Skip to content

Gräser der Nacht

4. Dezember 2014

Ich bin der ich sein werde.

„Heute habe ich keine Angst mehr vor diesem schwarzen Notizbuch. Es hilft mir, mich über die Vergangenheit zu beugen, und bei diesem Ausdruck muss ich lächeln. Das war der Titel eines Romans: ‚Ein Mann beugt sich über seine Vergangenheit‘, den ich in der Bibliothek des Hauses – ein paar Regalbretter mit Büchern, neben einem Fenster im Salon – entdeckt hatte. Vergangenheit? Nein, nein, es handelt sich nicht um die Vergangenheit, vielmehr um Episoden eines geträumten, zeitlosen Lebens, die ich Seite um Seite dem trüben Alltagsleben entreiße, damit es ein bisschen Schatten und Licht bekommt. Heute Nachmittag sind wir in der Gegenwart, es regnet, Menschen und Dinge versinken in einem Grau-in-Grau, und ich warte ungeduldig auf die Nacht, in der sich alles klar und deutlich abzeichnen wird, ja, eben dank der Kontraste von Schatten und Licht.“ (S.52f)

„Neulich, in der Nacht, fuhr ich im Auto (…) ich war gerührt über diese Lichter und diese Schatten (…) bei denen ich das Gefühl hatte, sie würden mir entlang einer Avenue oder an einer Straßenecke, Zeichen schicken. Es war genau das Gefühl, das du verspürst, wenn du lange ein erleuchtetes Fenster betrachtest: ein Gefühl von Anwesenheit und Abwesenheit zugleich. Hinter der Glasscheibe ist das Zimmer leer, doch jemand hat die Lampe angelassen.“ (Und:) „Für mich hat es Gegenwart oder Vergangenheit niemals gegeben. Alles verschmilzt, wie in dem leeren Zimmer, wo eine Lampe brennt, jede Nacht.“ (S.53)

Wo führt das alles hin?

Alles ist auf Zukünftiges gerichtet. Die ist aber eher im Plusquamperfekt. Also etwas Vollendetes. Das schwarze Notizbuch wird immer wieder benutzt, um mühsam aus Bruchstücken der Erinnerung ein Bild zu basteln.

Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Aber alle sagen etwas darüber. Darum ist die Vergangenheit so wichtig. Indem ich notiere wird die Gegenwart zur Vergangenheit. Ich besiegele ihr Schicksal. Ganz individuell.

Die Gegenwart ist zu kurz für Analysen. Da ist man beschäftigt mit anderem. Als Person ist man immer abgetrennt, hermetisch. Verbrüdern können wir uns nur in der Vergangenheit. Jeder für sich. Da wird das Ausrechnen der Zukunft höchst spekulativ und gerät leicht in Chaos.

Wo führt das also hin? „Man darf sich der Zukunft nicht so sicher sein.“ (S.78)
Aber die Seele bleibt unsterblich. Plato lässt schön grüßen.

Patrick Modiano: Gräser der Nacht. Roman, München 2014. Carl Hanser Verlag.
ISBN 978 3 446 24721 5

Unbedingt ansehen: Philea’s Blog und Cool Pains.

Advertisements

From → Liebe

6 Kommentare
  1. feine Gedanken zur Zeit, die ich ähnlich empfinde … alle treffen sich im Jetzt, weil es eigentlich nichts anderes gibt?
    so langsam werde ich richtig neugierig auf Modiano …

    Gefällt mir

  2. Hier herrscht ja geradezu eine Modiano-Manie. 🙂

    Gefällt mir

  3. Mmmmh, klingt auch sehr gut … Lieben Dank für die Erwähnung!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: