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Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

31. Mai 2015

Wer wahre Stärke sucht
wird sie hier finden:
Einer trotzt standhaft
dem Wetter, den Winden.
Sein Mut treibt ihn voran,
dass niemals wanken kann,
was einst als Schwur begann:
Pilger zu sein.

John Bunyan, ‚Pilgerreise‘

Da sind also zwei zusammen alt geworden, und haben darüber vergessen was sie aneinander hatten und haben.

Er glaubte nicht, dass dieser Brief für ihn sei. Sie tat es auch nicht. Und doch war es Post für ihn. In der Folge lernen wir Queenie kennen und langsam dämmert es uns wohin die Reise geht, die Harold da angetreten ist.

Maureen, seine Frau… und Harold haben sich schon lange im Einfamilienhaus in der Siedlung eingerichtet. Sie innen, er aussen. So kommen sie sich nicht ins Gehege… und warten.

Warten auf irgendwas. Jeder für sich. Sie belauern sich ein wenig, an sonsten gehen sie ihre Wege. Mittlerweile ist er in Rente. Sie sind alt geworden und pflegen ihren Besitz.

Ihr Sohn war es längst Leid, und hat sie verlassen. Fast zynisch hat er alles mit angesehen, sicher auch seinen Vorteil aus der Situation gezogen, aber am Ende war er es einfach nur Leid, das alles… Bricht aus, wahrscheinlich um sein eigenes Leid zu finden.

Dann kommt dieser Brief, man ist berührt aber auch verwirrt. Wie soll man darauf antworten, nach so langer Zeit. Angemessen. Harold grübelt und unmerklich findet er sich auf einer Wanderung wieder. In seinem Alter! Seine Frau kann es kaum fassen.

Maureen ringt sich durch. Sie geht zu einem Arzt und entdeckt dabei, dass er endlich etwas tut was er tun muss. Er glaubt an etwas. Das ist vielleicht unmöglich aber er glaubt es. Und nur das zählt. Für mich ist das Kapitel 11, Maureen und der Stellvertreter (S.159ff), bisher das eindringlichste.

Dieses Umdenken ist langsam und quälend. Telefonate sprechen Bände. Floskeln, die eigentlich Schweigen sind… „Wie hatte alles so entgleisen können?“ fragt er sich, findet aber keine Antwort. (S.178) Aber auch: „Ohne sie zu leben wäre, als würden ihm alle lebenswichtigen Organe entnommen und von ihm bliebe nichts als eine leere, zerbrechliche Hülle.“ (S.184)

„Das Buch hat so seine Längen“, sagte sie zu mir, nachdem ich darin gelesen hatte. Ich frage mich wirklich, warum niemand versucht Harold von seinem Vorhaben ernstlich abzuhalten. Statt dessen zollt man ihm Respekt und bestärkt ihn in seiner unzulänglichen Bescheidenheit.

Vor Jahren, als mein Ältester klein war, ich also jung, waren wir sonntags mal auf einer Hundeausstellung. Ich dachte, ich müsste ihm was bieten, seine Mutter war untröstlich verhindert und wir sind also zu dieser Hundeausstellung.

Wir schlenderten an all den aufgebretzelten, mehr oder weniger gleichmütig dreinblickenden Hundefamilien mit ihren stolzen und pokalsüchtigen Besitzern vorbei. Plötzlich war der Junge weg.

Ich fand ihn bei einer Wolfshunde-Familie. Das Kind stand da wie angewurzelt. Wollte einfach nicht weitergehen. Er sagte: „Ich gehe hier nicht weg, ich warte bis der große Hund aufsteht.“ *

Das Buch hat so seine Längen, sagte sie, aber sie hat es mir empfohlen. So eine Pilgerreise kann in der Tat lang sein…

Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry. Roman, 2012. Fischer – Taschenbuch, 2.Auflage 2014. ISBN: 978 3 596 51315 4
In guten Bibliotheken und im Handel, versteht sich.

———————

* Weil ich an Dich dachte

Weil ich an Dich dachte,
habe ich mich entfernt von Dir.
Die Schwerelosigkeit
setzt die Naturgesetze außer Kraft.
Jede Bewegung auf Dich zu
treibt mich von Dir fort.
So umkreise ich Dich
elliptisch.
Jeder Versuch der Berührung
vergrößert die Umlaufbahn.
Könnte ich Dich nicht berühren
– wenn ich es könnte –
schwebten wir
eine Weile beieinander,
und die Astronomen
trauten ihren Augen nicht.
© mick,89

Nachsatz: Ob David, das ist der Sohn von Maurreen und Harold, irgend etwas gefunden hat, das weiß ich nicht. Produziert hat er, so oder so, jede Menge Leid. „Ohne Liebe ist alles – ja, was denn?“ (S.400)

André Heller und Wolfgang Ambros zu den Themen Liebe und ewiges Leben.

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From → Liebe

4 Kommentare
  1. Mein derzeitiges „immer-im-Rucksack-dabei-Buch“ und jetzt freue ich mich umso mehr darauf, es endlich zu lesen!

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