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Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

29. Juni 2015

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen. Jorge Bucay*

„Wer Märchen liebt, sollte sich nicht lustig machen über Erwachsene, die das Tor zur Märchenwelt nicht finden. Vielmehr sollte er ihnen respektvoll die Angst nehmen, denn es ist die Angst, die ihnen den Blick versperrt.“ (S.50)

Rafik Schami, Autor, ausgezeichnet als Literaturpreisträger usf, erzählt wie er zum Erzähler wurde, warum er ins Exil musste, was er dort erlebte, von seinen Hoffungen, Siegen und natürlich von den Niederlagen. Vom Beistand seiner Freunde Ibn Aristo, Don Quijote und, nicht zu vergessen, von Sancho Pansa erfahren wir.

Genauso erfahren wir von der Tatsache, dass er fasziniert war von der Familie, in der er aufwuchs und dem Viertel, indem er sich bewegte. Das alles prägte ihn und ließ ihn zu dem werden, was er heute ist: ein begnadeter Erzähler. Es war ein weiter Weg dorthin. Voll von Irrtümern, Anstrengungen, Glück und voller Wunder.

„Die Puristen mögen einwenden, dass unsere heutige mündliche Erzählkunst nicht ganz echt sei, weil sie sie weniger ursprünglich finden. So ist es zum einen fraglich, ob es einen einzigen Ursprung für die Mündlichkeit gibt, auf die man sich berufen kann, und zum anderen ist diese neue mündliche Erzählkunst zeitgemäß, überlebensfähig und verfügt im Vergleich zu ihren Vorfahren über ein gewaltig großes Publikum. Auch die mündliche Kunst gedeiht nicht in einem aseptischen Raum, sondern mitten unter den Menschen, deshalb ist ihr Wandel und ihre Verwandlung allgemein und ein ganz natürlicher Prozess, dem alles Lebendige unterliegt. Die meisten modernen mündlichen Erzähler sind, so wie ihre schriftlichen Zwillingsbrüder, oberflächlich, auf Beifall und Einschaltquoten programmiert, aber ein einziger Gerhard Polt reicht, um die mündliche Erzählkunst dieser Zeit zu loben. Puristen waren immer Lebensfeindlich.“ (S.146)

Rafik Schami wandert zwischen den Welten. Er ist 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland. Hat dort studiert und Bücher geschrieben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Er rechnet ab mit manchem, indem er die Vorteile anderer Dinge in den Fokus seiner Zuhörer stellt.

Er berichtet von den Lesereisen, die im Grunde doch Erzählreisen sind. Dabei plädiert er für die Wertschätzung einer Kunst des Zu-Hörens. (Siehe dazu auch Bremen 2011, Rafik Schami beim Erzählen: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte.)

Der Artikel auf Rivella49’s Blog, der mich letztlich dazu bewog, diesen Titel zu bestellen sei hier genannt. Dort las ich nichtsahnend über Freiburg, eine meiner Lieblingsstädte (aus Gründen). Martina schrieb dort, dass nach der ersten Geschichte in dem Buch die Stadt Freiburg erst mal dran wäre.

Das kann ich nachvollziehen. Es ist wirklich ein liebenswerter Ort. Ich glaube, dass es dabei nicht blieb. Das Buch ist nicht nur wundervoll erzählt, sondern selbst im wissenschaftlichen Teil, spannend wie ein Krimi; aufschlußreich ist es sowieso..

Bravo und Dank auch an Martina für ihren Blog.

Rafik Schami: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte. Hanser-Verlag, 2011. ISBN: 978 3 446 23771 1

* argentinischer Autor und Psychiater

Den Artikel, Die Information von James Gleick, habe ich vor etwa drei Jahren an dieser Stelle veröffentlicht. Er handelt von einem Buch, das ganz anders an das Thema herangeht. Es drängte sich mir quasi nochmal auf. Das finde ich spannend. Wahrscheinlich gibt es viele solcher Bücher.

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From → Liebe, Sprache

6 Kommentare
  1. Hat dies auf Meine Bibliothek ist toll! rebloggt und kommentierte:
    Heute war der Familientag mit den Thema „Hört, Hört“ in der Kinder- und Comuterbibliothek. Dazu hatten wir einen Physiker vom Department Physik der Uni Paderborn eingeladen, einen Experten für Brettspiele, Frau Neumann, die mit ihrer Crew die Waffeln zugunsten des Vereins „Hilfe für schwerstkranke- und krebskranke Kind e.V.“ backt, Frau Kleber, die die die Kinder per Schminke in Löwen, Katzen und sonstige Phantasiegestalten verwandeln kann aber nicht Rafik Schami. Der hätte sicherlich gut gepasst in das Konzept. Wir haben ihn erst gar nicht gefragt, der kann ja nicht überall sein 🙂
    Das Buch sei trotzdem emphohlen! (Einfach Rafik Schami bei der Stadtbibliothek eingegen.)

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  2. Schöner Artikel. Danke. Ich mag Rafik Schami auch. Er hat eine lustige Geschichte über Deutsche und Nudelsalat geschrieben. 🙂

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  3. Lieber Mick, hast du wunderbar über das obegenannte Buch von Rafik Schami, über die Angst vor den Märchen und über die Kunst des Zuhörens erzählt! Ich danke dir ganz herzlich für die Erwähnung meines Artikels. L.G. Martina

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte – #Literatur

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