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Echt jetzt? – Wirklich.

30. April 2015

Wirklich sein.

Als ich diese Reihe über das Tagebuch anfing, war das schon mit gemischten Gefühlen. Was würde mich erwarten?

“Woher kennen wir uns eigentlich?”
“Alle Menschen kennen einander…”
“Meinst du?”
“Wenn sie sich selber kennen.”
(S.418)

Was, wenn alles ein Irrtum wäre? Ein grandioses Missverständnis; und niemand würde es bemerken? Wenn alles anders wäre, unser Leben, die Verhältnisse, überhaupt alles…

„Wirklich, würde ich sagen ist Goethe. In den Maximen und Reflexionen genügen oft vier Zeilen. Am Ausgang steht eine Feststellung, es folgt die Geburt eines Gedankens, so zwingend und eindeutig, daß man schon fast auf die Knie geht, um seine Dienste anzubieten, und dann, wo unsereiner es nicht verkneifen könnte, Schlüsse zu ziehen, die jeden Zweifel überrennen, Schlüsse, die einem Kreuzzug gleichkommen, geschieht das Unerwartete, das Gegenteil einer Zuspitzung: er stellt dem Gedanken, ohne ihn zu widerrufen, eine Erfahrung gegenüber, die eher widerspricht, mindestens eindämmt, eine Erfahrung, die der gleiche Kopf, der eben jenen Gedanken geboren hat, ebenfalls gelten läßt, einfach weil es eine Erfahrung ist, ein lebendige, eine wirkliche.

Das ist das scheinbar Versöhnliche seiner Relexionen, daß sie fast immer Licht und Schatten zeigen. Scheinbar; denn sie versöhnen den Widersprech keineswegs. Sie halten ihn nur in der Balance, in einem Zustand wechselseitiger Befruchtung, Balance zwischen Denken und Schauen. Nichts geht ins Tödliche, weil es die widersprechende Erfahrung nicht überrennt, nicht übermütig unterjocht, sondern die Kraft hat, sie aufzunehmen – die Kraft wirklich zu bleiben, oder genauer: immer aufs neue wirklich zu werden.“ (S.543)

Goethe war unter anderem auch Diplomat. Da macht man sowas, schon um sich abzusichern. Ein anderes Beispiel:

(…) „Jeder Gedanke ist in dem Augenblick, wo wir ihn zum erstenmal haben, vollkommen wahr, gültig, den Bedingungen entsprechend unter denen er entsteht; dann aber, indem wir nur das Ergebnis aussprechen, ohne die Summe seiner Bedingungen aussprechen zu können, hängt er plötzlich im Leeren, nichtssagend, und jetzt erst beginnt das Falsche, indem wir uns umsehen und Entsprechungen suchen…(Denn die Sprache, selbst die ungesprochene, ist niemals imstande, in einem Augenblick alles einzufangen, was uns in diesem Augenblick, da ein Gedanke entsteht, alles bewußt ist, geschweige denn das Unbewußte)… so stehen wir denn da und haben nichts als ein Ergebnis, erinnern uns, daß das Ergebnis vollkommen stimmte, beziehen es auf Erscheinungen, die diesen Gedanken selber nie ergeben hätten, überschreiten den Bereich seiner Gültigkeit, da wir die Summe seiner Bedingungen nicht mehr wissen, oder mindestens verschieben wir ihn – und schon ist der Irrtum da, die Vergewaltigung, die Überzeugung.

Oder kurz:

Es ist leicht, etwas Wahres zu sagen, ein sogenanntes Aperçu, das im Raum des Unbedingten hängt; es ist schwierig, fast unmöglich, dieses Wahre anzuwenden, einzusehen, wieweit eine Wahrheit gilt.
(Wirklich zu sein!)“
(S.544f)

Wenn jemand Aussprechen kann, wirklich einen Gedanken zu Ende denkt, während er spricht, mit allem für und wider das tut, hört ihm kaum einer zu. Wir wollen doch keine Zeit zu verplempern. (‚Komm endlich zum Punkt, mein Junge.‘)

Wie wir gelernt haben, ist es nicht opportun so zu reden – und vor dem Reden sollte immer das Denken kommen. Doch das tut man aber nicht. Man belästigt niemanden ungestraft mit langen Ergüssen. So lange wird keiner Zuhören. Er wird leicht ungeduldig, er wird so etwas einfach ignorieren…

„Tägliche Erfahrung im kleinen: Dein Anstand ist die beste und billigste Waffe deiner Feinde! Du hast dir versprochen, nicht zu lügen – zum Beispiel – und das ist schön von dir, splendid, wenn du es dir leisten kannst; es ist närrisch, wenn du dir einbilden würdest, daß du damit ohne weiteres der Wahrheit dienst. Du dienst deiner Anständigkeit.“ (S.565)

Warum widerspricht man sich? – Um Sachen zu klären, die nicht klar sind.

