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Mädchen in Hyazinthblau

18. Mai 2015

Wir begleiten ein Bild durch die Jahrhunderte. Es ist ein gedachtes Bild.

Genug lieben (1.Kapitel)

Cornelius Engelbrecht hatte sich selbst erfunden. (S.11) Nach den WKII taucht das Bild irgendwo in der amerikanischen Provinz auf. Es ist vererbt worden an den Sohn eines ehemaligen deutschen Besatzungssoldaten, der in Holland stationiert war, und die Deportation der niederländischen Bürger jüdischen Glaubens ‚regelte‘.

Lassen sie mich gleich an dieser Stelle betonen, daß ich ihn nicht als Freund nennen würde, aber ich kenne ihn gut genug, um sagen zu können, daß er seine Erscheinung bewußt geschaffen hatte (…) (S.11)

Er war irgendwie nicht authentisch, mit sich nicht im Reinen – wie man es schon mal sagt – was sicherlich mit der Herkunft des Bildes und seiner Bedeutung innerhalb der Familie lag: Die selbstzufriedene Haltung seines Vaters, wenn er das Bild betrachtete … (S.23)

Der Vater war Nazi und hat beim Plündern in Amsterdam einer jüdischen Familie ein Bild abgegriffen. Das Bild, um das es hier geht. Der Vater war für die ordnungsgemäße Deportation der Juden aus Amsterdam zuständig. Als ordentlicher Mensch war er sich keiner Schuld bewußt, außerdem habe er auch …nie einen höheren Dienstgrad erreicht. (S.31) Und die andere Familie brauchte das Bild ja sowieso nicht mehr..

[Zusatz I: Die zeitliche Einordnung.
Beim Anlesen dieses Romans dachte ich beim ersten Kapitel, welch ein Zufall: Siebzig Jahre nach Kriegsende, und dann dieses Thema.. Schon im zweiten Kapitel wurde es schwieriger. Es handelt sich eindeutig um das Pessach-Fest und was so ein Fest für Menschen und deren Gefühle bedeutet – das Leid, das diese Menschen ertragen und die Katastrophe auf die sie zusteuern ist und bleibt grauenhaft. Bei aller Rationalität bin ich angesichts kalter Planung und viehischen Handelns, dem gleichzeitigen Wegsehens und/oder Schönredens immer aufs Neue fassungslos.]

Eine Nacht, anders als alle anderen Nächte (2.Kapitel)

Das Pessach-Fest steht bevor. Pessach (…), gehört zu den wichtigsten Festen des Judentums. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten, also die Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei. Die Nacherzählung (Haggada) dieses im Buch Exodus des Tanach erzählten Geschehens verbindet jede neue Generation der Juden mit ihrer zentralen Befreiungserfahrung. (Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Pessach)

Die Familie versucht, so gut es geht, unter diesen Umständen ein normales Familienleben zu leben und so den Kindern einen Teil ihrer Kindheit zu bewahren.

Hannah ist die halbwüchsige Tochter der jüdischen Familie, sie bekommt den allmählichen Untergang – das Elend, die Not, die Angst die mit den Deportationen zusammenhängen – ganz klar mit.

Sie kann aber nicht darüber reden: Jetzt wurde ihr klar, weshalb sie das Mädchen auf dem Gemälde so liebte. Es war ihre Stille. Ein Gemälde konnte schließlich nicht reden. Dennoch hatte sie das Gefühl, daß das Mädchen, das in einem Zimmer saß, aber hinausblickte, wahrscheinlich von Natur aus still war, genau wie sie. (S.59)

[Zusatz II: Die Liebe zu den Dingen.
Jeder hat eine Vorstellung von schönen Dingen, die uns bereichern. Das Buch kommt komplett ohne eine Abbildung aus. Selbst der Ursprung des Bildes ist unklar. Der Verlag hat wohl aus Werbezwecken ein blaues Bild auf den Umschlag gebracht. Es ist sehr vergrößert..]

