Skip to content

Die italienischen Schuhe

31. Januar 2015

Wenn der Schuh paßt denkt man nicht an den Fuß. Zhuang Zhhou

„Fredrik Welin lebt völlig zurückgezogen auf einer kleinen Insel in den Schären, mit Hund und Katze und einem wachsenden Ameisenhaufen im Wohnzimmer. Er glaubt, mit seinem Leben abgeschlossen zu haben. Nur wenn er durch ein Loch im Eis ins bitterkalte Wasser steigt, kann er die eigene Lebendigkeit noch spüren. Doch plötzlich steht seine Jugendliebe Harriet vor ihm, die ihn an ein altes Versprechen erinnert und ihm den Weg zurück zu den Menschen weist.“ *

Die Geschichte beginnt im Winter. Das Eis hat alles fest im Griff. Fast alles, jedenfalls. Wie es scheint ist alles um diesen Menschen herum in trostloser Routine erstarrt. Als Eigenbrötler hat er sich mit seiner Einsamkeit und verschütteten Erinnerungen arrangiert. Er straft sie größtenteils mit Ignoranz.

„Ich wuchs in einem Niemandsland auf, zwischen Tränen und Zinnsoldaten. Und mit einem Vater, der hartnäckig behauptete, daß das, was einen Kellner mit einem Opernsänger verbinde, die Notwendigkeit sei, bei der Arbeit ordentliche Schuhe zu tragen.“ (S.14)

Genau darum geht es. Um einen Vater und ordentliche Schuhe. Fredrik Welin bekommt es fast ausnahmslos mit Frauen zu tun. Und doch sind sie es beide, die bestimmende Elemente der Erzählung sind; nämlich die Vaterfigur und die Frage nach dem ordentlichen Schuhwerk. Sie fungieren gleichsam wie der so bekannte rote Faden, an dem man sich langhangeln kann.

Fredrik Welin ist sehr irritiert als Harriet auftaucht. „Plötzlich hatte sich eine Tür zu einem Leben geöffnet, das ich nahezu für beendet gehalten hatte, und die schöne Frau, die ich einst geliebt und betrogen hatte, war zurückgekehrt. (…) Ich fühlte mich verloren.“ (S.45) Ein altes Versprechen wird eingefordert und ist der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Erlebnissen.

„Ich dachte an die Reise, die ich einmal mit meinem Vater gemacht hatte. Das Restaurant, in dem er angestellt war, hatte ihm wegen Arbeitsverweigerung an den Abendstunden gekündigt. Wir fuhren in nördlicher Richtung aus Stockholm heraus…“ (S.66)

Harriet macht ihm zu schaffen. Sie ist sterbenskrank aber beharrlich und auf ein Ziel gerichtet. Fredrik dagegen scheinen die Ziele abhanden gekommen, vielleicht hatte er gar keine. Auf jeden Fall legt er sich etwas zurecht: „Die Menschen sind sich nahe, um sich zu trennen, sonst nichts.“ (S.94) Es scheint so, als wollte Fredrik diesen Satz verifizieren.

„Ich stand am Fenster und dachte, daß ich meinen Vater auf die gleiche Art gesehen hatte. Ganz so dick wie er war ich nicht, auch wenn mein Bauch angefangen hatte zu hängen. Aber wer sah mich? Niemand außer Harriet, die sich die Kissen hinter den Rücken gestopft hatte.

Ich war ein halbnackter Mann in einer Winterlandschaft, kann man sagen.“ (S.85)

Er macht Bekanntschaft mit seiner erwachsenen Tochter Louise. Einmal, als er Louise besucht, lernt er den Schuhmacher Giaconelli Mateotti kennen, er soll sich ein Paar Schuhe von ihm anfertigen lassen. Louise will sie ihm schenken. Und Fredrik denkt bei sich: „Es ist ein merkwürdiger Gedanke, daß mein Vater und meine Tochter viel gemeinsamen Gesprächsstoff gehabt hätten.“ (S.151)

Bei einer anderen Gelegenheit fragt Fredrik seine Tochter: „Warum gibt es hier keine Durchschnittsmenschen“? Darauf antwortet sie, weil Menschen nicht durchschnittlich sind. „Das ist ein verzerrtes Bild der Welt,(…)“ Aus Bequemlichkeit oder Machtstreben denke man so.“ (…) Es wird so verzweifelt viel über eine Durchschnittlichkeit gesprochen, die es nicht gibt.“ (S.166)

Die Bekanntschaft mit seiner erwachsenen Tochter bringt ihn dazu die Konfrontation mit seiner Lebenslüge als Arzt zu suchen. Und er wird abermals irritiert. Wir können nicht alles Steuern, geschweige denn es im Griff haben. Trotzdem ist man schnell gefordert einen Standpunkt zu den Dingen zu entwickeln. Dinge, hinter denen sich ja immer Schicksale verbergen. Und das kann durchaus schmerzhaft sein.

Zu seiner Bestürzung stellt Fredrik auch fest, dass er sogar Freunde hat. Einer dieser Menschen bemerkt einmal: „Man weiß nie, warum man sieht, was man sieht.“ (S.342) Früher hätte Fredrik so einen Ausspruch hingenommen. Jetzt kann er das im besten Fall als Ironie verstehen. Etwas für wahr nehmen hat immer auch etwas mit Interesse zu tun.

Das Buch zeigt in erster Linie wie Geschichten sind. Auslöser, Neben- und Haupterzählungen werden genauso wichtig wie die Gegenwart. Vergangenes wie auch Zukünftiges bedingen das Handeln in der jeweiligen Situation.

So gesehen ist jedes Erzählen von Geschichten kreisförmig.** Es ist so Teil einer anderen Geschichte, die wiederum Teil einer anderen Geschichte ist; und so fort. Hier kommt mir unweigerlich Die Zwiebacktüte in den Sinn.

Der kürzeste Weg zwischen a und b ist in der Mathematik eine Gerade. Das Leben ist. Alles andere wird sich zeigen. Ein Roman, der das Leben als Baustelle beschreibt. Für mich ein Juwel.

Henning Mankell: Die italienischen Schuhe. Roman 2011 (genehmigte Lizenzausgabe). ISBN 978 3 8289 9253 5

* Text auf dem Umschlag der gebundenen Ausgabe.
** Alexander Kluge: Glückliche Umstände, leihweise. Suhrkamp 2008. ISBN 978 3 518 48032 0
Hier: S.331ff

Advertisements

From → Liebe, Sprache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: