aufs Wiederlesen…

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    • mickzwo permalink

      Schön, dass es Dir gefällt. Ich danke Dir noch einmal recht herzlich für diesen Tipp.

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  2. T.C. Boyle, einer aus der guten amerikanischen Schreibschule: Toller Unterhalter, guter Erzähler, World`s End, eines, wenn nicht das beste, das ich bislang von ihm gelesen habe.

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  3. Die Beschreibung wirkt, obwohl wie eine Warnung, dass es zu lesen nicht nur Aufmerksamkeit für Details der Geschichte, sondern vielmehr eigene Psychen-Arbeit bedeuten könnte, sehr verlockend. Vielleicht ist das Romangeschehen an sich nicht wirklich nicht das Wichtigste am Buch.

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  4. Danke für´s Verlinken. Freut mich sehr, umso mehr, weil es um dieses Thema geht.

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] World’s End - #Literatur | netzlesen.de

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