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Der Stuhl

26. Juli 2015

Eine Petitesse, nichts weiter.

„Der Stuhl begann umzufallen, umzukippen, zusammenzubrechen, jedoch nicht im Wahrsten Sinne des Wortes zusammenzuklappen. Streng genommen bedeutet zusammenklappen die Klappen von etwas zusammenlegen. Nun, von einem Stuhl wird man nicht behaupten wollen, er habe Klappen..“ (S.7)

Es sollte eine Kleinigkeit sein, ein Zeichen der Anerkennung – im besten Falle. Der Laden machte dicht, plötzlich, und wir – gute Kunden zwar, aber doch eben nur Kunden, wir wußten nichts davon. Vielleicht hätten wir es ahnen können. Nun ja. Das Restangebot war schon sehr übersichtlich und so landeten einige Kurzgeschichten in unserem Besitz. Wir verließen wortlos den Laden. Offensichtlich wollte man auch jetzt nicht darüber reden. Die Situation sprach für sich.

„Es wäre jedoch etwas übertrieben, behaupten zu wollen, das menschliche Schicksal sei bestimmt durch das kauende Mundwerkzeug der Käfer. Wenn dem so wäre, hätten wir uns längst alle in Häuser aus Glas und Eisen zurückgezogen, uns vor dem Anobium* in Sicherheit gebracht, aber nicht vor allem, denn aus einem gewissen Grund und auch zu einem bestimmten Zweck gibt es jenes geheimnissvolle Übel, dem wir, potentielle Kranke, den Namen Glaskrankheit geben, und außerdem den ganz gewöhnlichen Rost, der, möge einer diesen anderweitigen Geheimnissen auf die Spur kommen, nicht das Eisenholz befällt, doch buchstäblich alles angreift, was aus reinem Eisen ist. Wir Menschen sind anfällig..“
(S.22)

Jetzt war ich mal wieder auf der Suche auf was Kurzem, zur Überbrückung. Mir fiel dieses Bändchen ein und dann das. Ich wusste plötzlich nicht, wo eine Pause einlegen. Spannung – nicht an der Oberfläche, im Grunde wehrte ich mich dagegen aber ich konnte nicht. Musste immer weiterlesen. Ich war da in etwas hineingeraten. Aber in was? Wäre es nur eine Abhandlung über ein Sitzmöbel gewesen, es hätte mich nicht gestört. Aber auch weniger gefangen genommen..

„Erstaunlich dieser Ton. Eindeutig, in einem bestimmeten Sinne eindeutig um keine Zweifel bei den Zeugen, die wir sind, aufzuwerfen, doch gedämpft, erstickt, diskret, damit keiner von ihnen herbeieilt, weder die liebedienerische Eva noch die Kains, damit alles sich zwischen ihm allein und dem Alleinigen abspiele, wie es so viel Größe gebührt. …“

Wir befinden uns samt unseres Stuhles im Kino und sehen einen dieser unvermeidlichen Showdowns auf uns Zukommen – wohl irgendein Western: „…Wie vorauszusehen war und in Erfüllung der physikalischen Gesetze, prallte der Kopf auf und dann ein wenig zurück, sagen wir, da wir in der Nähe sind und vor kurzem gerade andere Bemessungen durchgeführt haben, zwei Zentimeter nach oben und zur Seite. Von diesem Augenblick ist der Stuhl nicht mehr von Belang. Nicht einmal der restliche Fall, nun pleonastisch, wäre von Belang. Das Projekt von Buck Jones folgte, darauf wurde bereits hingewiesen, einer Flugbahn, war auf ein Ziel gerichtet. Da haben wir es.“ (S.34f)

Es ist alles berechenbar, denn es gibt nicht Neues unter der Sonne (schon gar nicht mit Buck Jones aus diesem Film). Man muss es nur sehen. Es bleibt schwierig.

