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Stoner

15. November 2014

Erasmus v. Högendorf verstarb übrigens vor etwa dreihundert Jahren schon an der Erkenntnis, dass das Leben zu Ende gelebt werden muss. *

Neulich hat mich eine Geschichte getroffen. Getroffen ist wohl in diesem Zusammenhang richtig. Es war ein Geschenk. Wie passend war das denn?

„Irrtümer haben ihren Wert, jedoch nur hie und da. Nicht jeder, der nach Indien fährt, entdeckt Amerika.“ ** Immerhin war der unterwegs. Genau wie der Romanheld Stoner.

Es handelt sich um die Lebensgeschichte von Stoner. Er ist ein Durchschnitts-mensch an irgendeiner Hochschule in Columbia, Missouri. Begonnen wird mit seiner Beerdigung.

Ziemlich lange hat es gedauert, bis mich diese Geschichte gefangen hat. „Er brachte es nicht weiter als Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahmen, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn.“ (S.7)

Da hatte sich einer durchgebissen; eher wurde er zum Durchbeißen geschubst und ohne es zu ahnen, hatte er fortan nur Niederlagen einzustecken. Brillant ist er für sich und doch begreift er nie zur rechten Zeit etwas. Er ist wohl eher ein Nachgänger. ***

Gegen Ende seines Daseins wird folgendes von ihm berichtet: „…er ließ sich mitreißen, verlor alle Beherrschung. Es wollte nicht gerettet werden. Dann lächelte er liebevoll wie über eine Erinnerung, und ihm kam der Gedanke, dass er auf die sechzig zuging, weshalb er eigentlich über solche Leidenschaften erhaben sein sollte, über eine solche Liebe.

Doch er wusste, er war es nicht und würde es nie sein. Jenseits von Taubheit, Verlust und Gleichgültigkeit gab es sie, diese Leidenschaft, stark und ungeschmälert, und sie war immer da gewesen. In seiner Jugend hatte er sie verschwenderisch und gedankenlos weitergegeben, hatte sie dem Wissen zugewandt, das ihm – vor vielen Jahren nun? – vom Archer Sloane offenbart worden war; er hatte sie Edith gegeben in jenen ersten närrischen Tagen seiner Verliebtheit und Ehe, und er hatte sie Katherine geschenkt, als wäre sie nie zuvor gegeben worden.

Auf die eine oder andere Weise hatte er sie jedem Augenblick seines Lebens gegeben und sie vielleicht am reichlichsten gegeben, wenn ihm dies gar nicht bewusst gewesen war. Diese Leidenschaft war weder eine des Verstandes noch des Fleisches, sondern vielmehr eine Kraft, die beides umschloss, als wären sie zusammen nichts anderes als der Stoff, aus dem die Liebe ist, ihre ganz spezifische Substanz. Angesichts einer Frau, eines Gedichts sagte sie einfach: Sieh her! Ich lebe.“ (S.314f)

Vielleicht ist es das, was der Autor dieses Romans seinem Protagonisten in den Mund, bzw. in die Gedanken legt: Alles ist Leben. Und, es ist gut.

„Er hielt sich selbst nicht für alt. Wenn er morgens beim Rasieren manchmal sein Bild im Spiegel sah, fühlte er sich uneins mit dem Gesicht, das seinen Blick überrascht aus klaren Augen in grotesker Maske erwiderte; es war als trüge er aus schleierhaftem Grund eine ungeheuerliche Larve, als könnte er, wenn er nur wollte, die buschigen weißen Brauen abstreifen, das zerzauste weiße Haar, die um spitze Knochen zusammengesunkene Haut und die tiefen Falten, die Alter vorgaukelten.

Doch wusste er, dass ihm sein Alter nicht vorgegaukelt wurde. Er sah, wie krank die Welt und sein Land (…) waren; er sah, wie Hass und Misstrauen zu einer Art Irrsinn wurden, der wie eine Pest über das Land hinwegfegte; er sah junge Männer erneut in den Krieg ziehen, sah sie wie im Nachklang eines Albtraums begierig sinnlosem Untergang entgegenmarschieren. Und empfand Mitleid und Trauer, die so alt waren, so sehr Teil seiner Zeit, dass er selbst davon schon beinahe unberührt schien.“(S.315)

Dann heißt der auch noch William Stoner. Sein übrig gebliebener Freund und letztendlich Vorgesetzter – ein lavierendes Wiesel – vielleicht? Auf jeden Fall steht zu befürchten, dass dieser Grodon Finch den Knoten seines Lebens nicht mal wahrnehmen wird, geschweige denn benennen. Dieser Willi Stoner – jedenfalls – hat eine Herkunft, eine Frau, einen Freund, eine Liebe, einen Feind und eine Sicht. Durchschnitt zwar. Aber er hat sie. ES IST DAS HERZ EIN TROTZIG UND VERZAGT DING; WER KANN ES ERGRüNDEN? [Jer,17]

Leute sind nicht in seinem Fokus. Dabei sind es die Leute, die Stoner behindern. Ein großer Roman über einen kleinen Menschen. Wie gesagt, ich glaube man kann es sich nicht wirklich aussuchen, wann einen so eine Geschichte trifft. Und um die Eingangsfrage zu beantworten: Vielleicht nicht in dem Moment, sonst schon.

Auf dem Umschlag steht: >Stoner< ist eines der phantastischten Bücher, die Sie je in die Finger bekommen haben. Da ist was dran.

John Williams: Stoner. Roman. 9.Auflage 2014. dtv. ISBN: 978 3 423 28015 0

* Hanns Dieter Hüsch: Rede vom Leben. Zitiert nach: Gesellschaftsabend.
ISBN: 3 932219 30 9
** Erich Kästner: Der schöpferische Irrtum.
*** S.d.a.:http://de.wikipedia.org/wiki/Ignoranz

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From → Liebe, Sprache

11 Kommentare
  1. Ja, Stoner ist ein phantastisches Buch…. und ich habe es schon öfter weiterempfohlen und verschenkt und es war immer ein Volltreffer. Herzlchen Gruß unbekannterweise, Hannah

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  2. Ich werd den Stomer lesen. Er liegt schon auf dem Schreibtisch. Leider schon ziemlich lange. Deine Besprechung hat seine Chancen etwas früher dranzukommen sehr verbessert. Danke dafür sgen Stoner und der Kai

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    • mickzwo permalink

      Alles zu seiner Zeit.
      Ich lese jetzt mit wachsendem Genuss ‚Zwei Herren am Strand‘ .
      Danke für den Tipp und danke für den Kommentar. mick

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  3. Hüsch und Kästner in einem Beitrag vereint. Wie immer ,darf man sich auf die Bloggerwlt verlassen … 🙂

    Stoner kenn ich nicht, auch wenn das gerade Gelesene durchaus etwas neugierig macht.

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    • mickzwo permalink

      Kästner und vor allem Hüsch, die haben mir schon geholfen, da gab es sowas wie Blogger noch gar nicht. Sie helfen heute immer noch. (Wie so vielen, nehme ich an.)
      Ich wünsche ein gutes Gelingen… mit oder ohne ‚Stoner‘.

      Danke für den liebenswürdigen Kommentar, mick.

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