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Ripley’s Game

21. Dezember 2014

Wie bekommt man einen Menschen dazu, einen anderen Umzubringen?

Es ist ein Spiel, ein böses, abstruses wie es mir scheint. Ich erinnere den Film aus den siebzigern, dem dieser Roman von Patricia Highsmith zu Grunde liegt. Den Film habe ich damals nicht verstanden. Zu jung suchte ich nach Bedeutung, wollte abkürzen. (Man soll nicht suchen und Abkürzungen stellen sich oft als Umwege heraus.) Mich faszinierte der junge Bruno Ganz und Dennis Hopper, den ich bei Easy Rider kennengelernt hatte.

Ein unmoralisches Angebot wird sachlich vorgetragen. Jonathan ist ablehnend. „Danke ich bin kein Killer.“ (S. 53) Wister, wie sich Reeves nun nennt, spricht ruhig weiter. Schließlich hat er ja ein Ziel. Und dessen ist er sich sicher. Jonathan hingegen braust nicht auf. Ist er irritiert wegen des Angebots und dessen selbstverständliche Art. Diese Sicherheit wegen eines Gerüchts?

Nicht plötzlich, eher schleichend geht alles seinen Gang. Es wird jede Bemerkung, jede Geste auf die berühmte Goldwaage gelegt. Offenbar ist alles wichtig. Sehr sachlich spielt der Protagonist die Möglichkeiten durch, um sich dann so oder so zu entscheiden. Meistens entscheidet er sich so. Oder lässt er sich treiben?

Alles was der Zuschauer an Einwänden vorbringen mag, wird Jonathan auch durchdenken, früher oder später. Verwundert reibt man sich oftmals die Augen… Patons Höhle schlägt den Verfolgern der Ereignisse dabei so manches Schnippchen. Es geht tatsächlich um Leben und Tod.

„Sie werden sehen, wie einfach es ist, heute Abend. Und nachher feiern wir dann, wenn sie Lust haben.“ (S.105) Reeves verfolgt sein Ziel mit einer Sachlichkeit die alles in den Schatten stellt. Jonathan macht sich mit seinen Vorbehalten etwas vor. Letztlich tut er es. „Dann war er oben angelangt und ging weiter, einfach geradeaus, ohne Ziel.“ (S.110)

Ein Gehirn kann gar nicht anders, als Sinn zu suchen. Aber es geht ihm um Logik und subjektive Wahrheiten. Welche das sind ist erstmal zweitrangig. Logiken gibt es ja viele. Da wird schnell etwas verwechselt. Entscheidungen werden gern im Zustand einer Erschöpfung getroffen. Das geht ratz-fatz. Für Außenstehende ist das dann oft von einer unglaublichen Radikalität. Dabei ist man orientierungslos und so müde. [True North, Tina Dico]

Geld korrumpiert. Besonders, wenn man es in Aussicht hat. Immer tiefer gerät Jonathan in das ‚Spiel‘ und wird so vom Opfer allmählich zum Täter. ‚Reeves lächelte nicht, aber er sah zufrieden aus. Er langte nach einem Kästchen auf dem Nachttisch. „Das sind holländische Zigarren – mögen Sie? Sie sind recht gut.“ Zigarren – das war mal was anderes; lächelnd nahm Jonathan eine und ließ sich von Reeves Feuer geben. „Danke schön. Auch für das Geld.“ Es war nicht mal ein Drittel, das war ihm klar. Und erst recht nicht die Hälfte. Nur sagen konnte er das nicht.‘ (S.126)

Vom ‚amerikanischen Freund‘ war hier noch gar nicht die Rede. Er verkörpert den netten Gangster. Der hat sich das ganze ausgedacht. „Tom Ripley ist Patricia Highsmiths Lieblingsheld, dem der geneigte Leser (…) begegnet, um ihm erneut ratlos und fasziniert gegenüberzustehen. Denn die böse Patricia hat mit der Erschaffung dieser Figur nicht nur Krimi- und Thrillerhelden einen Gegentyp vor die Nase gesetzt, sie hat darüber hinaus seelenruhig auch alle geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der literarischen Gattung Kriminalroman beiseite gefegt. Ripley ist nämlich sympathisch, obwohl ein Schurke durch und durch.“ *

Diese Geschichte ist kalt, durchstrukturiert und vollkommen desillusionierend. Aber sie zeichnet Menschen, nicht Leute. Der Antiheld der Geschichte ist – anfangs noch – tragisches Opfer eines zynischen Spiels auf Leben und Tod. So wird aus einem Biedermann selbstverständlich ein Mörder. Der ‚amerikanische Freund‘, Tom Ripley, macht sich kaum die Finger ’schmutzig‘ und wenn, empfindet er keine Schuld, im herkömmlichen Sinne.

Er ist Gangster mit einen gewissen Verantwortungsgefühl und viel Charme. „Kein Mensch, der Tom Ripley in diesem Augenblick gegenüberstand, würde glauben, daß er jemanden umbringen, mit seinen Händen erdrosseln könnte…“ (S.191) Patricia Highsmtith spielt mit dem Ressantiment der Leser. Ein echter Psychothriller.

Patricia Highsmith: Ripley’s Game oder Der amerikanische Freund. Roman 1974. Diogenes. Hier: Diogenes TB 1977. ISBN: 3 257 20346 2

* Ilse Leitenberger/Die Presse, Wien. Zitat nach dem Umschlag des Buches.

„… eigentlich gab es immer irgendwas“, dachte Tom (S.233)

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From → Liebe, Sprache

3 Kommentare
  1. „Der talentierte Mr. Ripley“ ist eines meiner Lieblingsbücher.
    Faszinierend zuzusehen, wie aus einem Menschen wie Du und Ich plötzlich ein Mörder wird und dieser eiskalt und berechnend bleibt …

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Den Film mit Alain Delon, „Nur die Sonne war Zeuge“, der nach der Vorlage eines Deiner Lieblingsbücher gedreht worden ist, habe ich mal gesehen. Und eben „Der amerikanische Freund“. Beides super Filme. Sehr gut gemacht und sicher auch unterhaltsam. Etwas – von den Figuren um Ripley – habe ich aber erst verstanden nach der Lektüre des Buches. „Der talentierte Mr. Ripley“ werde ich wohl auch noch lesen.

      Danke für Deinen Kommentar. mick

      Gefällt 1 Person

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  1. [Alles mit links] Ripley’s Game - #Literatur | netzlesen.de

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