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Max Frisch: Tagebuch 1946-1949

18. April 2015

„…er will den Menschen sagen, was er denkt, so offen als möglich, gleichviel, wer am Tische sitzt. Sein Irrtum besteht darin, zu meinen, daß er damit die anderen zwinge, ein gleiches zu tun…“ (S.354)

Dieser Max Frisch haut mich um. Ich hatte ja schon früher einiges von ihm gelesen. Kaum verstehend. Irgendetwas abarbeitend, eine Liste; eine Art Hausaufgabe. Nicht einmal belesen bin ich davon geworden, geschweige denn: klüger. Ich habe bei allem übersehen, dass Autoren ja Menschen sind. Menschen wie andere auch.

„Nach einem Flug

Das einzige, was mich für Augenblicke erschreckt, ist das fast unverschämte Gefühl von Sicherheit, das sich auch bei leichtem Sacken nicht verliert, im Gegenteil; die Luft als spürbarer Stoff; das natürlich-sichere Gefühl eines Schwimmers; es geht bis zum Bedauern, daß man in dieser Kajüte hocken muß, daß man nicht auf einem Leiterchen auf den breiten Flügel hinaus gehen kann. …

Es ist herrlich!

Aber etwas bleibt luziferisch.
Über einem Städtchen, das wie unsere architektonische Modelle anzusehen ist, entdecke ich unwillkürlich, daß ich durchaus imstande wäre, Bomben abzuwerfen.“
(S.387f)

Etwas Infantiles steckt darin, eine Lust zum Aufbruch …

„Café de la Terrasse

In allen Zeitungen findet man die Bilder von Bikini. Etliche Stunden, nachdem die Atombombe losgegangen ist, steht der Rauch wie schwarzer Blumenkohl. Mit einer gewissen Enttäuschung vernimmt man, daß die Kreutzer und Zerstörer, die in dem Atoll verankert lagen, noch ziemlich vorhanden sind, also nicht so, daß man sie aufs Brot streichen kann. Die Ziegen, die für diesmal die Menschen vertraten, leben sogar und käuen ihr Futter, als wäre nichts geschehen; die Affen vertragen es schon weniger. … es bleibt uns nur noch die sittliche Frage. (…) das Bewußtsein, daß wir uns entscheiden müssen, das Gefühl, daß wir noch einmal die Wahl haben und vielleicht zum letztenmal; ein Gefühl von Würde; es liegt an uns, ob es eine Menscheit gibt oder nicht.“ (S.400f)

… und zugleich ist da etwas zutiefst reflektierendes, hilflos-trotzendes Nachdenken. Es ist ein Tagebuch.

„Am See

Oft am Morgen, wenn ich an die Arbeit fahre, steige ich vom Rad, erlaube mir eine Zigarette; das Rad schließe ich nicht ab, damit ich nicht zu lange verweile, hier wo das Wasser um die Ufersteine spielt. (…) Oft, während ich hier sitze, immer öfter wundert es mich, warum wir nicht einfach aufbrechen –

Wohin?

Es genügte, wenn man den Mut hätte, jene Art von Hoffnung abzuwerfen, die nur Aufschub bedeutet…“ (S.404f)

Er versucht zu fliehen. Kleine Fluchten in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Wohl in der Schweiz.

„Geld: das Gespenstische, daß sich alle damit abfinden, obschon es ein Spuk ist, unwirklicher als alles, was wir dafür opfern. Dabei spürt es fast jeder, daß das Ganze, was wir aus unseren Tagen machen, eine ungeheuerliche Schildbürgerei ist; zwei Drittel aller Arbeiten, die wir während eines menschlichen Daseins verrichten, sind überflüssig und also lächerlich, insofern sie auch noch mit ernster Miene vollbracht werden. Es ist Arbeit, die sich um sich selber dreht…“ (S.405f)

Bis dahin war das Geld schon mal nichts Wert und zweimal, bis dahin – international – wurde die Zivlisation in Schutt und Asche gelegt. Von den (Neben-)Kriegsschauplätzen war kaum die Rede.

Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II. Hier: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt 1998. ISBN 3 518 06533 5

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From → Liebe, Sprache

9 Kommentare
  1. Lieber mickzwo,
    Du hast völlig recht, nicht nur die Romane, also zumindest Stiller, Homo Faber und der Gantenbein sind großartige Literatur, das trifft auch auf die Tagebücher zu.Für mich sind die sogar eigentlich der Kern seines Werkes – und in meinen Augen fängt das eigentlich schon mit den Blättern aus dem Brotsack an, dem Tagebuch, dass er während seiner Armeezeit schrieb. 1946-1949 hat in meinen Augen immer noch die größte Substanz, aber selbst das schwächere von 1966-1969 und vor allem das posthum erschienene sogenannte Berliner Journal, das seine Berliner Jahre ab 1973 umfasst, sind mehr als lesenswert. Immer noch und immer wieder.
    Liebe Grüße
    Kai

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    • mickzwo permalink

      Die genannten Romane habe ich alle gelesen. Auf die Tagebücher bin ich erst jetzt gestoßen worden. Wirklich grandios…

      Vielen Dank für den lieben Kommentar. Dein mick.

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  2. Frischs Tagebuch belegt auch einen der vorderen Plätze auf meiner ständig wechselnden Liste der all-time-Favorites. Danke für die Erinnerung an dieses Füllhorn der klugen Gedanken und schönen Sätze!

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  3. Die Tagebücher sind Klasse!

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    • mickzwo permalink

      Diese Tagebücher waren ein Tipp von einer klugen Frau. Ich hatte früher schon einige Romane von ihm gelesen, die fand ich schon sehr beeindruckend…

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  4. saetzeclaudio permalink

    Muss doch mal wieder was von dem Herrn Frisch lesen. Mochte ihn früher sehr, diese nüchterne und zugleich wehmütige Weise, die Welt zu betrachten.

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Max Frisch: Tagebuch 1946-1949 - #Literatur | netzlesen.de

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