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Bruder Kemal

28. Mai 2015

Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten, und Neugier nur beflügelt jeden Schritt *

Ein Detektiv bekommt es mit einer Jungen-Alten zu tun. Wir lernen, dass Kassel nichts für junge Leute und was normal für Mutter-Tochterbeziehungen ist. (S.8) „Haben sie Kinder?“ Als der Detektiv verneint, entgegnet sie: „Die Liebe zu ihnen kann ziemlich monströs werden.“ (S.25)

Kein Ermittler ohne den üblichen Schlamassel: Und wer wollte in meinem Alter noch Hölle? Ich war Anfang fünfzig, ich erledigte meine Arbeit, zahlte meine Rechnungen, ich hatte es geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören, trank fast nur noch gepflegt zwei, drei Bier am Abend oder ein paar Flaschen Wein mit Freunden, und ich plante mit Deborah unsere Zukunft.(…) Vielleicht war das nicht der Himmel, aber es kam ihm ziemlich nahe. Und dann tat ich es doch… (S.34)

Nichts gegen die junge-alte Frau mit dem wohlklingenden Namen Valerie de Chavannes und der tätowierten Schlange. Aber es kam noch besser, und zwar mit Katja Lipschitz. (S.40) Ausserdem trifft der clevere Detektiv auf einen reichlich freundlichen wie nonkonformen Polizisten (S.80f); im privaten Umfeld ist da noch Deborah zu erwähnen, die auch noch ein Kind von ihm will. (S.90)

Plötzlich hat aber der smarte Detektiv dann einen Mord am Hals. (S.100) Er hört Sätze wie: Ich kenne eine Menge Leute, eine heile Haut der Bestrafung eines Verbrechers vorziehen. (S.103)

Es tut gut so einen Roman zu lesen. Die Guten sind gut, die Bösen – man weiß es nicht so genau. Wir lernen viel über die mehr oder weniger verborgenen Erfahrungen der Protagonisten. Der Autor spielt mit den Vorurteilen und Einstellungen der Leser und doch ist man beruhigt – es wird schon alles gut abgehen.

Ein bisschen Schnodderigkeit bis hin zum Leichtsinn, das gehört wohl bei diesen Detektiven dazu. Dies ist ein Urlaubskrimi von Feinsten.

Kemal telefoniert mit Scheich Hakim: Wieder dieses Lachen. Es war mechanisch und gefühlsleer wie sein Deutsch und hatte nichts mit irgendeiner Art von Amüsiertsein zu tun. (S.161)

Die parodistischen Züge sind unterschwellig, und kaum zu übersehen: …als hätte man einen Raum mit sich drehenden Kreiseln überfüllt, die immer nur kurz zusammenstießen, dadurch die Richtung änderten, gleich darauf mit dem nächsten zusammenstießen und immer so weiter. (S.165) Was hier genau parodiert wird mag sich jeder selbst aussuchen. Und genau das ist ja das Geniale.

Die Guten sind eben gut und die Bösen sind böse. Selbst der Zweifel wird berücksichtigt und findet letztlich eine Auflösung. Um es mit Goethes Direktor im Faust zu sagen: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ *

Durchkonstruiert ist diese Geschichte, weil eben gute Fiktion. Kein Detail steht da nur so im Raum. Es wird nochmal gebraucht. In der Sprache und in der Aussage klar ist der Roman auf eine Weise vielschichtig und zwiespältig, daß er noch lange nachklingt. „Gute Medizin!“ **

Jakob Arjouni: Bruder Kemal. Roman, 2012. Diogenes. ISBN: 978 3 257 24255 3

* Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Hier: Vorspiel auf dem Theater, Direktor
** Indianische Weisheit aus Old Surehand II, frei nach Karl May 😉

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From → Sprache

4 Kommentare
  1. 1 A, wie die komplette Kayankaya-Reihe. Schwarzer Humor, Sozialkritik, Spannung – alles, was gute Krimis brauchen, ist hier zu finden. Ewig schade, dass Jakob Arjouni so früh gehen musste…
    Viele Grüße,
    Gerhard

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  2. mickzwo permalink

    Schade, dass ich ihn erst jetzt für mich entdeckt habe. Immerhin, eine gute Entdeckung. Der Blick auf das Land ist wirklich bemerkenswert und unterhaltsam.

    Gruß, mick

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  3. Letztes Jahr leistete ich mir die kompletten Kaya-Romane von Arjouni und las in einem Zug während einer verregneten Urlaubswoche durch…wie du schreibst: Urlaubskrimis, allerbeste Unterhaltung, aber auch anspruchsvoll und mit einem scharfen Blick auf dieses Land.

    Gefällt 1 Person

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  1. [Alles mit links] Bruder Kemal - #Literatur | netzlesen.de

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