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Und im Herbste ja, dann sterbs’de

16. September 2014

War mal: Das Usambaraveilchen, mein Freund und ich – höchst subjektiv, wie alles hier.

Get back*, vielleicht. Das trifft es im Moment.

Mein Freund ist tot. Er hat es nun geschafft. Das war anstrengend. Für Ihn mehr als für mich. Schlußendlich mußten wir beide verlieren. Er mehr als ich. Dabei wollte ich noch über Udo Lindenberg erzählen, als er noch englischen Rock sang. Frumpie nicht zu vergessen und Inga Humpe. Über unsere gemeinsame Zeit in der Ausbildung. Damals hörten wir Bap und den jungen Grönemeier, Georg Danzer. Alles obsolet, jetzt.

Normalerweise schreibe ich solche Texte selbst. Aber in diesem Fall habe ich für den Anfang die Erzählung von Wolfgang Neuss über seinen Freund Wolfgang Müller abgewandelt. Zu groß ist der Schmerz über das, was da vor mir stand – immer noch. Er passt so gut auf uns. (F) wird es mir bestimmt nachsehen:

Ich lache oft und gern über ihn, allerdings besonders liebevoll, wenn er keinen besonderen Wert darauf legt. Denn wenn jemand Wert auf was legt, dann muß man ihn schon hündisch lieben, tut man ihm den Gefallen. Es sei denn, er legt etwas auf mich, meinetwegen Wert oder sonstwas Anständiges. Aber (F) pumpt mir leider immer nur Geld, mehr nicht.

Ich hatte mir nie und werde mir auch nicht vornehmen, ein Paar zu werden, ich bin mir alleine doppelt genug. Aber ich werde ihn, (F), der mich zu kennen glaubt, und der nie auch nur in die Nähe meiner Gedankenwelt und Vorstellungskraft kommt, solange ich lebe, respektieren und, so oft es sich ergibt, seine Nähe suchen.

Er bringt mich auf tausenderlei Ideen. Natürlich könnte ich mich auch an einer Schuhsohle oder an einer rauhen Wand entzünden, um mal das Streichholzverfahren vergleichsweise für uns heranzuziehen. Aber in dieser hochzivilisierten Welt ist mir eine Reibefläche (F) lieber.

Er ist eine irrsinnige Potenz auf dem Gebiet der Ichsucht, und es muß schon ein großes Glück für ihn sein, erkennt er meine Leistungen oder zum Beispiel diese Zeilen an. Und wenn wir eines Tages den Gipfel des Egoismusses gemeinsam gegeneinander erklommen haben, werden wir uns wahrscheinlich vierhändig abseilen.

Bis dahin ist ein Weg zurückzulegen, der mit dem, was wir alleine gelaufen sind, überhaupt nicht vergleichbar ist. …. (F) …ist in keinem Fall ein Satellit, sondern eine Rakete, die ich in meiner Welt nicht missen möchte.
Als … (F krank wurde) – zuerst habe ich mich einfach geweigert, das zu glauben …
(S.121 u. S.124, Volker Kühn, Das Wolfgang Neuss Buch.)

Er hatte sich wohl auch geweigert: Als ich zum Abschluss einer meiner üblichen Besuche aufbrach, schaute er mich besorgt an und machte mich auf meinen losen Schnürsenkel aufmerksam. Ihm fiel das Sprechen schon schwer aber er hatte tatsächlich Angst, das ich stolpere.

Früher:
Mit seiner Puch Maxi kam er am Wochenende in unser Dorf geknattert. Es mußte ewig gedauert haben auf einem Mofa vom Sintfeld in den Teutoburger Wald zu fahren. Wir hatten uns in der Schule kennengelernt und beschlossen unsere Freundschaft aus zu testen. Beharrlich war der.

Später – Sommer’72 – im Kings and Queens. Das ist ein Pub in Brighton, Südengland. Dort fütterten wir die Musikbox mit unseren Shillingen. Ansonsten genossen wir das englische Bier und unser Leben. American Pie war der Hit. Und wir hörten den, Abend für Abend. Seitdem kann ich das Lied auswendig.

