Skip to content

Die Glut

3. April 2015

“Wenn man Angst hat, ist es, als würde man an einem unstillbaren Hunger leiden, sagte er. Ist man dagegen beunruhigt, leistet man der Unruhe Widerstand.” *

Es waren einmal zwei Kameraden, da passte kein Blatt dazwischen. Es scheint so, als ob der General sich in diesem Punkt sicher ist.

“Die Wirklichkeit ist immer eine Frage der Perspektive.” **

Wir befinden uns bei der Geschichte „Die Glut“ im Ungarn zur Zeit des WK II. Die Habsburger Doppelmonarchie gab es nicht mehr und die Deutschen waren gerade dabei die Welt zum zweiten mal im Brand zu stecken. Zu dieser Zeit hatten in Österreich und Ungarn einige noch mal von ehemaliger Größe zu träumen … Man muss mit den Verhältnissen schlicht fertig werden.

„Jetzt, nach der ersten Überraschung, fühlte er sich mit einemmal müde. Man bereitet sich ein Leben lang auf etwas vor. Ist zunächst betroffen. Sinnt dann auf Rache. Wartet. Er wartete schon lange. Er wußte gar nicht mehr, wann sich die Betroffenheit in ein Bedürfnis nach Rache und in ein Warten verwandelt hatte. Die Zeit bewahrt alles auf, doch es wird farblos, wie die ganz alten, noch auf Metallplatten fixierten Photographien.“ (S.18)

Die Vergangenheit ist wie ein Raubtier. Gelassen aber unberechenbar ist es plötzlich da. Es verlangt nach Beute. Das Tier ist entschlossen, sich zu holen was es will. Ich weiß nicht, ob Henrik nach Liebe und Geborgenheit sucht. Jedenfalls wird er krank, weil er genau das nicht hat. Nicht da, wo er sie haben sollte.

Es war so in seinen Kreisen nicht vorgesehen. Darüber leidet er sein Leben lang. Letztlich wird er daran zerbrechen. Gleichgültig, was der einzelne fühlt. Das ganze System funktioniert so.

„Die Erzieher waren alte Offiziere. Alles roch nach Salpeter. In den Schlafsälen schliefen jeweils dreißig Kinder, dreißig gleichaltrige Kinder, in schmalen Eisenbetten, wie der Kaiser. Über der Tür hing ein Kruzifix mit einem geweihten Weidenzweig. Nachts brannte in den Lampen ein blaues Licht. Morgens wurden sie mit Hörnerklang geweckt…“ (S.34)

In der Rückschau bekommt man Einblick, wie so ein höher gestelltes Wesen in so einer Atmosphäre aufwuchs. Er wird in eine Kadettenanstalt gebracht, soll dort für Höheres abgerichtet werden; schließlich ist er Sproß der Elite. Er übersteht dieses seelenlose Treiben nur, weil er einen Freund und Kameraden findet.

„Vier Tage blieben sie in der Stadt. Als sie abreisten hatten sie zum ersten Mal im Leben das Gefühl, zwischen ihnen sei etwas geschehen. Als ob der eine dem anderen etwas schulde. Es war nicht in Worte zu fassen.“ (S.48)

Es entwickelt sich zwischen den Kameraden eine Freundschaft. Später wird dieser Mensch für Henrik die Liebe seines Lebens sein. Umgekehrt ist es wohl auch so.

„Man kennt die Wahrheit immer, jene andere Wahrheit, die von den Rollen, den Kostümen, den Situationen des Lebens verdeckt wird. Die beiden Jungen wuchsen zusammen auf, gemeinsam legten sie den Fahneneid ab, und sie wohnten während der Wiener Jahre zusammen, denn der Gardeoffizier hatte dafür gesorgt, daß sein Sohn und Konrád ihre ersten Dienstjahre im Umkreis des Hofes absolvieren konnten.“ (S.54)

Jeder lebt da sein Leben aber die Linien laufen schon auseinander. Henrik in gesichertem Wohlstand, den er weidlich auskostet; Konrád immer am Rande der Armut. Das prägt. Es dominiert sie aber noch etwas anderes: „Freundschaft ist sein Name.“ (S.65)

Konrád hat sich zum Besuch gemeldet, nach über vierzig Jahren. Henrik entschließt sich mit ihm zu reden. Der Freund aus der Jugend hatte wohl eine Liaison mit Krisztina, der jungen Frau Henriks. Er ist damals geflohen, Henrik dagegen blieb und versteinerte langsam. Vordergründig geht es um die Dreiecksgeschichte zwischen Henrik, Krisztina und Konrád.

„Ich denke daran, daß die Menschen vergeblich Wahrheiten finden, vergeblich Erfahrungen sammeln, ihr Grundnaturell können sie doch nicht ändern. Vielleicht kann man im Leben auch nichts anderes tun, als diese unabänderliche Gegebenheit, sein eigenes Grundnaturell klug und vorsichtig an die Wirklichkeit anzupassen. Das ist alles, was wir tun können. Und auch davon werden wir weder klüger noch unverletzlicher…“ (S. 167)

Im Grunde ist es ein lange geübter Monolog. „Ich gehe da ziemlich in die Einzelheiten“, sagt er, wie um sich zu entschuldigen. „Aber es ist nicht anders möglich: Nur aus den Einzelheiten können wir das Wesentliche verstehen…“ (S.171) An anderer Stelle sagt er: „Es stimmt nicht, daß das Schicksal heimlich in unser Leben tritt. Nein, das Schicksal tritt durch die Tür herein, die wir ihm öffnen, und wir bitten es, doch näher zu treten.“ (S.174)

Einerseits ist da die Abrechnung alter Leidenschaften und auf der anderen Seite ist dort die Geschichte mit dem Krieg im Hintergrund. Ich habe die Geschichte allegorisch genommen. Man kann das so machen, muß es aber nicht. (S.220ff)
Eine lesenswerte Neuentdeckung ist das Buch allemal.

Sándor Márai: Die Glut. Roman, Pieper 2001. ISBN 3 49223313 9
Erstmals erschienen in Budapest 1942.
Vergl. auch das Nachwort von Christina Viragh. Ebenda S.220ff

* aus: Henning Mankell: Der Chronist der Winde. dtv München 2002. S.9.
ISBN 3 423 12964 6
** aus: Thomas Raab: Der Metzger sieht Rot, S.308. ISBN 978 3 492 25463 2

Advertisements

From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. Einerseits ein hervorragender Roman über Liebe, Leidenschaften, Freundschaft, aber zudem ein Buch, das es schafft, einen in der Zeit zu versetzen…ich muss es auch einmal wiederlesen, danke für die Erinnerung…

    Gefällt mir

  2. Liegt jetzt zum Wiederlesen bereit..:-)

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Die Glut - #Literatur | netzlesen.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: