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Untreue

24. April 2015

Was man Untreue nennt: unser Versuch, einmal aus dem eigenen Gesicht herauszutreten, unsere verzweifelte Hoffnung gegen das Endgültige. (S.496)

Vielleicht ist es pure Ratlosigkeit. Ratlosigkeit gegenüber dem Faktischen.

Marion und der Engel, der immer wieder fragt, was eigentlich er möchte, und Marion, der an der Brüstung lehnt oder an ein Geländer, während vielleicht die Glocken läuten, und hinunterschaut in das nächtliche Wasser:
„Was ich möchte?“
Es ist schon das dritte Mal, daß er es dem Engel erklärt, das Unglaubliche, und immer ist es der Engel, der das gleiche fragt:
„Warum kommst du nicht?“
„Über das Wasser…?“
Marion weiß nicht, was er denken soll, wenn er den Engel sieht, und ob es wirklich ein Engel ist, der so zu ihm redet:
„Warum kommst du nicht?
„Wo, wenn du ein Engel bist, führst du mich hin?“
„Zu dir -.“
Und zum letzten Male:
„Warum kommst du nicht?“
(S.500f)

Oder ist es Gleichgültigkeit über das, was uns banal erscheint. Aber was ist banal?

(Selbstverständlich ist es nicht entscheidend, ob man Ja oder Nein sagt, sondern wozu man es sagt, und der Glaube, der sich in einem Nein ausdrückt, ist nicht immer der geringere, meistens sogar der keuschere.)
Ihr Ja: als ein Ja zur Lüge.
(S.519)

Und was wäre dann gelogen? Wer stellt die Wahrheit fest, gibt es dazu ein Protokoll?

Ferner: unser Verhältnis zum Häßlichen, und warum sie dem Künstler, wenn er das Häßliche zeigt, meistens die Künstlerschaft absprechen –
Der Bürger sagt:
„Die Kunst beschäftige sich mit dem Schönen.“
(Damit sie sich mit ihm beschäftige?)
Goethe sagt:
„Die Kunst beschäftigt sich mit dem Schweren und dem Guten.“
(Maximen und Reflexionen)

Nur wer das Schöne selber vermag, scheint es, erträgt auch den Anblick des Häßlichen, und zwar so, daß er es darstellen kann.
Woran verrät sich der Dilletant?
Seine Gegenstände sind immer schön. (S.519f)

Möglicherweise lehnt man sich befriedigt zurück.

Worauf kann man sich verlassen?

Wenn wir zuhören und uns austauschen, lehnt man sich nicht zurück. Hören ist so wichtig. Zuhören und gucken was passiert – auch was passiert ist. Den Hässlichen und den Schönen. Vielen eben. Damit wir unterscheiden lernen und Standpunkte prüfen.

Ich bin gekommen Euch zum Spaß
und gehe hin wo Leides ist
und Freude
und wo beides ist,
zu lernen Mensch und Maß
*

Blickrichtungen kann man ändern. Zumindest können wir aber etwas Beurteilen. Dazu bewegt man sich.

Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II. Hier: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt 1998. ISBN 3 518 06533 5

* Hanns Dieter Hüsch, hier: Den möcht’ ich seh’n … Satire Verlag, Köln 1978

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From → Liebe, Sprache

4 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    “Man kann nicht gegen sein eigenes Lied anpfeifen.” willi über Stiller.
    Es geht also immer darum, Standpunkte zu ermitteln.
    Ich komme gerade von einer wirklichen Hochzeitsfeier. Immer setzt man doch Prioritäten. Und wenn man – scheinbar – keine setzt, dann ist das ja auch eine! Feiern macht nicht nur Spass, es ist zuweilen auch anregend; ja, sogar spannend. (01/2016)

    Gefällt 1 Person

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