Drei Wochen waren wir da. Eigentlich wollte ich ihn breitschlagen nach Irland zu fahren. Irgendwie wollte ich immer nach Irland. Aber er hat sich durchgesetzt. Wie so oft, wenn wir was getan haben, hat er sich durchgesetzt. Aber er war da, wenn ich ihn brauchte. Als er nach dem Abi zum Bund musste, habe ich ihn dafür Sonntags in den Zug gesetzt, damit er nicht noch fahnenflüchtig wurde. Auch das hat er mir verziehen. Später hat er mir mal die Landschaft und die Kaserne gezeigt.

Ich durfte sein Trauzeuge sein und für seine Kinder habe ich später Bäume gepflanzt. Als Lehrer konnte der Stunden entwickeln, das waren so Selbstläufer. Ich habe sie dann ausprobiert. Reden konnte ich ja. Geschrieben hatte er. Einmal habe ich eine Arbeit retten müssen. Ein Anruf genügte und er war da. Ich diktierte ihm und kongenial diskutierten wir, ab und an. Aber vor allem tippte er das ein.

Nach diesem Wochenende war die Arbeit fertig und konnte abgegeben werden. Wir hatten zwar kaum Ahnung von der Materie, aber dafür sehr viel Spaß dabei. So war der. Wenn man ihn brauchte war er da. Immer kritisch packte er doch zu. Das Ziel vor Augen war Unterhaltsamkeit. Für ein Abenteuer hat er so manches getan. Ich hoffe, er hat alles zweifach zurückbekommen.

Ab und zu haben wir Radtouren unternommen oder Jobs gemacht. Nur wir zwei. Das war das beste. Für Cliquen habe ich mich nie wirklich geeignet. Aber einen Freund, den brauchte ich schon. Sogar mehrere. Aber nicht auf einmal. Vielleicht ging dem das auch so. Wenn wir etwas zusammen getan haben, waren wir jedenfalls perfekt. So war das im Kings and Queens, so war das auf der Uni und so war das beim Retten von Bäumen (das war noch so eine Geschichte).

Wir haben nie viel gesprochen. Nur das Nötigste. Verstehen geht manchmal auch so. Der war immer Genießer, Schweiger und Aushalter. Einmal hat er sechs Wochen gelegen und seine Bandscheibe belastet. Da habe ich ihn einfach besucht. Er wollte sich nicht operieren lassen. Der hat stur gelegen und seinen Wirbel besiegt. Schon damals war ich nicht überzeugt, dass er auf mich wartet. Nicht wenn er krank war. Stur haben manche gesagt.

Er hat sich kaum je von etwas abbringen lassen. Seine L, die gehört auch dazu. Mit der wollte er leben. Punkt. Das war vor vierzig Jahren. Sie leben immer noch zusammen. Ich habe ihn immer als Stoiker mit epikureischen Einflüssen gesehen. Situationen hat er beobachtet und analysiert. Ändern konnte man selten was. Wenn das so war, dann konnte er die Dinge so nehmen wie sie waren.

Wir sind Freunde, also treu. So konnte ich mich immer blind auf ihn verlassen. Umgekehrt war das auch so. Wer uns auf Partys gesehen hat, konnte das so nicht verstehen. Da haben wir nicht groß miteinander geredet. Nur wenn es drauf ankam, und dann unter vier Augen.

Nun hat der Freund eine schwere Diagnose und ich kann nicht zu ihm. Am Telefon hat er mir gesagt, das sei eine Scheißdiagnose und er hält das durch. Im Übrigen soll ich mich mit seiner Frau besprechen. Mehr konnte er nicht sagen.

Frauen und Männerfreundschaften. Die sind so pragmatisch. Er kann nicht sprechen, vielleicht hat er eine Anwendung. Widerwärtig. Was die wohl denken, was wir zu besprechen haben? Ich muss dahin, will einfach da sein. Abwiegeln macht alles noch schlimmer. Der braucht mich doch jetzt – oder ich ihn. Ist das nicht egal?

Gegenwart:
Das mit der Weigerung hatte sich dann doch schnell erledigt. All das dauert noch All das hat jetzt ein Ende… die Hilflosigkeit bleibt. Sitzt fest in der Kleidung. Geht bis auf die Haut. Lauert an jeder Ecke. Und grinst dabei. Lässt sich einfach nicht abschütteln … Ablenkung hat zur Zeit immer noch schlechte Karten. Man findet so etwas nicht gut, vielleicht ist es gesund. Das Leben geht ja weiter, bla.. Ich könnte getrost darauf verzichten.