„Es gibt kein Argument gegen einen Haß. Dabei wird mir zum erstenmal bewußt, daß man immer, wenn man schreibt, eine Sympathie voraussetzt. Vielleicht geht es ohne diese Voraussetzung überhaupt nicht, aber es ist gut, um diese Voraussetzung zu wissen, und man müsste froh sein um einen solchen Schock, ein solches Signal -.“ (S.581)

Statt des erwarteten Berichts über Paris gibt er eine Lebensbeschreibung – seine, bis dahin. So bereitwillig wie einer, der immer sucht. Mit einem blauen Auge nochmal davongekommen, staunt er und scheinbar will er fassen, was nicht zu fassen ist; zielstrebig im Zickzack kommt sich einer da immer näher…

Man sieht einen, der Tümelei und Spießigkeit ersetzen will durch Staunen – ein Staunen, das er sich abringt, immer aufs Neue, wohl wissend, dass die Grundlagen, das wo man herkommt, einem immer nachhängen werden. Man kann sie sich ja nicht aussuchen. So lange man das beachtet ist alles gut. Vielleicht ist das eine Leistung, ein Beitrag zur Geschichte.

Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II. Hier: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt 1998. ISBN 3 518 06533 5

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From → Liebe, Sprache

11 Kommentare
  1. Du machst mir mit deiner Reihe große Lust, selbst mal wieder zu Max Frisch zu greifen, Mick. Heute nehme ich besonders die Bedingtheit unserer Gedanken mit und ob und in welchem Umfang es gut wäre, diese Bedingungen mit auszusprechen (wenn man sich ihrer denn bewusst wäre) und ob das Gegenüber wohl bereit wäre, so lange zuzuhören. Vielleicht hilft es ja schon, sich immer mal wieder klar zu machen, dass noch das mit größtem Absolutsanspruch gesprochene Wort bedingt und relativ ist.

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    • mickzwo permalink

      Das freut mich. Wenn es so ist, dann ist das ein großer Lohn. Es tat gut, dieses Buch zu lesen und diese Kommentare tun es auch. Danke für diese Anmerkung. mick.

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  2. das ist schon viel Gedankenfutter, danke dafür! ich lasse wirken …

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  3. Toller Artikel, lieber Mick. Ein paar Zitate aus deinem Text habe ich in meinem Tagebuch eingetragen. Sehr gut gefällt mir; Warum widerspricht man sich? – Um Sachen zu klären, die nicht klar sind.
    Herzliche Grüße zu dir von der Küste Norfolks,
    Dina & Co

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    • mickzwo permalink

      Oft wird ja das Widersprüchliche als störend empfunden. Ich hatte einmal so eine Geschäftsidee. Die ist zwar nicht von mir verwirklicht worden, weil ich ein lausiger Geschäftsmann bin. Aber den Gedanken daran habe ich immer noch. Es sollte eine Agentur sein, die nach einer Problembeschreibung einer Firma, Arbeitsgruppe usw, zehn garantiert nicht umsetzbare Lösungen zur Diskussion anbietet. Das interne Gespräch käme sofort in Gang. Lösungen würden von denen gefunden, die sich am Besten mit der Materie auskennen. Ich glaube, es fällt leicht Dinge die unsinnig sind zu Kennzeichen, um dann, wenn man schon mal dabei ist, Sinnvolles zu benennen.
      Danke für Deinen Beitrag, das freut mich ungemein. Liebe Grüße zurück, mick

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  4. „Vielleicht ist das eine Leistung, ein Beitrag zur Geschichte“ – eine sehr schöne (und sehr kluge) Sichtweise!

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    • mickzwo permalink

      Ich denke, dieser Max Frisch hat sich als geschichtliches Wesen gesehen. Angesichts der Mühen und Verzweifelung, dieser unglaublichen Zerstörung, gerade auch von Menschen, des Horrors und der Todesangst, die überall spürbar war, blieb ihm gar nichts anders übrig. So eine Todesangst lässt sich sicherlich zeitweise zukleistern. Vergessen kann man das wohl nicht. Liebe Grüße, mick.

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  5. saetzeclaudio permalink

    Leider kommt im Zeitalter von Twitter usw nicht nur nicht vorm Reden nicht das Deken, sondern immer häufiger auch vor dem Schreiben nicht. Ich wär neugierig, wie ein Frisch mit diesen Medien umginge. Es macht große Freude, Deine Frisch-Reflexionen als Leser zu begleiten. Das stößt im Kopf was an.

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    • mickzwo permalink

      Es geht wohl um das Prinzip ‚CB-Funk‘, so habe ich es mal genannt: „Hallo, einer da? Von wo? Gut, dass wir mal Kontakt hatten. Ich muss weiter…“ Ich maße mir da kein Urteil an. Wenn man jemanden in eine Ecke stellt, ihn bloßstellt, kann man nicht erwarten, das er sich ändert. Er wird nicht auf dich zugehen. Keinen Schritt. Er kann es nicht. Ihm sind die Wege verbaut.
      Ich untersuche hier, was etwas mit mir macht. Wenn jemand so etwas liest und zu ähnlichen Schlüssen für sich kommt, um so besser. Das freut mich dann, wie es mich auch freut, wenn jemand die Seite besucht, einen Gedanken, eine Frage äussert oder etwas Missverständliches anzeigt.

      Ich danke Dir für Deinen netten Kommentar. Liebe Grüße, mick.

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