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Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden

5. Juli 2015

Ich hörte mein Herz schlagen. Ich hörte die Herzen der anderen. (S.170)

Ein Beispiel aus: Ich konnte die kleinsten Dinge erkennen. Vollmond. Also hell war es in dieser Nacht. Die Beschreibung der Natur ist sehr anschaulich. Sie trifft auf den Nachbarn, dem es Leid tut, dass seine Freundschaft mit ihrem Ehemann zerbrach. Woran? Man weiß es nicht.

Man weiß auch nicht so genau, was sie bewog ihr Bett zu verlassen. Nach ihrem nächtlichen Ausflug in den Garten kehrt sie unverrichteter Dinge zurück in das Ehebett, wo ihr Mann schläft. Der hat von nichts etwas mitbekommen. Sie aber hat einen Entschluß gefasst:

„Ich dachte einen Moment lang an die Welt außerhalb meines Hauses, und dann dachte ich gar nichts mehr, außer dass ich nun wirklich schlafen musste.“
(S.52) Soweit, so gut.

Und dann geht das doch nicht. Aus den verschiedensten Gründen. Sie haben alle nichts mit der Sache zu tun, um die es wirklich geht. Warum auch? Die Menschen leben nicht wirklich miteinander. Im besten Falle nebeneinander, aber selbst das wird oft fraglich.

Hier wird Sprachlosigkeit in Sprache gegossen. Allgemeinplätze und Floskeln, Andeutungen und nebulöse Codes werden zur Verschleierung der Unfähigkeit zur Empathie herangezogen. Empathie aber braucht jede Form der Liebe. Alles andere führt unweigerlich ins Gegenteil.

Die Ratlosigkeit, mit der die Protagonisten den Ergebnissen ihrer Aktionen gegenüberstehen entspricht oftmals der Bestürzung der Leser, wenn sie dann feststellen wo und wie alles endet.

„Er begriff, dass es nur eines einzigen Verrückten und einer Fackel bedurfte, um alles zu zerstören.“ (S.92) Es ist alles so fragil, und ständig wird in Frage gestellt. Nichts ist so verlässlich, dass von Dauer sein könnte.

„Er sagte: ‚Ich will nur noch eins sagen.‘ Aber dann fiel ihm nicht ein, was in der Welt das sein könnte.“ (S.175) So endet diese Sammlung.

Diese Erzählungen bringen Gedanken meisterhaft auf den Punkt und ohne sie konkret auszuführen. Dadurch entsteht viel Raum für eigene Gedanken der Leser. Beklemmend in ihrer Konsequenz, oft überdeutlich beim genauen Hinsehen. Nichts für schwache Nerven. Amerikanische Kurzgeschichten vom Feinsten.

Raymond Carver: Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden. Siebzehn Erzählungen mit einem Vorwort von Ingo Schulze. Berliner TB-Verlag, 2002.
ISBN 978 3 442 76070 4
Aus dem Amerikanischen von Hemut Frielinghaus.

Ein Tag warten.

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From → Liebe

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