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Skandalon (Frisch, Tagebuch 1946-1949)

3. Mai 2015

Und die Natur sah ich ohne Geduld, so verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben war.

„Terra incognita – wenn es stimmt, daß dies der Raum der echten Epik ist, ließe sich ja denken, daß das Neue an unsrer Gegenwart, das Nie-Gewesene beispielsweise der zerstörten Städte, eine epische Chance darstelle. Warum stimmt das nicht? Weil es wesentlich keine neue Welt ist, die da ans Licht zu heben wäre durch epische Entdeckung; sondern nur das zerstörte Gesicht jener alten, die wir kennen, und nennenswert nur in der Abweichung, will sagen: die Ruine setzt voraus, daß wir ihre frühere Ganzheit kennen oder ahnen, sie ist wenig ohne die Folie ihres Gestern, nennenswert nur durch Vergleich, durch Reflexion -.“ (S.555. Prag, etwa 1948)

„Und die Natur sah ich ohne Geduld, so verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben war.“ Diese Zeilen stammen aus dem so bekannten Gedicht „An die Nachgeborenen“. * Frisch liebt es natürlich, wie er auch Brecht verehrt. Nur ist es eine Verehrung à la Frisch. Der macht es sich nicht leicht. Er will staunen, und das tut er.

„Am Besten klappt unser Umgang, wenn das Gespräch, das Brecht immer auch den Einfällen und Bedürfnissen des andern überläßt, um Fragen des Theaters kreist, der Regie, der Schauspielerei, Fragen auch des schriftstellerischen Handwerks, die nüchtern behandelt, unweigerlich zum Wesentlichen führen. Brecht ist ein unerschöpflicher Erörterer. (…)

Seine fast bäurische Geduld, sein Mut, hilflos auf leerem Feld zu stehen, auf Entlehnungen verzichtend, die Kraft, ganz bescheiden zu sein und möglicherweise ohne Ergebnis, dann aber die Intelligenz, Ansätze einer brauchbaren Erkenntnis festzuhalten und durch Widerspruch sich entwickeln zu lassen, und endlich die Männlichkeit, Ergebnisse ernst zu nehmen und danach zu verfahren, unbekümmert um Meinungen, das sind schon wunderbare Lektionen, Exerzitien, die in einer Stunde leicht ein Semester aufwiegen. Die Ergebnisse freilich gehören ihm.“ (S.598f)

Polen beeindruckt ihn nochmal ganz anders. Er kommt in das, was einmal die Hauptstadt dieses Landes war und sieht eine Weile zu, wie diese Menschen mit einer Mischung aus Inbrunst und Sachlichkeit sich daranmachen diesen Ort wieder zu beleben.

Am 3.8.1948 notiert er: „…das alles ist ja nicht anders als in Berlin, in München, in Frankfurt, in Hamburg. Aber diese Stadt ist die erste gewesen. Hier sind die entscheidenden Bomben gefallen(…) Hier ist der polnische Aufstand, der unselige, in Blut und Asche erstickt, hier wird gekämpft, bis es sinnlos ist, die letzten Kämpfer entziehen sich durch die Kanalisation, die Verwundeten läßt man zurück, die Verwundeten wurden erschossen. Und nun steht man so da, die Hände in den Hosentaschen, man hat die Wahl wie überall: ein Zeuge der Verstummten zu sein oder zu verstummen. Einmal ein Pfiff, Gepaff einer kleinen Lokomotive; aus einer dornröschenhaften Straße kommt ein Zug mit girrenden Rollwagen, alle mit Schutt beladen, und entschwindet in eine andere dornröschenhafte Gasse. Langsam kehren die Tauben zurück.“ (S.611)

Vom Grundsatz her bleibt er skeptisch. Skeptisch was die menschlichen Möglichkeiten anbelangt, und regt eine Lösung an …

„Wenn einer von Frieden redet, wie ist das gemeint? Gemeint ist meistens nur die Ruhe, die durch Vernichtung eines Gegners erreicht wird. Ein amerikanischer Friede oder ein russischer Friede. Ich bin weder für diesen noch für jenen, sondern für den Frieden. Den Nicht-Krieg. Wollen wir uns mit den Wörtern, die wir in den Mund nehmen, nichts vormachen, kann man mit vollem Ernst daran zweifeln, ob Friede überhaupt ein anständiges Wort ist, ein Wort, das etwas Mögliches bezeichnet, und das Unmögliche, das Bisher-Unverwirklichte, wieso soll es gerade unserem Geschlecht gelingen, das sich jedenfalls nicht durch sittlichen Schwung auszeichnet?“ (S.614)

Nicht wissend was die Zukunft bringt. „(…)Unser Zeitalter kann sich den Krieg nicht mehr leisten, ohne sich selber auszutilgen. Die Frage: ein Friede im wirklichen Sinn, also ein Friede mit dem Gegner, ist das überhaupt möglich? wird mehr und mehr zur Frage, ob das menschliche Leben schlechthin möglich ist.“ (S.615)

Dieser Text ist gut und gerne siebzig Jahre alt. Bei allem bewegt ihn das Skandalon: „Eines geht sicher nicht: daß man Kultur reduziert auf Kunst, daß ein Volk sich einredet, es habe Kultur, weil es Sinfonien hat.“ (S.628f)

„Natürlich war er ein Schwein“, sagt jemand: „aber ein Mensch von seiner Begabung – seine Begabung geben sie ja selber zu! – und überhaupt, ich bitte Sie, was hat Kunst mit Politik zu tun?“ (S.631) Dieser Max Frisch und seine Tagebücher, relativ alt und zur gleichen Zeit hochmodern.

„Die Heidenangst, ein Spießer zu sein, und das Mißverständnis, das darin schon enthalten ist, die Berühmtheit, sich in den Sphären des ewigen anzusiedeln, um auf der Erde nicht verantwortlich zu sein, die tausend Unarten voreiliger Metaphysik – ob das für die Kultur nicht gefährlicher ist als alle Spießer zusammen?“ (S.632)

Ich wiederhole mich: Man findet hier einen, der Tümelei und Spießigkeit für sich ersetzt durch Staunen – ein Staunen, das er sich abringt, immer aufs Neue, wohl wissend, dass die Grundlagen, das wo man herkommt, einem immer nachhängen werden. Man kann sie sich ja nicht aussuchen. Wenn man das beachtet, könnte alles gut werden. Vielleicht ist das eine Leistung, ein Beitrag zur Geschichte.

Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II. Hier: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt 1998. ISBN 3 518 06533 5

* Zum Beispiel hier: Bertolt Brecht Werke: Gedichte 2. Vol. 12. Berlin: Aufbau-Verlag, 1988; pp. 85-7.

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From → Liebe, Sprache

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