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Du sollst dir kein Bildnis machen

14. April 2015

Du sollst dir kein Bildnis machen. *

Das ist – für mich – nach wie vor das schwierigste aller Gebote, die Mose vom Berg zu seinen Menschen brachte. Es sieht so lapidar aus. Trotz allem steht es ziemlich weit vorne und wird doch kaum beachtet. Was kann schon an einem Bild so wichtig sein?

„Du sollst dir kein Bildnis machen

Es ist bemerkenswert, daß wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, daß sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, daß jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und daß auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, daß wir mit den Menschen, die wir lieben nicht fertigwerden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfaßbar ist der Mensch, den man liebt –

Nur die Liebe erträgt ihn so.

Warum reisen wir?

Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, daß sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei –

Es ist ohnehin schon wenig genug.“ (S.369)

Und dann war ich noch in S. Ein ordentliches Hotel hatte ich, etwas oberhalb der Stadt. Die dienstlichen Obliegenheiten waren abgearbeitet, das Kulturprogramm am Abend nicht zwingend, dafür Langeweile versprechend. Also wollte ich mich auf eigene Faust umsehen. Vor langem hatte ich für mich festgestellt: Nur wer nicht sucht, der kann finden. Aber genau das tat ich. Auf der Suche war ich, nach Begegnungen mit Menschen. Die Feiermeile zu finden fiel mir leicht. Um mich tobte das Leben. Genau: es tobte um mich, man beachtete mich nicht. Da hätte auch kein Kopfstand was geändert. Es ist ein Unterschied, einen Satz zu sagen oder ihn zu leben.

„Unsere Meinung, daß wir andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muß es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfaßbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, daß unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.“ (S.369f)

Es hatte keinen Zweck in S. Jedenfalls nicht so. Also ging ich und tat, was ich immer schon konnte. Ströpen und gucken. Ohne Ziel, einfach auf ‚Verdacht‘. Als ich an einem Kino vorbeikam sollte gerade „Nobody’s Fool„** beginnen. Den Film kannte ich noch nicht. Aber ich sollte ihn kennenlernen. Dieser sehenswerte Film ist mit dem alten Paul Newman und war wohl gerade auf den Markt in Deutschland gekommen. Leider ist er mit den Jahren zur Weihnachtsschmonzette verkommen, den kaum noch jemand ernst nimmt (es liegt ziemlich viel Schnee auf der Leinwand).

Der Film handelt natürlich vom amerikanischen Traum. Es geht hier um Erwartungen an sich, die Bilder zu Menschen und deren Lebensgestaltung. Chancen und scheinbar verpasste Gelegenheiten. Sehr liebevoll und einfühlsam gemacht; was allerdings nicht dazu verführen sollte, so einen Film zu unterschätzen.

„Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es, von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfaßbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlaß wieder begehen –

Ausgenommen wenn wir lieben.“ (S.374)

Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II. Hier: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt 1998. ISBN 3 518 06533 5

* M. Frisch hat dieses Tagebuch als Schweizer Staatsbürger geschrieben. Ein Schweizer der Deutschland nach den Krieg besuchte. Wenn man nicht wüßte, unter welchen Umständen, wann und wo sich das alles abspielt, es könnte durchaus gegenwärtig sein.

** Nobody’s Fool – siehe dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Nobody%E2%80%99s_Fool_%E2%80%93_Auf_Dauer_unwiderstehlich
(Wie gut, dass ich jetzt erst den deutschen Titel wahrgenommen habe 😉

Die Ballade vom traurigen Café III

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. Was für ein weit-schöner Text!

    Gefällt 1 Person

  2. mickzwo permalink

    Hat dies auf Fett/Anthrazit Blog rebloggt und kommentierte:

    Was nicht geht, das geht eben nicht. willi

    Gefällt mir

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