Adagia (3.Kapitel)

Die Adagia (Plural von lat. adagium „Sprichwort“) sind eine Sammlung und Kommentierung antiker Sprichwörter, Redewendungen und Redensarten des Humanisten Erasmus von Rotterdam. Die erste Ausgabe erschien im Jahr 1500 in Paris mit dem Titel Collectanea adagiorum („Gesammelte Sprichwörter“). Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Adagia

Das Bild ist jetzt im Besitz einer holländischen Ehepaares und steht zur Disposition der Tochter des Hauses zur abrupt bevorstehenden Hochzeit geschenkt zu werden. Der Mann wehrt, unglücklich darüber, ab.

Wenn man selbst eine erst keimende Liebesbeziehung auf das Wesentliche reduzierte – ich habe sie geliebt, sie hat mich vielleicht geliebt, ich war töricht, ich habe gelitten -, dann wurde sie leer und abgedroschen, für jeden Außenstehenden bedeutungslos. Was bleibt sind nur Momente, die wir haben, der Kuß auf die Handfläche, gemeinsam über die zerfurchte Beschaffenheit vom Stamm einer Tanne staunen zu können oder über die unendliche Zahl von Sandkörnern einer Düne. Nur die Momente. (S.76f)

Der Vater wehrt sich gegen eine Hochzeit, wie Väter es zu allen Zeiten mehr oder weniger tun..

Im Haus gingen sie sich aus dem Weg, wobei jeder die kleinste Bewegung des anderen wahrnahm. Die Luft fühlte sich geladen an.

Er wünschte sich, daß sie zu ihm käme, damit er die glatte Haut an ihrer Schläfe streicheln könnte, eine ihrer Lieblingsstellen, dort am Haaransatz. Damit er sie erst an den Schultern halten und dann zu sich ziehen und ihr sagen könnte, daß er ganz und gar ihr gehörte, und das sein Leben lang.

Aber sie machte sich damit zu schaffen, da Abendbrot herzurichten, ein sicheres Zeichen, das sie zu Zärtlichkeiten nicht aufgelegt war, und darum tat er nicht, wonach er sich am meisten sehnte. Den Moment verstreichen zu lassen war auf eine vage, unbehagliche Weise ein vertrautes Gefühl. (S.78)

..und er kommt dadurch der Wirklichkeit ein Stück näher.

Unwillkürlich schaute er auf, um zu sehen, ob das Gemälde noch an seinem Platz war. Nach einer Weile sagte er: „Wenn das Mädchen anstatt hinauszusehen, hereinschauen würde, auf uns, dann würde sie uns bestimmt für beneidenswerte Geschöpfe halten.“

Jener gewisse Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. „Schau lange genug hin“,sagte sie leise, „hinaus oder herein, und du wirst froh sein, daß du der bist, der du bist.“ Ob sie das als Feststellung oder als Ermahnung meinte, wollte er nicht fragen, und sich auch nicht vorstellen. (S.86f)

Das Bild Vermeers ‚Mädchen mit Nähkorb‘ ist eine Fiktion der Schriftstellerin. Es dient der Beschreibung der Lebensumstände verschiedener Besitzer zu unterschiedlichen Zeiten. Die Frage stellt sich: was ist Einbildung und was (kollektive) Erinnerung? (Vergleiche hierzu auch https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Vermeer)

Hyazinthblau (4.Kapitel)

Ich habe, wie ich zu meiner Schande gestehen muß, sein Gesicht vergessen. Nein, nicht Gerards. Seins. (S.88)

Wir befinden uns irgendwann im Zeitalter der Kontinentalsperre, in Holland. Im Besitz des Bildes ist die lebenshungrige Ehefrau Gerards, eines französichen Beamten, der für das Eintreiben der Steuern für Napoleon bei dem Adel Hollands zuständig, und ebenso lebenshungrig, war. Letztlich wird sie das Bild verkaufen um ihrem Gatten zu entfliehen. Sie will ein anderes Leben beginnen.

