Skip to content

Leviathan

19. Juli 2015

Eine Parabel über das Leben und die Versuchung.

„Piczenik lebte in dem Städtchen Progrody als ein unauffälliger, bescheidener Mensch, dessen Erzählungen von den Korallen und dem Leviathan ganz ernst genommen wurden, als Mitteilungen eines Mannes vom Fach nämlich, der sein Gewerbe ja kennen mußte, wie der Tuchhändler Manchesterstoffe von deutschem Perkal unterschied und der Teehändler den russischen Tee der berühmten Firma Popoff von dem englischen Tee, den der ebenso berühmte Lipton aus London lieferte. Alle Einwohner von Progrody und Umgebung waren überzeugt, daß die Korallen lebendige Tiere sind und daß sie von dem Urfisch Leviathan in ihrem Wachstum und Benehmen unter dem Meere bewacht werden. Es konnte nicht daran gezweifelt werden, da es ja Nissen Piczenik selbst erzählt hatte.“ (S.72)

Gewiß, er war ein gläubiger Mensch und die Korallen bestimmten sein Leben. Es kam auch vor, dass der Korallenhändler Nissen Piczenik im Stillen, nur für sich, zu zweifeln begann, …„daß so ein mächtiger Gott wie Jehovah einem so leichtsinnigen Fisch wie dem Leviathan die Obhut über die Korallen hatte überlassen können.“ (S.73)

„Ja, ersehnte sich nach dem Meere, auf dessen Grund die Korallen wuchsen, vielmehr sich tummelten – nach seiner Überzeugung. Weit und breit gab es keinen Menschen, mit dem er von seiner Sehnsucht hätte sprechen können, in sich verschlossen mußte er es tragen, wie die See die Korallen trug. (…) Nie in seinem Leben hatte er Progrody verlassen. In diesem kleinen Städtchen gab es keinen Fluß, nicht einmal einen Teich, nur Sümpfe ringsherum, und man hörte wohl unter der grünen Oberfläche das Wasser glucksen, aber man sah es niemals.“ (S.74-75)

Etwas musste passieren. Er wollte sich selbst von der Richtigkeit seiner Annahmen überzeugen.

„Im Städtchen Progrody aber wußte kein Mensch, was alles sich in der Seele des Korallenhändlers abspielte. Alle Juden hielten ihn für ihresgleichen. Der handelte mit Stoffen und jener mit Petrolium; einer verkaufte Gebetmäntel, der andere Wachskerzen und Seife, der dritte Kopftücher für Bäuerinnen und Taschenmesser; einer lehrte Kinder beten, der andere rechnen, der dritte handelte mit Kwaß und Kukuruz und gesottenen Saubohnen. Und ihnen schien es, Nissen Piczenik sei ihresgleichen – nur handele er eben mit Korallen. Indessen war er – wie man sieht – ein ganz besonderer.“ (S.76-77)

Was es mit dem Korallenhändler Nissen Piczenik, seinem Umfeld und dem Leviathan auf sich hatte, davon handelt diese Geschichte.

Joseph Roth: Der Leviathan. Sonderdruck, 2003. ISBN 3 499 23424 6

Leviathan (hebr. לִוְיָתָן liwjatan „der sich Windende“) ist der Name eines Seeungeheuers der jüdisch-christlichen Mythologie. Seine Beschreibung enthält Züge eines Krokodils, eines Drachen, einer Schlange und eines Wals.
(Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_%28Mythologie%29)

Advertisements

From → Sprache

3 Kommentare
  1. Graugans permalink

    Gut, daß Du an Joseph Roth erinnerst, gehört ja auch schon zu den Vergessenen. Wunderbare Geschichte!

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Bislang kannte ich den Autor nicht. In dem schmalen Bändchen ist noch „Die Legende vom heiligen Trinker“ abgedruckt. Auch spannend.

      Gefällt mir

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Leviathan – #Literatur

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: