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Letzte Zugabe

13. Januar 2015

Pidgin – Kommunikation – Minimalistik

Ich glaube, wir hören gar nichts mehr. Und vor allem nicht mehr zu. Ich habe heute den Hotelportier gebeten: „Bestellen Sie mir bitte ein Taxi?“ Und er: „Kein Thema.“
War das jetzt ein Nein? Natürlich war es ein Thema. Ich möchte ein Taxi. Und ich fragte zurück: „Wieso is das kein Thema?“ Und er: „Alles klar.“
Nichts war klar. Und zwar, weil für ihn mein Taxi kein Thema war. Und ich nochmal: „Zurück zum Thema Taxi. Ist das jetzt klar?“ Und er: „Kein Problem.“
Und dann ich wieder, ob er mit mir ein Problem hat. Und er: „Kein Thema.“ Und ich: „Alles klar.“
(S.93)

Ich erinnere wie ich als Junge, frisch gebadet, pünktlich um viertel nach acht vor den Fernseher saß. Ich durfte, ausnahmsweise, länger aufbleiben. Da hatte ich drauf hin gearbeitet. Lange und zäh. Die Lach- und Schießgesellschaft war angesagt. Vati rührte die Bowle an und machte Schnittchen. Es war Silvester. Von den Schnittchen ja, die Bowle? Um Gottes Willen, doch nicht die Kinder!

Vermutlich war es so ein Initiationsritus der frühen sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Ganz egal, Dieter Hildebrandt & Co. Es war das Ereignis, das mich prägen sollte. Danach konnte das neue Jahr getrost kommen.

Text für den geplanten ersten Auftritt nach seiner Genesung am 1. Dezember 2013 in der Lach- und Schießgesellschaft

Und immer wieder stelle ich die Frage, die in diesem Hause natürlich nahezu ungehörig ist: „Sitzen Sie gut?“
Damit möchte ich ausdrücken, dass ich heute besonders dankbar bin für ihr Erscheinen. Ich hatte mal, was selten gewesen ist, ein paar Wochen lang Pause gemacht. Jahrelang hatte ich mich, schon vorausschauend, mit Krankenhäusern beschäftigt und war zu dem Schluss gekommen: Krankenhäuser sind ein Gesundheitsrisiko. Aber darüber hab ich mich natürlich auch schon hinweggesetzt.
Wenn ich mir unseren gegenwärtigen politischen Laden so anschaue, da muss man gar nichts mehr wissen. Ich habe mir immer gesagt: Wer in seinem kurzem Leben nie etwas Dummes sagen will, muss sein Leben lang schweigen. Wo war ich stehen geblieben? Im Krankenhaus.
Es fing gut an. Ich betrete das teure Haus, öffnet sich ein Lift, drinnen ein junger Mann, der die Operierten durch die Gänge fährt, so ein flotter, junger Betten-Vettel, sieht mich, lässt seinen Operierten im Lift, saust auf mich zu, will mir die Hand drücken, und ich sage: „Moment, Ihr Patient fährt grade weg mit dem Lift.“
„Macht nichts“, sagt er, „den krieg ich schon wieder.“
Nach zwei Stunden hat er ihn wiedergefunden. Wahr ist: Niemand hat ihn vermisst.
Wenn Sie mal das Vergnügen haben sollten, lassen sie sich so was unter die Haut machen, mit Pieptönen, damit ihre Angehörigen wissen, wo Sie ungefähr sein könnten. Manchmal suchen sogar die Ärzte, wo Sie abgeblieben sind.
Meistens stehen Sie Schlange vor Apparaten, die zum dritten Male rauskriegen sollen, was anliegt … Anliegen, stimmt … man liegt im Bett eine Stunde lang an, bis man drunter ist. Einmal langt nicht. Die Apparate sind teuer, sie müssen da öfter drunter. Wenn einer das überstanden hat und er hat seinen letzten Satz gesagt, so was muss ein Mensch haben. Napoleons letzter Satz zu Goethe: Voilà un homme! … oder Goethe das mit dem Licht, ich habe mir auch einen ausgedacht: „Morgen ist auch noch ein Tag.“
Eins ist mir klar: Am Schluss wird man nicht von Blumen erdrückt, sondern von den Rechnungen der Radiologen erstickt werden.
(S.104f)

Spass sollte es machen. Das war eine Pflicht für ihn. Aber, man musste ihm schon genau zuhören; genauso wie er auch bereit war, selbst zu zuhören. Das war so ein Ding auf Gegenseitigkeit. Er war da nicht nachtragend.

Gern wurde sein Standpunkt aber auch nochmal verdeutlicht. Soviel Zeit musste sein. Alles war ihm wichtig weil alles für ihn Politik war. Als Menschenfreund war ihm Anbiederung genauso zuwider wie die Not einzelner. Immer.

Nicht, dass er geduldig war. Doch es gibt ja Zeiten für alles. Jetzt ist es für mich einfach an der Zeit für eine tiefe und lange Verbeugung.

Dieter Hildebrandt*: Letzte Zugabe. Blessing. München 2014.
ISBN 978 3 89667 537 8

Auch in Bibliotheken.

* Geboren am 23. Mai 1927 in Bunzlau, Niederschlesien; gestorben am 20. November 2013 in München.

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From → Sprache

7 Kommentare
  1. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen habe ich mir vor einigen Wochen „Kein Thema“ angeeignet und komme da nun nicht mehr runter. Jetzt fühle ich mich ertappt.
    Herzliche Grüße

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  2. PS: Was er wohl in diesen Tagen sagen würde…er fehlt.

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Ja, er fehlt.

      Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      PS:
      Was Hildebrandt heute äußern würde das weiß ich nicht. Sicher kannte er vieles. Unter anderem die Berichte des „Club of Rome“. Geschichte war wohl für ihn nur ein Mittel zum Zweck. Mir scheint es, als ob alles nach vorne gerichtet war. Er lebte immer im Jetzt, und zwar mit optimistischem Blick in die Zukunft. Der Glaube an das Gute im Menschen hat ihn nicht weich gemacht gegen Leute und ihre Absichten. Er war für mich ein ‚unverbesserlicher‘ Optimist und nur darum konnte er an den Umständen in der Gegenwart so unvergleichlich kritisieren. Er reiht sich da ganz Bescheiden ein unter viele Große. Zum Schluss hat er es so gesagt: ‚Morgen ist auch noch ein Tag.‘

      Wie auch immer, zwei Dinge hat er uns in jedem Fall hinterlassen: das eigene Nachdenken und die Kraft der Empathie.

      Gefällt 1 Person

      • Ein MenschenFREUND und MenschenKENNER – beides zu vereinen, das gelingt nicht vielen. Wie Du schreibst: Dazu gehören Empathie, Optimismus, aber auch Klarsicht und Mut. Dass er, als Kritiker und Begleiter der jüngeren Geschichte, trotz alledem an den Verhältnissen, die sich nicht ändern, nicht verzweifelt ist, dafür bewundere ich ihn. Dass er immer weiter gemacht hat.

        Gefällt 1 Person

  3. So ein schöner Beitrag über den von mir verehrten Dieter Hildebrandt! Danke sehr!

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  1. [Alles mit links] Letzte Zugabe - #Literatur | netzlesen.de

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