Die Liebe, so wie ich sie kannte, war doch ohnehin töricht, das ganze Theater über kochendes Blut und pochende Herzen, all die Aufmerksamkeit, die man schmachtenden Blicken schenkt. Bleiben wir lieber realistisch mein Kind. Wer möchte schon allen Ernstes in bebende Nasenflügel schauen. Wenn das tatsächlich Liebe war, dann war es nicht genug. Ich gelangte zu der Einsicht: Zu wissen, was die Liebe nicht ist, kann vielleicht genauso wertvoll sein, wenn auch unendlich viel weniger befriedigend, wie zu wissen, was sie ist. Während ich aus dem Fenster der Kutsche beobachtete, wie Männer und Frauen auf den weiten Kartoffelfeldern die Rücken krümmten, war ich entschlossen, genauso zufrieden zu sein wie mein verlorenes Mädchen, das aus ihrem eigenen sonnenbeleuchteten Fenster schaut. Einfach dazusitzen und nachzudenken hat wahrhaftig eigenes für sich. Das Leben ist und war nie eine ‚fantaisie‘, aber man kann dennoch seinen Spaß haben, nicht wahr? Und was Monsieur le C– angeht, obwohl ich mich nicht mehr an sein Gesicht erinnere, so spreche ich immer noch an jedem Passionssonntag in der Madeleine-Kriche ein ‚Ave‘ für ihn, um ihm mit jeder Faser meines Herzens für meine Auferstehung zu danken. (S.111f)

Morgenglanz (5.Kapitel)

Und wieder ist eine Schicht früher erreicht: während einer Strumflut sind die Bauernhäuser abgeschnitten, die Bewohner auf sich gestellt. Ein Baby mitsamt dem Bild erreicht das Bauernhaus. Saskia, die Bäuerin nimmt es auf unter der Auflage das Bild zu verkaufen, um das Kind durchzubingen. Sie nennt das Bild ‚Morgenglanz‘.

Das Mädchen auf dem Bild trug einen blauen Kittel. Wie herrlich musste es sein, sich in Blau zu hüllen – in das Blau des Himmels und des Himmelreichs, des hübschen kleinen Sees von Westerbork, an dessen Ufern der winzige blaue Ehrenpreis wuchs, in das Blau der Hyazinthen und des Delfter Porzellans und aller feinen Dinge. In einem Schwall von Blauen Dingen zu leben, sich darin bewegen und aufgehen zu können. (S.125)

Diese Flut war längst nicht so berohlich. Trotzdem war es ein hartes, karges und einsames Leben, das so ein Bauer in diesen Zeiten zu führen hatte. Jantje, so nannte sie den Jungen.

Sie hielt Jantje an das Gemälde. „Guck, Jantje, wie schön sie ist.“ (S.125) So ein Leben birgt immer das Risiko des Scheiterns. Sie wird nicht scheitern, weil sie nicht verzagt. Sie gab dem Bild den Namen ‚Morgenglanz‘.

Aus den persönlichen Aufzeichnungen des Adriaan Kuypers (6.Kapitel)

Adriaan Kuypers findet die Liebe seines Lebens, verliert alles in der Flut und wächst daran.

Die Frau hatte keine Fragen gestellt, als sie mir die Milch ans Fenster brachte. Ich spürte, wie sich ein Klumpen in meinem Hals bildete. Das waren glückliche Kinder an dem Fenster. Hier war der richtige Ort. (S.194)

Wir befinden uns im Jahre 1747, die die Zeit der großen Sturmflut in Holland. Ungefähr zweihundert Jahre vor dem ersten Kapitel, der ersten Begegnung mit dem Bild und den Umständen, die es begleiten. Die Zeit trieb ihre Possen mit den Menschen. Meine schnellere Entwässerungsmühle war um Jahre zu spät gekommen, Aletta und ich um Jahre zu früh. (S.192)

Das Kind der beiden, sowie das Bild von dem Mädchen in Blau, wechseln die Begleitung. Was ja immer gerne mit Eigentum verwechselt wird. Instinktiv wissen wir, dass das falsch ist, und manchmal treffen wir Menschen, die auch so fühlen.

So eine Flut scheint alles gleich zu machen. Und das ist insofern richtig, weil das Wasser nicht unterscheidet. Es spült alles frei und bringt die Dinge – kurzzeitig – auf den Punkt, um darauf alles unter einer Schlammschicht zu begraben.

