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Der Knacks

8. August 2015

Ich hatte eigentlich ein wunderschönes Leben. Leider habe ich es zu spät gemerkt. *

Er kommt schleichend. Unbemerkt. Aber er kommt. Dann ist er da und bleibt. Versucht sich einzurichten. Klebt etwas. Will nicht gehen. Beinahe könnte man meinen, er macht es sich gemütlich. So anhänglich ist er.

Menschen arbeiten, Menschen werben umeinander. Die Erfüllung im Beruf zu suchen ist wie Heiraten, um die Liebe zu finden. Und so werden Ehepaare daraus. Erst bedeckt sie der Mehltau der Gewohnheit, dann die Taubheit der Routine, dann der Panzer der Enttäuschung, schließlich verkappen sie sich in der Rüstung der Bitterkeit. Und es muss nur einer kommen… (S.79)

So ein Knacks kann jeden erwischen. Jedes Alter und jedes Geschlecht kann es treffen. Folgt man dem Autor bei seiner Reise durch diese Welt lernt man vieles kennen, und trifft auf manches das bestürzt.

Die wichtigsten Dinge erschließen sich retrospektiv, sind unbemerkt ins Leben gekommen und sinken allmählich tiefer. (S.138)

Nein, bombig wird die Stimmung nicht dadurch. Gewohnt präzise und sehr eloquent beschreibt Roger Willemsen in Der Knacks die Erscheinungsformen dieses Phänomens und jeder scheint sein Fett abzubekommen.

Der Knacks, das ist die Zone der Gegenwart, und wo er bewusst wird, wird sie bewusst, nachzeitig: Jetzt sehe ich, wer ich nicht habe werden, weiß, wer ich nicht wieder werde sein können, und selbst wenn ich würde, was ich wünschte, so ist doch, Joseph Conrad zufolge, „an einer vollendeten Tatsache nichts so vergänglich wie ihr Wunderbares“. Im selbstbewusst werdenden Knacks erscheint nicht das Leben, das geführt wird, sondern jenes, das führt. (S.139)

Sicher, dieser Mensch ist sehr belesen. Die Art und Weise, wie hier Zitate verwandt werden ist nur großartig zu nennen – selbst bei so einem Thema! Die Kapitel, die Willemsen in seinem Essay über den Knacks wählt, erinnern in der Chronologie an die Reise eines Menschen durch das Leben. **

So luzide über die dunklen Seiten des Lebens zu schreiben, gelingt nur Roger Willemsen. ***

Dieses Buch schön zu nennen wäre wohl nicht richtig. Aber es gehört in jeden Bücherschrank und – wenn es an der Zeit ist – gelesen. Einmal begonnen, fällt es schwer den richtigen Zeitpunkt für eine Pause zu finden. Es ist ein großer Wurf und es ist stimmig.

Roger Willemsen: Der Knacks. Fischer TB, Frankfurt a.M. 2008.
ISBN 978 3 596 17989 3

* Willemsen zitiert Colette auf S.71

** Die Kapitel überschreibt Willemsen – in dieser Reihenfolge – so:
Das weiße Huhn
Kinderleben
Erwachen
Sprünge
Gebrochene Helden
Aus den Leben der Paare
Zäsuren
Gemeinsinn
Lebensgeschichte
Heile Welt
Craquele
Kunst
Umgekippte Landschaften
Schneller!
Sich Heimdrehen
Der lange Abschied
Todesfälle

*** Gerd Scobel lobt diesen Essay im Werbetext auf der Rückseite des Buches.

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From → Liebe, Sprache

15 Kommentare
  1. Im Sommer 2012 war er Gast auf dem Johannisberg anlässlich des Rheingau Musik Festivals und las aus diesem Buch und ich war begeistert von seiner Menschlichkeit, seinem Charme, da war nichts Blasiertes, Überhebliches. Allerdings bin ich ja kein Fernseher und kannte ihn nicht von dort, kenne ihn nur aus seinen Büchern und ob Momentum, dieses hier, die Guten Tage oder Die Enden der Welt, mir brachten sie alle eine neue Welt- und Einsicht.
    Deswegen nehme ich seine Bücher immer mal wieder in die Hand und finde etwas, was mich gerade auch berührt.
    Ich erlaube mir, unter meinen heutigen Eintrag, nachträglich den Link zu diesem Artikel zu setzen.
    Mit sonnigen Grüßen vom Dach
    Karin

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  2. Graugans permalink

    Ja, Du hat mich überzeugt, wenn die Zeit reif ist, werd ich es lesen! Trotz großer Verehrung für Roger Willemsen hab ich mal ziemlich geärgert über seine überhebliche, naserümpfende und blasierte Art zu schreiben, es handelte sich um sein Buch über Zugfahrten durch Deutschland. Ich konnte nicht fassen, wie von oben herab dieser Autor da über die Leute schrieb, die ihm halt irgendwo begegnet sind, ja, es stehen auf Bahnhöfen nicht nur Menschen mit hohem Bildungsgrad und Niveau herum, aber…naja, ich bin da aber auch äußerst empfindlich…was Du über den „Knacks“ schreibst, klingt so überzeugend, daß es auf jeden Fall lohnt, da mal sich hineinzubegeben! Liebe Grüsse

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    • mickzwo permalink

      Ich mochte ihn auch nicht so besonders. Und so etwas wie Du es hier beschreibst, hätte mich auch geärgert. So ein wenig blasiert kann er schon rüberkommen. Ich glaube, der ist so. Als Schwiegersohn für meine Tochter könnte ich so einen Menschen niemals akzeptieren. Als glänzenden Analytiker schon. Ambivalent. Das gebe ich gerne zu. Das erste Buch von Willemsen, das ich gelesen habe, ist der Titel Nur zur Ansicht. Das war schon ein Erlebnis für mich. Vollends begeistert war ich dann von Momentum, das habe ich eigentlich für meinen Sohn gelesen. Das fand ich so gut, das habe ich ihm dann auch geschenkt. Der Knacks, um den habe ich auch erst einen großen Bogen gemacht. Ich glaube es ist wirklich so: Die Titel suchen sich den Leser aus. Nicht umgekehrt. Und sie legen, wenn es gut läuft, auch den Zeitpunkt fest.

      Liebe Grüsse auch an Dich.

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      • Graugans permalink

        Weißt Du was, lieber Mick, ein großer Analytiker bist auch Du und vor allem, und das mag ich sehr an Dir, Du kannst nicht nur schreiben, sondern Du tust es als Humanist, der Du bist! Sei ganz lieb gegrüßt, ich werd mir diesen Knacks irgendwann vornehmen und auch das Momentum, um die schleich ich eh schon lange herum…ich fürchte, daß ich zum Knacks einfach noch keinen Mut hatte, weil ich selber tausend Knackse (Knäckse?) habe!

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  3. Danke!

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  4. Oh oh… wer kennt ihn nicht. Den unbemerkten Knacks. Oder sagen wir die Frage, wann genau kam der Knacks. Und wo ist bitte das Rad zum zurück drehen….

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Trackbacks & Pingbacks

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  2. Tschüss, Herr Willemsen | Alles mit Links.
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