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Unschuldige

2. Januar 2015

„Was für eine Zeitverschwendung.“ (S.374)

Neulich sahen wir zufällig eine Reportage im TV. Sie handelte von der Operation Gold im Berlin des kalten Krieges. Trotzig feierten da Veteranen sich und ihre Niederlage.

Diese Operation Gold* dient als Hintergrund für den Roman „Unschuldige. Eine Berliner Liebesgeschichte“. Im Grunde ist es eine Allerweltsgeschichte, und – abgesehen von dem geschichtlichen Hintergrund – nur darum spannend bis zur letzten Seite.

„Sie hieß Maria Louise Eckdorf, war dreißig Jahre alt und wohnte in der Adalbertstraße in Kreuzberg, zwanzig Minuten Fahrtdauer von Leonards Wohnung entfernt.“ (S.67) Dieser Leonard war fünfundzwanzig, Engländer, Kommunikationstechniker, und als solcher Teil der Operation Gold. Wir schreiben das Jahr Neunzehnhundertfünfundfünfzig.

Leonard, noch Jungfrau, lernte in einem Etablissement, das zur Anbahnung diente, die Liebe kennen. Es ist die Liebe seines Lebens. Die ist zwar nicht Jungfrau jedoch wußte sie diesen Zustand aber sehr zu schätzen. „Maria, die mit ihren Forderungen nicht hinterm Berg hielt, gestattete Leonard, eine Neugier zu befriedigen, die sie reizend fand.“ (S.128) Die beiden sind einander verfallen.

Glass, von dem noch die Rede sein wird, hatte andere Sorgen: „Alles, aber auch alles an diesem Projekt ist wichtig, jede Kleinigkeit.“ (S.71)

Ein übergeschnappter Pharao hat mir neulich erklärt, es gäbe nichts Neues unter der Sonne. Das habe ich dann nachgeschlagen bei einem Prediger. Und der behauptete dann doch tatsächlich, alles hätte seine Zeit und außerdem wäre Zweisamkeit immer der Einsamkeit vorzuziehen. All das sei wahr, doch des Büchermachens sei kein Ende. Das sagte er auch noch.** Genau.

Es gibt Geschichten, die haßt man irgendwann und doch kann man nicht von ihnen lassen. Die Menschen verhalten sich oft so merkwürdig opak. Bücher helfen da kaum. Es ist trotz allem keine Zeitverschwendung, auch wenn es objektiv betrachtet nichts Neues ist. Denn es stimmt was da beim Prediger steht. Alles hat seine Zeit. Immer wieder aufs Neue.

Nach langer Zeit, vielen Missverständnissen und Widrigkeiten kehrt Leonard zurück nach Berlin. „Was für eine Zeitverschwendung! (…) Seine Zeit und ihre Zeit, wieviel unbebautes Land. (…) Er hatte erst die ganze Strecke zurücklegen müssen, um ihren Brief begreifen zu können.“ (S.374)

Es muss von jedem irgendwie immer neu erfahren werden. Es kann mannigfaltige Gestalt annehmen. Das ist dann Geschichte und hat mit Fortschritt kaum etwas zu tun.

Ian McEwan: Unschuldige. Eine Berliner Liebesgeschichte. Roman, Diongenes TB 1993. ISBN 978 3 257 22579 2

* Vergl. dazu z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Gold
** Frei nach Martin Luther, Pred. Kap. 1;3;4 und 12

They say you can get lost for days
In landscapes of big emotions
… Tina Dico, True North.

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From → Liebe, misc., Sprache

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