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Der Neger

19. Oktober 2014

Wir waren wandern und zum Abschluss gingen wir noch durch dieses Städtchen, irgendwo in Westfalen. Nach dem Kaffeetrinken landeten wir in einem Fachwerkhaus. Es versprach ‚Echt Antikes‘ und entpuppte sich schnell als die Sammlung üblichen Plunders. Aber es roch nicht moderig in dem Haus, die Bedienung war freundlich. So verzog ich mich in den Bereich mit den Büchern. Dort einmal angekommen vergaß ich die anderen irgendwie.

Mir fiel der Titel ins Auge. Der Neger von Simenon beginnt mit dem Satz: „Eines Tages werde ich es ihnen zeigen…“ Die anderen riefen mich, im Hinausgehen, zur Ordnung. Wo ich denn bliebe, usf. Es musste also schnell gehen. Für so ein Lesequickie schien es mir perfekt. Am Ende war ich der einzige der dort was gekauft hat und verstaute meinen Fang.

(Auf der Rückseite des Umschlags habe ich zu Hause noch entdeckt: „Mit tragischer und resignierter Hartnäckigkeit hängt Théo, der Vorsteher einer winzigen Zughaltestelle, einem unbestimmten Traum nach: ‚Eines Tages werde ich es ihnen allen zeigen.‘ Und dieser Tag scheint gekommen sein, als man eines Morgens einen Neger tot neben dem Bahngleise findet.“) Zu Hause würde ich es erst mal zu den anderen stellen.

„Was er ihnen eigentlich zeigen wollte, wußte er selbst nicht genau, er hatte da keine so festen Vorstellungen, und erst recht war unklar, wann das je geschehen sollte, so daß er sich allmählich fragte, ob er eigentlich selbst noch ernstlich daran glaubte.“ (S.6f) Es kam einfach, in Form einer nächtlichen Beobachtung. „Das Schicksal hatte ihm zwar einen Wink gegeben – so wie er an gewissen Abenden Léone einen Wink gab -, aber er hatte ihn nicht verstanden.“ (S.22)

„Ganz Versins-Haut und ganz Mauricourt kannte seine Geschichte.“ (S.16) So dachte Théo und darauf baute er. Alle Kreter Lügen, besonders auch in die eigene Tasche. Da ist Théo keine Ausnahme. Eher das Gegenteil. Die Geschichte spielt in der französischen Provinz, nach der Besatzung durch die Deutschen im WK II.

Selbstüberschätzung, Ängste – Geschichten von früher, alte Rechnungen, die offensichtlich noch nicht beglichen sind – jeder spielt hier seine Rolle. Sensibel, in erster Linie nur für sich. Alles geht so seinen Gang. Es spielt sich in den Köpfen ab. Und wir alle, die dieses Buch lesen, sehen die Verhältnisse nur mit den Augen eines ‚minderbemittelten‘ Bahnhofvorstehers, der endlich ‚es allen zeigen‘ will.

Was das ist, das weiß er nicht so genau, schließlich ist er ‚minderbemittelt‘*. Irgendwas von früher stört ihn. Zumindest könnte man ihn wahrnehmen. Verschrobene Gedankengänge werden vom Autor angedeutet… Der Leser hat sie zum Ende zu bringen. Théo ist da keine wirkliche Hilfe, zumal er in entscheidenden Situationen schnell überfordert ist. So trinkt er sich Mut an.

Wie das von aussen aussieht, blitzt plötzlich hier auf: „Schämst du dich nicht, du Schmutzfink, deine Bedürfnisse vor allen Leuten zu verrichten?“ rief ihm eine Frau zu, die ihre Tochten zur Schule brachte. „Wenn das nicht erbärmlich ist, am hellichten Tag schon in diesem Zustand zu sein!“
Er sah sie mit verschwommenem Blick an, zunächst mit der schuldbewußten Mine eines ertappten Kindes, dann schien plötzlich etwas in ihm auszuklinken, und er lachte der Frau voll ins Gesicht. … Er hatte allmählich Gedächtnislücken, konnte sich nicht immer erinnern, wie er plötzlich an diesen oder jenen Ort gelangt war.
(S.146f)

„Die Dinge laufen zwar nicht nach Théos Wunsch, doch wenigstens kann er einmal im Leben Schicksal spielen.“ Auch das fand ich noch auf dem Umschlag, zu Hause. Ich stellte es wieder zu den anderen. Eine erstaunliche Geschichte, und ganz anders als ich vermutet hatte.

„Das einzige, was ich Simenon ‚vorwerfe‘: daß ich ihn zu schnell lese.“ Peter Handke (Umschlag.)

Georges Simenon: Der Neger. Roman 1957. Hier: Diogenes TB Zürich 1983. ISBN: 3 257 21118 x

* Hier würde man so etwas als ‚zurückgeblieben‘ umschreiben. Es meint dasselbe. Früher habe ich solche Umschreibungen als Ausdruck von Höflichkeit betrachtet. Und das ist es ja auch. Aber mein Begriff von Höflichkeit war schräg. Im Kern ist das böse.

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From → misc., Sprache

4 Kommentare
  1. Ausnahmsweise mit Handke einverstanden.

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    • mickzwo permalink

      Dass Handke umstritten ist, war mir klar. Aber in diesem Fall hatte er einfach recht 🙂

      Danke für Deinen Kommentar. mick

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