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Glückliche Umstände, leihweise

10. Februar 2015

„Bücher, das ist für mich nicht das bedruckte Papier. Sie sind Landkarten menschlicher Erfahrung.“ Alexander Kluge

Zum Beispiel:

Das Eigentum am Lebenslauf

„Martha Blackbrun, meine Großmutter mütterlicherseits, hatte sich zu einem Nachmittagsschläfchen hingelegt. Sie konnte zu dieser späten Zeit ihres Lebens die Gewohnheit, sich hinzulegen, zwar befolgen, das Einschlafen aber gelang ihr nicht mehr. Sie grübelte über den Tod. Einerseits, diskutierte sie von ihrem Bett aus zu dem Besucher hin, der sich schläfrig auf der Couch im gleichen Zimmer bewegte, sie sei ja bereit, anzunehmen, daß es ein Leben nach dem Tode geben könnte. Andererseits wolle sie sich nicht lächerlich machen, wenn sie das anderen gegenüber äußere oder auch nur innerlich annehme. Sie wolle sich nämlich auch nicht vor sich selbst nicht lächerlich machen. Umgekehrt habe sie aber den Wunsch, nicht aussichtslos auf den Tod zuzusteuern. Sie sei zählebig, antwortete der Gast, der noch etwas schlafen wollte.“ (S.70)

Oder Nun, Kommunikation ist allgemein dazu da, eine Information mitzuteilen, die auch anders ausfallen könnte. Niklas Luhmann

Glückliche Umstände, leihweise

Am selben Abend noch, von der Höhe des Hotels in 2000 Metern wie beschwipst, sprudelte aus einer frohen Seele so viel Zauberkraft ins Umfeld, daß er ein Ehepaar, das sich auf die einsame Höhe des Berghotels zurückgezogen hatte, um ihre Trennung zu ordnen, umstimmte. Sie glaubten wieder ans gemeinsame Leben, leihweise. Noch ungläubig, sahen sie nicht mehr ein, warum sie in rechnerischer, sparamer Weise sich auseinandergesetzt hatten, über ihre wechselseitigen Verlangen haderten, wenn sie doch einander zur Verfügung hatten als wertvolle Menschen. Bestrahlt von dem Gemüt des neu Angekommenen, in den unter den Luftdruckverhältnissen der Höhe das Blut wärmend pulste, der sozusagen seinen Überschuß genoß, warteten sie nicht länger. In Gedanken fielen sie einander in die Arme, noch saßen sie am Rauchtischchen, und erkannten sich als die, die sie waren: Leute, die es schon lange miteinander aushielten und nicht gewußt hatten, was für einen Schatz sie in ihrer unmittelbaren Umgebung verwahrten. (S.133)

Oder Der lange Marsch des Urvertrauens

„Es gibt einen fundamentalen Irrtum, an den alle Lebewesen, die durch die Evolution bis zu uns gefunden haben, die also übriggeblieben sind, festhalten: das Urvertrauenen. Für die Evolution scheint dieser Irrtum von Vorteil zu sein. Der Mensch glaubt unmittelbar nach seiner Geburt – und man nimmt an, daß auch die Tiere so denken -, daß die Welt es gut mit ihm meint. Ein absoluter Irrtum. Marx wurde sagen: notwendig falsches Bewußtsein. Die Welt meint es nicht gut. Dennoch läßt das sich keiner abhandeln. Es ist ein Schatz, den bis zum Lebensende keiner so leicht aufgibt. Ehrlich gesagt, leben wir davon. Das ist die Fähigkeit, Horizonte zu bilden. Das meint Nietzsche, wenn er von ‚wahrheitssuchenden Lebewesen‘ spricht und davon daß wir illusionsbildende Lebewesen sind. Und sicher bauen wir, wie Sloterdijk es auch beschreibt, einen Kokon um uns.“ (S.279)

Wer in sich selbst ruht, kann überall zur Ruhe kommen.

Alexander Kluge: Glückliche Umstände, leihweise. Das Lesebuch. Suhrkamp 2008. ISBN 978 3 518 46032 0

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From → Sprache

4 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Eigentlich hatte ich es mir sofort besorgt. Dass ich es lese war auch klar. Nur der Zeitpunkt zum Lesen, der wollte sich erst kürzlich einstellen.

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  2. Schön, dass Du es Dir besorgt hast..:-)

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