Die Blaue Blume ist längst entdeckt. Und manche können sie, für einen kurzen – oder längeren – Augenblick sehen. Die Angst, die mich als Junge beschlich, nach dem uns die Worte ausgehen könnten, diese Angst ist unbegründet. Im Zweifelsfall.. ach, Mist! Manchmal sind Worte bitter und notwendig. Oft braucht es auch keine Worte. Auf den Zeitpunkt kommt es eben an. Andererseites ist es aber auch egal.. All you need is Love. Schon schwer.

Wenn wir uns wieder treffen, irgendwo auf einer Wolke, dann haben wir viel zu reden. Wir haben dann alle Zeit der Welt. Möglicherweise wird uns ein Amselmann** besuchen. Und niemand wird uns stören. Wann, das wird sich schon ergeben. Auf jeden Fall wird das dann ein Spass sein.
Versprochen. Bis dann, mach et juut Jung.

Ach ja: das Usambaraveilchen ist überhaupt kein Veilchen. Es heißt nur so. Der Blume ist das vollkommen gleichgültig. Mir jetzt auch.

mick/ernst/willi.

* The Beatles, Get Back. (www.youtube.com/watch?v=96IlCehRnaU)
** Paul McCartney, Black Bird. (www.youtube.com/watch?v=8ehhZ53zysQ)

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From → Liebe, Musik, Sprache

19 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Hat dies auf Fett/Anthrazit Blog rebloggt und kommentierte:

    Etwa vor einem Jahr starb mein Freund. Ich weiß nicht mehr den Tag. So etwas lerne ich nicht auswendig. Ich weiß auch nicht, wann er mir genau das sagte mit der Krankheit. Nur das wie weiß ich noch. Uns das wo, also wo wir waren und mit wem. Dann ging alles so schnell. Im Nachhinein geht alles immer schnell.

    Warum begreift man eigentlich nie, wieso alles so geht, wie es geht?

    Man glaubt die Erde müsse doch anhalten und dabei geht alles munter weiter. Immer weiter. Und nichts und niemand kann es aufhalten. Nicht das Lachen und Lieben und auch nicht das Vergessen. Manchmal steht man so neben sich und denkt etwas. Dabei wird man angerempelt. Nicht mit Absicht. Man wurde schlicht übersehen als man da so rum stand.

    Kann sich ja schließlich keiner denken, das man denkt.

    Plötzlich steht da einer. Hält den Fluß auf. Das ist doch alles nicht wahr. Der kann doch nicht bei Trost sein. Hält mich auf, der Tölpel. Es ist zu spät zum Ausweichen. Der musste doch sehen, dass ich da lang musste. So kommt sowas. Macht man doch nicht extra. Also wirklich!

    Im Grunde blieb dem doch gar nichts anderes übrig.

    Es ist ein Irrtum zu glauben, man würde auch nur etwas an Tempo mindern. Der Fortschritt, das Leben als solches lässt sich nicht aufhalten. Und doch ist es immer das gleiche, wenn auch nicht dasselbe.

    Niemandsland.

    9/2015

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  2. Oh … diese Lücke, die ein lieber Mensch hinterlässt!
    Nicht zu schließen, nicht auf die selbe Weise.
    Aber das Bewußtsein um diese Lücke ist das, was unsere Erinnerung so einzigartig und wertvoll macht.
    Gute Worte hast du gefunden.

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  3. Lieber Mick,

    ich hatte mir für euch gewünscht: Das Schnippchenschlagen, den Sprung von der Schippe …. Und jetzt lese ich von dir das Beste, was die Trauer bereit ist herzugeben. Das Beste ist niemals gut genug. Es bringt die Jahre nicht zurück. Das, was bleibt, ist die Kraft honoriger Erinnerung. Das tust du als treuer Freund. In Gedanken bei dir.

    Liebe Grüße

    Achim

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    • mickzwo permalink

      Das mit dem ‚Schnippchenschlagen‘ hatte ich mir auch gewünscht, obwohl ich es hätte anders ahnen können. Zu oft habe ich schon erlebt, dass jemand von uns ging. Ich konnte ihn einfach nicht aufgeben. Und jetzt muss ich etwas aufräumen bei mir, mit der Hoffnung auf bessere Zeiten.
      Auch das als treuer Freund.

      Liebe Grüße, mick.

