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Bemerkung: Tagebuch 1946-1949 von Max Frisch

26. April 2015

„Ich wußte nicht, daß Theresienstadt, das wir gestern auf unserer Durchreise besucht haben, eine historische Anlage war, benannt nach Maria Theresia.“ (S.482)

Wenn ein Schweizer Bürger 1947 soetwas schreibt, geht das in Ordnung.

Vor ziemlich genau siebzig Jahren ist Deutschland – und damit Europa – von den Nazis befreit worden. Ich habe den Vorzug gehabt, diese Zeit nicht unmittelbar miterlebt zu haben. Ich hatte aber das Glück, durch Berichte meines Vaters von dieser Zeit zu erfahren. Der wiederum zu jung war für den Krieg, aber alt genug, sich Gedanken um „gut und böse“ zu machen.

So hörte ich unglaubliches, verstörendes und auch vieles was mich empörte. So oder so. Ich wollte dem Geschehen auf den Grund gehen. Ecce Homo? So lautet noch heute meine Devise. Dabei war schwarz-weiß-malen nie mein Ding.

Was Theresienstadt war, das wußte ich genau. Ich habe Dachau, die Wewelsburg, Bergen-Belsen und einige andere Orte besucht, an denen die Welt am deutschen Wesen genesen sollte. Ich dachte, ich sei abgeklärt genug um all die Grausamkeiten zu ertragen, die Menschen bereit sind anderen Menschen anzutun. Sei es aus Gleichgültigkeit oder verklausuliert mit einer Anschauung.

Eine Anschauung, die keine ist.

Es ist auch keine Anschauung entsetzt zu sein, entsetzt und schlaflos angesichts der brutalen Kälte mit der man – unter den passenden Umständen – Menschen nicht nur sterben, sondern auch Qualen erleiden lassen kann. Ganz gelassen und nonchalant.

Passend sollten die Umstände schon sein. Aber dafür wird schon gesorgt. In der Vergangenheit und, es steht zu befürchten, in der Zukunft auch.

Wenn ich also nicht über einen Ort wie Theresienstadt oder das Elend der Kinder von Nürnberg beispielsweise rede, dann hat das schon seinen Grund. Genauso wie es einen Grund hat, wenn ein Schweizer Bürger nach dem Krieg eine Reise durch Europa macht und seine Erlebnisse notiert.

Frage:
„Dürfen wir annehmen, daß die Tyrannei sich in einen Segen verwandelt, wenn unsere eigenen Hände nach ihr greifen?“
Antwort:
„Es handelt sich höchstens um einen Übergang.“
Frage:
„Kennen wir in der menschlichen Geschichte einen solchen Übergang, eine Tyrannei, die nicht in die Luft flog, sondern in natürlichem Wachstum sich als ihr Gegenteil entpuppte?“
Antwort:
„Darüber reden wir in hundert Jahren.“
Gelächter…
(S.489f)

Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II. Hier: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt 1998. ISBN 3 518 06533 5

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. saetzeclaudio permalink

    Hochachtung – vor Herrn Frisch und vor Herrn MIckzwo. Ein bemerkenswerter Beitrag.

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    • mickzwo permalink

      Für Herrn Frisch kann ich natürlich nicht sprechen. Er ist mir nicht mal zu seinen Lebzeiten begegnet. Trotzdem glaube ich, er wüsste Dein Lob sehr wohl zu schätzen. Der mickzwo bedankt sich in jedem Fall ganz herzlich bei Dir. Liebe Grüße, mick.

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      • saetzeclaudio permalink

        Mutmaßlich hätte der Herr Frisch auf seinen Pfeifenstiel gebissen, ein Glas Wein getrunken und etwas grantig geguckt und gebrummelt, aber sich vielleicht innerlich gefreut. Hoff ma mal.

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  1. [Alles mit links] Bemerkung: Tagebuch 1946-1947 von Max Frisch - #Literatur | netzlesen.de

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