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Über Schönheit

19. Januar 2015

Stellen Sie sich vor, jemand würde sagen: „Dieser Sonnenuntergang ist interessant.“* (S.37)

‚Die Schönheit gehört zur Geschichte der Idealisierung, die ihrerseits in die Geschichte des Trostes gehört. Aber Schönheit tröstet nicht immer. Die Schönheit von Gesicht und Gestalt wühlt auf, unterjocht; diese Schönheit ist herrisch. Die menschliche und die gemachte Schönheit (die Kunst) lösen Besitzphantasien aus. Unser Modell vom interesselosen Wohlgefallen knüpft dagegen an die Schönheit der Natur an – einer fernliegenden, allumfassenden, nicht zu besitzenden Natur.

Hier eine Passage aus einem Brief, den ein deutscher Soldat Ende Dezember 1942 im russischen Winter schrieb:

„Das schönste Weihnachten, das ich je erlebt habe, nur aus uneigennützigen Empfindungen bestehend, ohne kitschiges Drumherum. Ich war allein unter einem riesigen, mit Sternen übersäten Himmel, und ich erinnere mich, wie mir eine Träne an der eiskalten Wangen herunterlief, keine Schmerz- und keine Freudenträne, sondern eine Träne des Gefühls, ausgelöst durch dieses intensives Erleben …“

Anders als die oft zerbrechliche und flüchtige Schönheit, ist die Fähigkeit, sich von der Schönheit überwältigen zu lassen, erstaunlich robust und überdauert sogar massivste Ablenkungen. Auch der Krieg und selbst die Aussicht auf einen sicher bevorstehenden Tod vermag sie nicht auszulöschen.‘ (S. 35f)

‚Das Schöne erinnert uns auch an die Natur als solche – an das, was jenseits des Menschlichen und des Gemachten liegt – und weckt und vertieft damit unser Bewusstsein von den Ausmassen und der Fülle der Wirklichkeit, die uns umgibt – der unbelebten wie der pulsierenden.‘ (S.36f)

Susan Sontag: Zur gleichen Zeit. Aufsätze und Reden. Hanser, 2008.
ISBN 978 3 446 23004 0
Hier: Über Schönheit

PS.: Die blaue Blume ist längst gefunden. Mancher stolpert über sie und wundert sich, was ihm da vor den Füßen liegt. Andere suchen sie mit Mühe. Wenn sie ihr begegnen sind sie oft schon müde. Wieder andere finden das alles nicht so aufregend. Es interessiert sie einfach nicht. Achtlos gehen sie ihrer Wege. Können und Wollen sind gute Kumpels. Sie merken es oft zu spät.
(mick; 27. Expedition in sein Innerstes)

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From → Sprache

5 Kommentare
  1. Wunderbar…

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  2. Sehr fein ausgewählte Zitate! Wirklich einmal Texte, die man nicht überall liest.
    Zur Ergänzung: Wir schrieben auf unserem alten Blog vor 2 Jahren etwas über die Hässlichkeit
    https://kbvollmarblog.wordpress.com/2013/01/11/wie-das-hassliche-in-die-kunst-kam/
    Hab eine schöne Woche.
    Herzliche Grüße von der sonnigen Küste Nord Norfolks
    the Fab 4 of Cley

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    • mickzwo permalink

      Das war am 11. Januar 2013. Ich habe den Artikel gelesen. Den Eco allerdings noch nicht. Das hat sich einfach nicht ergeben. (Wie so manches.) Zum Rest des Kommentars stehe ich immer noch.
      Ich danke für Deinen Kommentar. Dir und den Deinen auch eine schöne Zeit! mick.

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  1. [Alles mit links] Über die Schönheit - #Literatur | netzlesen.de

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