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Artemisia

23. Januar 2015

„Non piangere.“ Nicht weinen. Wer spricht da? Und wo? (S.65)

Der Lebenslauf von Artemisia Gentileschi aus dem 16.Jahhundert war mir in groben Zügen bekannt. Die sachliche Beschäftigung mit der Judith dem Holofernes sein Haupt absäbelt hat mich bei unserer ersten Begegnung sofort eingenommen. Was für ein Bild, was für eine Künstlerin. In dieser Zeit…

„…nichts ist rückwärtsgewandt an einem Roman wie ‚Artemisia‘, der auf verschlungenen, riskanten Wegen zu erkunden versucht, was es heißt, auf der Grundlage realer Personen eine Geschichte zu ersinnen – wie es ja wohl die meisten Romane tun und keineswegs bloß jene, die man historische Romane nennt. Tatasächlich sind im Gewand historischer oder biographischer Romane – fiktionaler Versionen des Lebens einer realen Person – einige der originellsten literarischen Schöpfungen des 20. Jahrhunderts in Erscheinung getreten.

Mit seinem Reichtum am unterschiedlichen Tönen und der geradezu unheimlichen sinnlichen Präzision, mit der ‚Artemisia‘ eine vergangene Welt neu erschafft und die Herausbildung eines heroischen Bewusstseins schildert, steht dieses Buch ebenbürtig neben Penelope Fitzgeralds Meisterwerk ‚Die blaue Blume‘ – der Lebensbeschreibung des Dichters Novalis. Seine obsessive Beziehung zur Hauptfigur, seine dialogischen und fragenden Stimmen, die doppelte Erzählung (die sich in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart abspielt) und die freie Vermischung von Passagen, die in der ersten, mit solchen, die in der dritten Person erzählt werden – all dies verschafft ihm eine Familienähnlichkeit mit Leonid Zypkins Dostojewski-Roman ‚Sommer in Baden-Baden‘.

Solche Bücher – wie auch ‚Ich zähmte die Wölfin‘ kreisen sie um anstrengende Reisen, die gleichzeitig auch Reisen einer verwundeten Seele sind – würde man trivialisieren, wenn man sie historische Romane nennen würde.“ (S.85)

„Anna Banti wollte ihr Manuskript in den Kämpfen um Florenz Anfang August 1944 bestimmt nicht verlieren. Kein Schriftsteller könnte seinem Werk ein solches Schicksal wünschen. Aber es besteht kein Zweifel – ein großes und in Bantis Werk einzigartiges Buch wurde ‚Artemisia‘ gerade wegen dieses doppelten Schicksals: ein Buch, das verlorenging und wiedergeschaffen wurde. Ein Buch, das posthum neu geschrieben wurde und das dadurch an emotionaler Spannweite und moralischer Autorität unermesslich gewonnen hat. Vielleicht ist es damit zu einem Sinnbild für die Literatur überhaupt geworden. Und auch zu einem Sinnbild für das Lesen, für das militante Lesen – das dort am wertvollsten ist, wo es ein Wiederlesen ist.“ (S.86)

Susan Sontag schreibt hier über den Roman ‚Artemisia‘ von Anna Banti. Es ist mehr als eine Besprechung. Sicherlich ist der Text auch eine Verbeugung vor der Menschlichkeit der Malerin aus dem 16. sowie der Autorin aus dem 20. Jahrhundert. Für mich ist aber Susan Sontags Text zu einem spannenden Bekenntnis zur Literatur und zum Lesen geworden.

Wie auch immer, es bleibt aus meinen Blickwinkel nur abzuwarten, welches der hier genannten Bücher mir zuerst über den Weg laufen wird. Spannend.

Susan Sontag: Zur gleichen Zeit. Aufsätze und Reden. Hanser, 2008.
ISBN 978 3 446 23004 0
Hier: Ein Doppelschicksal – Anna Brantis „Artemisia“

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From → Liebe, Sprache

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  1. [Alles mit links] Artemisia - #Literatur | netzlesen.de

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