„Einige Male, wenn Buck Jones nicht verfügbar wäre, da er auf der anderen Seite der Berge ein paar einfache und anständige Viehdiebe jagte, täten es auch ein Stuhl und ein fester Punkt im Universum, um die Welt aus den Angeln zu heben, wie Archimedes es zu Hieron von Syrakrus gesagt hat, und um die Blutgefäße zum Platzen zu bringen, die die Knochen des Schädels zu schützen meinten, und im eigentlichen Sinne steht hier meinten, denn schlecht wäre es um sie bestellt, wenn Knochen, die so nahe am Gehirn sind, nicht einmal in der Lage wären, ob nun auf dem Weg der Osmose oder der Symbiose, einen mentalen Vorgang durchzuführen, der ebenso auf der Hand liegt wie das simple Meinen.“
(S.37)

Das ist nach meiner Meinung literarische Geschichtserzählung vom Feinsten. „Ruhig Blut, Portugiesen, hört zu und seid gedudig.“ (S.38)

José Saramago: Dinge. Drei Erzählungen. Hier: Stuhl. Übersetzung: Sarita Brandt. ISBN 3 49923424 6

* Anobium, das oder Nagekäfer, Gewöhnlicher, der …ist der wichtigste einheimische Nagekäfer und zugleich in ganz Europa verbreitet. Bei Kunstobjekten, Möbeln, Musikinstrumenten und Gebrauchsgegenständen aus Holz ist er als holzzerstörendes Insekt an erster Stelle zu nennen. Da er seine optimalen Entwicklungsbedingungen in kühlen, feuchten Räumen findet, sind besonders Einrichtungsgegenstände in Sakralbauten, wie Kirchenbänke, Altäre, Holzfiguren und Ähnliches gefährdet. In Bereichen mit hoher Luftfeuchtigkeit und mäßigen Temperaturen werden auch Dachkonstruktionen, Stallungen und ähnliche Objekte befallen. * aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Nagek%C3%A4fer

José Saramago (ʒuˈzɛ sɐɾɐˈmaɣu) (* 16. November 1922 als José de Sousa Saramago in Azinhaga, Portugal; † 18. Juni 2010 in Tias auf Lanzarote) war ein portugiesischer Romancier, Lyriker, Essayist, Erzähler, Dramatiker und Tagebuchautor. 1998 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Jos%C3%A9_Saramago)

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5 Kommentare
  1. Dinge…von Senor Saramago genießt ein stetiges Augenmerk bei mir. Ich darf gar nicht sagen, wo ich den stets griffbereit deponiert habe. 😉
    Das fiebernde Sofa war mir besonders sympathisch und zu meinem Briefkasten pflege ich eine tiefe Beziehung, seit ich seinen melancholischen alles in sich hineinfressenden Charakter durchschaut habe.
    Feine Lektüre, feiner Beitrag von Dir dazu.
    Liebe Grüße✨

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    • mickzwo permalink

      So gesehen ist es wohl das mindeste, was der Senor Saramago verdient hat.
      Ich danke Dir für Deinen Kommentar.
      LG 😉

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  2. Interessanterweise habe ich deine Absätze begieriger gelesen als die Zitate. Was sagt uns das nun? 🙂

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Lieber Zeilentiger!

      Was es Dir sagt, weißt Du vermutlich viel besser als ich. Möglicherweise sagst Du es mir ja noch. Mir sagt es, dass ich diese Geschichte wohl noch einmal lesen sollte. Zu ein Tag warten habe ich mal geschrieben: Kurzgeschichten sind oft wie Kinnhaken. Wenn die Sache gut plaziert ist, hat man noch lange was davon.

      Dazu bekam ich den Kommentar: wholelottarosie permalink

      “Kurzgeschichten sind wie Kinnhaken.”
      Genau so ist es.
      Und so muss es auch sein.
      Manche Kurzgeschichten begleiten mich schon Jahre meines Lebens und verursachen immer wieder eine Gänsehaut.
      Zum Beispiel “Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden.” von Raymond Carver
      LG von Rosie

      Daraufhin habe ich zu diesem Buch auch einen Text geschrieben.

      Ich danke für Deinen Kommentar, war wohl doch keine Petitesse 🙂

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  1. [Alles mit links] Der Stuhl – #Literatur

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