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Eiseskälte

28. Februar 2015

Nihil sine causa. *

‚… wenn plötzlich Angehörige spurlos aus ihrem Leben verschwanden. Sie litten ihr ganzes Leben unter dem Verlust, und nicht selten kämpften sie mit Schuldgefühlen. Wenn Menschen als vermisst gemeldet wurden, richtete sich die ganze Aufmerksamkeit auf den Verschollenen, seine Lebensumstände und die möglichen Gründe für sein Verschwinden.‘ (S.165f)

Erlendur macht Urlaub im Gebiet der Ostfjorde. In seiner Kindheit sind dort schreckliche Dinge passiert. Er quartiert sich in dem verlassenen Gehöft seiner verstorbenen Eltern ein. In der Gegend, scheinbar so öde und verlassen, trifft er auf Menschen, denen er zuhört. Es kommen zunehmend Fragen auf, die kaum auf Resonanz stoßen. Langsam entsteht daraus ein Gebilde, das mit der Zeit eindringlich wird.

Der Kriminalroman beginnt zwar mysteriös, kommt aber eigentlich traditionell daher. Eine Gruppe englischer Soldaten, die namen- und auch grundlos während eines Schneesturms in den Bergen in Not geraten, von denen einige sterben, jedoch alle gefunden werden. Matthildur, eine junge Frau ist im selben Schneesturm verschollen. ‚… ich bin nicht aus purer Neugierde hier, und auch nicht in meiner Eigenschaft als Kriminalbeamter.‘ (S.170f)

Der Ermittler macht sich etwas vor. Es geht Erlendur so vieles durch den Kopf. Etwas treibt ihn an. Ein Traum besucht ihn beharrlich, hat sich in seiner Kleidung festgesetzt:

„Weshalb liegst du dort?“
Die Frage erschreckt ihn, er starrt in die Dunkelheit, aus der die Frage des Reisenden kommt.
„Bist du immer noch hier?“, fragt er.
„Ich bin immer noch hier“, hört er den Mann sagen.
„Weshalb? Was willst du von mir?“
„Ich gehe, wenn du gehst.“
„Woher kommst Du?“, fragt er.
„Von weit her“, sagt der Fremde „Und ich gehe heute Abend zurück.“
(S.183)

Nach und nach erfahren wir die Motive des Kommissars. Die Geschichte, als Krimi wenig spannend, saugt mich allmählich auf. Es stoppt mir der Atem, wie Erlendur mit Fragen und Schlußfolgerungen Bild um Bild entstehen läßt, sie ansieht, verwirft, erneut betrachtet und uns so langsam zum Kern der Geschichte mitnimmt. Getrieben ist er vom eigenen Erleben.

‚Erlendur liegt im Finsteren und denkt über den Traum nach, der ihn schon einmal vor langer Zeit aufschrecken ließ. Er kennt den Jungen, der im Traum zu ihm kam, er weiß, dass er es selbst ist.‘ (S.259)

Als Roman nimmt er Wendungen die dann doch spannend sind, weil aufschlußreich. Arnaldur Indriðason versteht es meisterhaft sich im Gespinst von Liebe, Eifersucht, kalter Rache, Mord und Totschlag zu bewegen. Die Geschichte handelt vom Abgrund menschlicher Nöte. Halbwahrheiten, verdrängte Erlebnisse, die längst im Land des Vergessens vergraben sind, kommen zu Tage und werden hier seziert. Dabei läßt er niemanden aus. Weder die Protagonisten, noch sich selbst und schon gar nicht den Leser.

‚Er öffnet die Augen. Immer noch diese Frage.
„Ich weiß, wer du bist“, sagt er.
„Ja“, sagt der Reisende. (…)

Er hat das Gefühl, als befände er sich auf seinem Lager in dem verlassenen Hof, als wäre der Mann gekommen, um ihn zu besuchen. Aber das konnte nicht stimmen, denn er weiß, dass er den Hof verlassen hat. Seine Sachen sind noch dort, auch sein Auto, aber er ist allein und ohne alles aufgestiegen, hoch zum Harðskafi, zur Nordseite. Das zumindest glaubt er mit Sicherheit zu wissen, auch wenn die Kälte ihm langsam, aber sicher den Garaus zu machen scheint…‘ (S. 379)

Arnaldur Indriðason, Eiseskälte. Island Krimi. Hier: Bastei Lübbe Taschenbuch. 2014. Coletta Bürling hat das ganze ins Deutsche übertragen.
ISBN 978 3 404 16983 2

In öffentlichen Bibliotheken und im Handel.

* „Nichts ohne Ursache.“ Der Satz vom zureichenden Grund (lat. principium rationis sufficientis) ist in der Geschichte der Logik und der Philosophie der allgemeine Grundsatz, unterschiedlich formuliert und auch in unterschiedlicher Funktion verwendet: Jedes Sein oder Erkennen könne und/oder solle in angemessener Weise auf ein anderes zurückgeführt werden. (https://de.wikipedia.org/wiki/Satz_vom_zureichenden_Grund)

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From → Liebe, Sprache

3 Kommentare
  1. Ja, nichts ohne Grund, scheint mir auch logisch. Allerdings oft auch nicht immer nachvollziehbar. ^^

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    • mickzwo permalink

      Es beginnt schon damit, dass glauben nicht wissen heißt. Beides gerne aber in einen Topf gelegt wird. Eiwei.

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Eiseskälte - #Literatur | netzlesen.de

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