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Karte und Gebiet – 2

3. Oktober 2014


Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.

Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.
B. Brecht *

„…das Leben bietet einem manchmal eine Chance…aber diese Chance bietet sich nur ein einziges Mal, und wenn man sie später erneut zu ergreifen versucht, ist das schlichtweg unmöglich…“ (S.241)

Wenn man in der Gegend von Berlin ist, hört man oft die Nebelkrähen.
Nein, es ist immer nur eine Nebelkrähe, die man krächzen hört.. in Berlin.
Man könnte fast annehmen, es wäre die Selbe. Angesichts der räumlichen Größe sowie der zeitlichen Dimensionen kommt man jedoch schnell zu dem Schluss, dass es sich nur um die Gleiche handelt. Ob Sonne oder Wolken ist der Krähe allerdings gleichgültig.

„Es war ein prächtiger Oktobermorgen, die Luft war frisch und klar.“ (S.296, Jasselin)

Geschildert wird in dem Roman das Leben eines – zunehmend – beachteten Künstlers mit Namen Jed Martin, der, mit wachsendem Erfolg und Wohlstand, des Lebens immer überdrüssiger wird. Im Grunde versteht er sich als Handwerker. Penibel und genau geht er die Dinge an. Wenn ihm was zu Nahe kommt, zieht er sich zurück. Egal, ob es sich um professionelles oder um privates handelt.

Er handelt so, um damit Aufsehen, zu vermeiden. „Sein gesellschaftliches Leben war im Moment eindeutig im Begriff, sich zu vereinfachen.“ (S.257, Martin) Sein abgeschiedenes Leben lässt ihn immer noch erfolgreicher sein. Paradox ist das schon.

Und so plätschert das Leben dahin, ziellos, voller Überdruss und von Erfolg zu Erfolg immer noch sinnloser werdend. „Die Menschheit ist manchmal seltsam (…) aber leider meistens in der Kategorie ’seltsam und widerwärtig‘, nur ganz selten in der Kategorie ’seltsam und bewundernswert‘.“ (S.380f, Ferber)

Ein Mord passiert, bestialisch ist gar kein Ausdruck und Jed Martin wird älter dabei. Nicht plötzlich, eher beiläufig. Es ist schon zu merken, normal. Alles geht so seinen Gang. Der Heizungskessel „war im Grunde Jeds ältester Weggefährte.“ (S.386)
Sie existieren so vor sich hin.

Im Klappentext steht folgendes:
‚Karte und Gebiet‘ ist ein doppelbödiges, selbstironisches Vexierspiel, ein altmeisterlicher Geniestreich von überraschender Zartheit, ein gewichtiger Roman, der zugleich wie schwerelos wirkt. Der einstige ‚agent provokateur‘ und selbsternannte ‚Volksfeind‘ erscheint darin gereift und auf so humorvolle Weise melancholisch wie nie. ** Dem kann ich mich vorbehaltlos anschließen!

Für mich lautet eine Botschaft der Geschichte:

‚Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.‘

Mit Wundern beginnt alles. Aber es ist nicht das Ende.

Michel Houellebeq: Karte und Gebiet. Roman 2011. DuMont-Verlag. Übersetzung: Uli Wittman. ISBN 978 3 8321 9639 4

* Noch mehr so schönes gibt es hier.
** Karte und Gebiet, ebenda.

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From → Liebe, Sprache

2 Kommentare
  1. Ein sehr schöner Beitrag! gelesen hab ich ihn jetzt am Oktoberabend, aber die Luft ist ebenso frisch und klar…
    Und ich habe mich sehr gefreut über den link zu uns und danke herzlich dafür!
    Liebe Grüße und einen schönen Feiertagabend!
    Marlis

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  1. [Alles mit links] Karte und Gebiet – 2 - #Literatur | netzlesen.de

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