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  4. Schwer so ein Abschied…sehr schwer!
    Da hast Du das Glück gehabt einen solchen Freund zu haben.. immerhin… auch wenn es wohl kein Trost jetzt ist.
    LG, Petra

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    • mickzwo permalink

      Natürlich hast Du Recht: Es fällt schwer in so einer Situation das Glück zu sehen. Aber, ich muss es versuchen.
      Danke, mick.

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  5. Ach, lieber Mick, das tut mir leid. Gute, beste Freunde wachsen ja nicht auf Bäumen nach. Dein Erinnern und Erzählen ist schön und löst eigene Erinnerungen aus. Hab Dank, auch dafür!

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    • mickzwo permalink

      Sie wachsen nicht auf Bäumen. Für mich war es ein Privileg diesem Menschen zu begegnen.
      Danke.

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  6. Sehr bewegend deine Worte. Der Schmerz spürbar, auch die besondere Freundschaft, die ihr erleben durftet. Ein Text mit so viel Gefühlen, echt und voll.
    Vielleicht erzählst du uns eines Tages davon, wie ihr die Bäume gerettet habt. Es muss gut gewesen sein…

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    • mickzwo permalink

      Bäume retten – wie gut es war..

      Das Bäume retten war so eine typische Geschichte. Kein großes Ding für uns und fast ohne Worte. Es war vielleicht Ende der achtziger Jahre. Ein strenger Winter mit sehr viel und feuchtem Schnee, jedenfalls zum Schluß. Der wog und blieb liegen.

      In der Nacht vorher hatte ein Schneegewitter gewütet. Am folgendem, sonnigen Vormittag gingen wir im Wald spazieren, unterhielten uns über dies und das. Als wir an der Schonung mit den jungen Bäumen vorbeikamen bemerkten wir, wie sich die Äste unter der Last nach unten bogen. Das sah komisch aus. Nein, es war ungesund.

      Kurzerhand trat ich mit dem Fuß an so einen Baum, und siehe da, er verlor den Schnee und konnte sich wieder aufrichten. Das sah viel gesünder aus und ich erinnerte mich, wie ich im Frühjahr bei dem Eisregen so eine Rettungsaktion im Garten mit Besenstielen vorgenommen hatte. Für ihn war das sowieso klar. Als Schüler hatte er sich im Wald sein Taschengeld aufgebessert. Bäume müssen in den Himmel wachsen.

      Langer Rede, kurzer Sinn: An diesem Morgen schafften wir so an die hundert Bäume und hatten einen Riesenspaß dabei. Musste doch sein. Natürlich war alles nass, wir waren schließlich im Wald. Dem entsprechend sahen wir dann auch aus. Wir wollten dann Schnaps und Zigaretten zum aufwärmen. Aber wir waren ja noch im Wald. Das ging ganz ohne Worte, einfach so.

      Später hatten wir unsere Schuhe auszuziehen, bekamen Tee mit Gebäck angeboten und wurden von diesem so guten und wohlmeinenden Menschen gefragt, was wir denn da so gemacht hätten. „Na, Bäume gerettet“, antworteten wir. Und plötzlich waren wir Helden. Daran hatten wir noch lange Spaß.

      So war das.

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      • Wunderbar! Ihr ward Helden! Ich danke dir für diese Geschichte, bestimmt eine der vielen, die du in dir trägst!

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      • …. und eigentlich verdient diese Geschichte einen eigenen Beitrag!

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        • mickzwo permalink

          Vielleicht wird mal ein Beitrag daraus, später. Jetzt muss ich erst einmal schmunzeln. Das hilft. Du hast es geschafft, dass ich an eine Begebenheit dachte, die mich froh gemacht hat.
          Dafür danke ich Dir.

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          • Ich habe die Vermutung, dass du viele dieser Geschichten in dir trägst, die ihr gemeinsam erlebt habt. Ich wünsche dir sehr, dass sie ein wenig Trost bedeuten.

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  7. Das ist sehr traurig. Und zugleich, wenn ich das in diesem Zusammenhang so sagen darf, sehr, sehr schön.

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  8. Es tut mir sehr leid, Mick, und ich fühle mit Dir. Wie schrieb Achim die Tage so treffend: „Abschied ist der Zahn der Zeit, dessen Wunde sich nicht schließen lässt.“ Manche Menschen werden uns für immer fehlen, aber auch das ist nicht ohne Wert. In diesem Sinne: Ein schöner Nachruf.

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  1. [Alles mit links] Und im Herbste ja, dann sterbs’de - #Literatur | netzlesen.de

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