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Shakespeares Hühner

21. März 2015

Ablagerungen

Jeder sieht was er sieht.

Jeder sieht was er sieht.

„…ich dachte an die unzähligen Schichten Schnee in diesem Winter. In jede hatten sich Wildspuren eingedrückt, auch vor meinem Fenster; wir wohnten am Forst. Dann wurden sie zugeschneit, und über die unberührte Lage liefen andere Tiere in andere Richtungen, und so weiter. Das Licht in den Hohlformen sieht manchmal bläulich aus, und nach jedem Niederschlag glaubt man, diese Muster sind für immer dahin.

Doch irgendwann taut es eben, und ich weiß noch, wie es mich als Kind überrascht hat, dass sie alle wieder zutage kommen, die Spuren, Schicht für Schicht, als hätte auch der Schnee ein Gedächtnis. Sogar in der letzten glasigen, kurz bevor das fahle Gras erscheint oder die ein oder andere Krokusspitze, erkennt man die Tritte von Hirschen, Vögeln oder Hasen, die vor Monaten dort gegangen waren und längst woanders leben. Oder vielleicht sogar tot sind.

Ich wusste nicht genau, warum ich jetzt daran dachte, aber es lag wohl an Marlis‘ Herz, dem Pochen unter meiner Hand. Weil sie so einen Doppelschlag hatte, fühlte sich das an, als wäre da noch ein Puls unter ihrem Puls, ein zarterer, und auch der schien ein leises Echo zu haben. Und dann schlief ich ein.“ (S.212)

Ralf Rothmann: Shakespeares Hühner. suhrkamp taschenbuch, 2013.
Hier: Frischer Schnee. ISBN 978 3 518 46434 2

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From → Liebe, Sprache

8 Kommentare
  1. Die Erzählungen neulich auch gelesen. Großartig.

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  2. „Das Licht in den Hohlformen sieht manchmal bläulich aus“ – was für eine einfache und doch ganz wunderbare Beobachtung!

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  3. Wunderschön diese Worte über die Spuren. 😄

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Shakespeares Hühner - #Literatur | netzlesen.de

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