So war es auch hier: Ich hatte nicht gegen Dämonen gekämpft. Ich war nur mit ihrer Strömung getrieben, während sie … Nicht ein einziges Mal war sie der Feigheit des Selbstmitleids erlegen. Ich hatte mir die Liebe gern als unverbindliche Zugabe vorgestellt und nicht als die Königsspindel, die alle anderen Teile in Bewegung setzt. Alles, worüber ich an der Universität gelernt hatte, daß es fest und ewig sei, trieb nun ankerlos dahin, mit dem Ergebnis, daß Gott auf meinem langen Heimweg im Boot viel unergründlicher geworden war. (S.192)

Stilleben (7.Kapitel)

Etwas war in diesem Mädchen, das er nie fassen konnte, ein Innenleben, das ihm verschlossen war. Er bewunderte die Höhenflüge des Kindes, ihre unersättliche Leidenschaft, immerfort irgendwo hinzulaufen, dieses aktive Innenleben. Es einen Moment anhalten zu können, lange genug, um es malen zu können, für die Ewigkeit.

Ob es möglich wäre, guten Gewissens etwas zu malen, das er nicht verstand? Wovon er nicht einmal wußte? (S.217)

In diesem Kapitel geht es jetzt um den Künstler selbst, die Familie, ihre prekäre Situation, über seine Selbstzweifel, kurz: wie sie das Alles ausgehalten haben. Das Malen war wohl seine wirkliche Leidenschaft…

Magdalena schaut (8.und letztes Kapitel)

…und Magdalenas auch. Nur konnte sie es nicht. Wir befinden uns am Ende des 17.Jahrhunderts. Sie saß ihm Modell bei diesem fiktiven Bild. Als mittleres seiner elf Kinder war sie dazu auserkoren, die kleinen Brüder stillzuhalten wenn der Vater sich konzentrieren musste, der Mutter bei allem Möglichen zur Hand zu gehen und ansonsten ein braves Kind zu sein.

Tagelang saß sie, so still sie konnte, für Vater da, machte aber gelegentlich ein paar Nadelstiche für Mutter. In dieser von Stille erfüllten Stimmung bewegten sie alle Dinge innerhalb ihres Blickfelds zutiefst. (S.227f)

Jahre später, der Vater tot, sie verheiratet, wie es eben so war um diese Zeit, hat sie Gelegenheit das Bild noch einmal zu sehen. Dabei denkt sie über die Leistungen des Modells und des Künstlers nach.

Ihre Augen, die spezielle Neigung eines Kopfes, ihre Einsamkeit, ihr Leiden und ihre Sorgen wurde von einem Künstler entliehen, damit diese von anderen Menschen über die Jahre gesehen werden konnten, denen sie nie von Angesicht zu Angesicht begegnen würden. Menschen die ihr ganz nahe sein würden, dachte sie, nur auf ein paar Armeslängen, die sie anschauten und anschauten, aber nie wissen würden, wer sie wirklich war. (S.237)

Susan Vreeland: Mädchen in Hyazinthblau. Roman, Diana Verlag, 2000.
Deutsch von Ruth Keen. ISBN: 3 8284 0048 5

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From → Liebe

5 Kommentare
  1. Für Deine Einträge brauche ich einen langen Atem, ich meine im Sinne von: Ich muss einen Gang runterschalten, in die Langsamkeit, wozu ich in letzter Zeit kaum Gelegenheit fand. Es ist wohl ein bisschen so wie mit dem Baden in diesem Blau. Aber wie immer nehme ich einen Korb, reich gefüllt mit Deinen klugen Gedanken mit, denen ich noch eine Weile nachhängen kann und, last but not least, diese mir wunderschön anmutende Leseempfehlung für ein Buch, auf das ich mich freue…

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    • mickzwo permalink

      Als ich den Umschlag auf den Flohmarkt sah wußte ich, dass ich es kaufen würde. Einen langen Atem zu brauchen, weil man einen Gang runterschalten muss und es dann auch tut, das gefällt mir sehr. Ich wünsche Dir viel Freude mit dem Buch und vielen Dank für den netten Kommentar.

      LG, mick

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  2. mickzwo permalink

    Vielen Dank für diesen netten Kommentar.

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  3. Welche Geschichten hat dieses Bild erlebt! Vielen Dank für diese eindrückliche Zusammenfassung.

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  1. [Alles mit links] Mädchen in Hyazinthblau - #Literatur | netzlesen.de

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