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Secondelieutenant Sjedoch

27. Dezember 2014

So begann Secondelieutenant Sjedoch sein Leben.

Als der Schreiber den Befehl abschrieb, war Secondelieutenant Sjedoch ein Fehler, ein Verschreiben, weiter nichts. Es hätte nicht bemerkt zu werden brauchen und im Papiermeer versinken können und, da der Befehl durch nichts interessant war, so hätten es spätere Historiker überhaupt kaum restauriert.“ (S.33)

So könnte es gewesen sein.*

Zur gleichen Zeit – etwa – verabschiedet sich Lieutenant Sinjuchajew von seinem Leben. „Da begriff er, daß er gestorben war.“ (S.31) Ein Treppenwitz der Geschichte. Fortan wird er bis zu seinem Tode nicht mehr existieren, nur vegetieren.

„Sein Gang änderte sich wenig. Zwar leierte die Bewegung diesen Gang aus, aber dieser ausgeleierte, spelzige, ja spielzeughafte Gang war doch der eines Offiziers, der eines Militärs.“ (S.67) Verstört versucht er Statur zu behalten ohne zu begreifen, worin sein Verschulden liegt.

„Die Bauern rochen nach Wind, die Weiber nach Rauch. Lieutenant Sinjuchajew sah niemanden direkt ins Geschicht und unterschied die Leute nach dem Geruch. Nach dem Geruch wählte er sich den Platz zum Übernachten, wobei er sich befleißigte, unter einem Baum zu schlafen, weil unter einem Baum der Regen nicht so durchnäßt. Er ging, ohne sich irgendwo länger aufzuhalten.“ (S. 66f)

Sjedoch war nur ein Schreibfehler, als solcher letztlich sogar sehr erfolgreich. Der nicht vielversprechende Start der Karriere dieses Secondelieutenant Sjedoch ist in Kapitel 17 wunderbar beschrieben: „Und nach einiger Zeit wurde dem Lieutenant Sjedoch ein Sohn geboren, den Gerüchten nach – ihm ähnlich. Der Imperator vergaß ihn. Er hatte viel zu tun.“ (S.64)

Der fiktive Sjedoch ist zum Ende hin nicht nur hochdekorierter Hauptmann, hat ein Regiment unter sich und soll reich beschenkt werden. Er stribt auch im rechten Moment, und wird mit allen Ehren zu Grabe getragen. Ordnung muß nun mal sein.

Lieutenant Sinjuchajew, ein Mensch aus Fleisch und Blut, versteckt sich gezwungenermaßen im gemeinen Volk. Bis an sein Lebensende wird er nicht begreifen warum ihm so etwas zustößt. Bitterer Ernst in einer Zeit, wo jeder Angst hat und jeder jeden belauert.

In seiner Funktion gibt es ihn nicht mehr. So will er nicht auffallen. Das Räderwerk funktioniert weiter. Dafür wird er nicht gebraucht. Ganz weit oben glänzt es. Über allem thront der Imperator.

Juri Tynjanow: Secondelieutenant Sjedoch. Kleine russische Bibliothek im Verlag Heinrich Ellermann. Sorgsam übersetzt von Elisabeth Kottmeier. Ein Nachwort von E. G. Kostetzky. 1963 Hamburg und München.

* Die Geschichte, von der hier erzählt wird, basiert auf einer Begebenheit um den russischen Zaren Paul I. Er saß auf dem Thron von 1769 bis 1801.

Wohl nur noch in Antiquariaten oder online zu haben.

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From → Liebe, Sprache

4 Kommentare
  1. Klingt spannend!

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Secondelieutenant Sjedoch - #Literatur | netzlesen.de

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