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Die Medwedew-Variante

23. August 2015

Sie haben mich immer noch nicht verstanden“, sagte er. „Sie sollten niemandem trauen, Herr Hagen. Niemandem. (S.33)

Der Plot dieses Kammerspiels aus Bielefeld * ist schnell geschildert. Marc Hagen durchlebt einen Albtraum: Er ist an einer speziellen Form der Amnesie erkrankt und vergisst immer wieder, wer er ist. Als er bei einer Auktion einen Koffer ersteht, muss Marc erleben, dass der Albtraum noch steigerbar ist. Denn dieser Koffer enthält etwas, was andere in ihren Besitz bringen wollen, und zu der Frage, wer Marc selbst ist, gesellt sich jetzt jeden Tag die Frage: Wer und wer ist Feind? **

Nach meiner Auffassung ist es so banal, wie es aussieht auch. Doch als trivial würde ich dies keineswegs bezeichnen. Naturgesetze können nicht ausser Kraft gesetzt werden. Selbst der Harlekin oder seine Freunde werden das anerkennen.

Alles was sich denken lässt, wird gedacht. Irgendwann. Und alles was möglich ist, wird auch gemacht. Garantiert.

Und doch: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. *** Ein Hase und Igel Spiel. Es war immer schon irgendwo da. Alter Wein in neuen Schläuchen, so zu sagen.

Vom musikalischen Standpunkt aus gesehen ist Wiederholung ja kaum als verwerflich anzusehen. Im Gegenteil. Erzeugt sie doch Geborgenheit durch eine gewisse Vertrautheit. Das Eingängige, etwas was sofort plausibel ist, kann durchaus beglückend wirken. Gleichfalls kann man das ein oder andere ausblenden.

Und, was bringt uns das jetzt?, fragte mick. Nichts, war die fast gleichzeitige Antwort von ernst und willi. Wenigstens dies, dachte mick, ging und ließ die anderen hinter sich. Dabei summte er Jealous Guy von John Lennon. Business as usual.

Wenn wir niemandem mehr trauen können, dann geht alles vor die Hunde. Alles.

Anderas Hoppert: Die Medwedew-Variante. Grafit-Verlag Dortmund, 2005.
ISBN 978 3 89425 308 0

* Vielleicht könnte ich die Passage über Bielefeld in Haben oder Sein noch einmal überdenken. Nee, doch nicht.
** Aus dem Umschalgtext der Rückseite
*** Prediger Salomo, frei nach Martin Luther.

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From → Liebe

9 Kommentare
  1. Bielefeld gibt es gar nicht. Das ist eine Erfindung der Medien.
    Sagen die.
    Kann man denen trauen?
    Dann noch in einem Stück, in dem sich jemand ver-traut, im Sinne wie ver-innert hat?
    Ver-wirrend, so scheint mir.
    Ver-flixt! Der potentielle Feind, die Ver-gesslichkeit hört mit und droht sich zu ver-fahren in banalsten Ver-schlingungen. Steht am Bahnhof mit einem Koffer, dessen Inhalt bereits wieder ver-drängt wurde, weil er vollgepackt ist mit Wiederholungen. Doch der Zug will trotzdem fahren. In wiederholten Strecken, geläufig, bekannt, weil in der Wiederholung die Erinnerung als scheinbare Sicherheit und Schutz vor Ver-letzungen durch das böse Unbekannte dient.
    Ver-trackte Kammerspiele.
    Und dann auch noch in Bielefeld!
    Die Führungsetage gibt Herrn Medwedew ein Ticket nach Gütersloh und sagt sachlich:
    Mann, vergiss es doch einfach!
    Der Vorteil einer wiederkehrenden Amnesie ist, dass du immer wieder alles neu erlebst.

    Viele Sonntagsgrüße
    😉✨

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    • mickzwo permalink

      Für den Protagonisten des Buches ist es eine Last, seine Vergangenheit nicht zu erkennen. So kann er seine Zukunft nicht planen. Und ein Plan muss her. Es ist schon lebensgefährlich genug. Ohne Plan ist es in diesem Falle wohl aussichtlos. Man weiß nie wer Feind oder Freund ist. Herr Medwedew soll sich gut erinnern, das ist das Einzige, worauf die Führungsetage noch hoffen kann..

      Ich grüsse Dich, mick.

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      • Die Erinnerung hilft uns, vollständig zu erfassen was wir sehen. Durch eine vergessene Erinnerung wirkt diese dennoch. Es ist wie mit der Sonne, die über eine Wolkendecke scheint. Unten kommt nur das diffuse Licht an, ohne dass erkennbar wäre, wo die Lichtquelle ist. Doch es wirkt sich dennoch durch die Wolken hindurch auf alles Leben aus. Nicht alles ist planbar, manchmal ist eine Improvisation ein guter Behelf und schult die Reflexe. Doch in manchen Fällen, da gebe ich Dir Recht: ist ein guter Plan unabdingbar. Es dürfen Planvarianten erstellt werden, es darf spekuliert werden, wer Freund und wer Feind ist. Doch die Gewissheit steht am Ende, dass man es nicht wissen kann und die vermeintlich erworbene Menschenkenntnis oder Lebenserfahrung kann noch so gut sein: Man schaut dem anderen immer nur vor die Stirn.
        Die Führungsetage bevorzugt eine subtile Mischung aus Erfahrung mittels Erinnerung, Intuition, Vertrauen, Klarheit, Vorsicht und Offenheit. Skepsis ist erlaubt, bei allem guten Willen.
        Doch zu sicher sollte sich Herr Medwedew nicht wähnen – selbst wenn er sich gut erinnert, da jede Erinnerung so scharf sie auch sein mag, unvollständig ist im Gegensatz zum tatsächlichen Erleben.
        Ich kenne das Kammerspiel nicht.
        Doch mir gefällt, wie wir darüber sprechen und das, obwohl ich es nicht kenne.
        Viele Grüße zurück,
        von der Karfunkelfee✨

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        • mickzwo permalink

          Liebe Karfunkelfee!

          Vielen Dank für die freundlichen Anmerkungen. Eines ist mir klar geworden: Bezüge sind wichtig! Ohne Bezüge versteht man wenig. Besonders ich. Das ist – zugegeben – sehr Zeitaufwendig. Solange aber Zeit Geld ist – und das ist sie nunmal – sind wir immer versucht zu verkürzen. Wir denken dann in Überschriften…

          Es gibt aber nichts Neues unter der Sonne.

          …Da setzt sich einer in die Ruinen und spielt Cello. Jeden Tag, zweiundzwanzig Tage lang. Während dessen schießen die Heckenschützen munter weiter. Das ist wirklich passiert. So. Der es aufgeschrieben hat, notiert was passiert. Wenn Häuser kaputt gehen. Wenn Menschen kaputt gehen. Wenn Beziehungen kaputt gehen. Von jetzt auf gleich oder allmählich. Oder beides.

          Was geht in Menschen vor, die in Angst leben, die Wut haben, die resignieren oder sich auflehnen? Krieg. Zum Auflehnen braucht es Empathie; Orte sind austauschbar. Einmal, in dieser Geschichte, sagt Emina zu Dragan: (…) „Ich habe Angst davor, dass es immer so bleibt, dass es gar kein Krieg ist, sondern einfach so, wie das Leben sein wird.“ (Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo.)

          Wir haben Sorgen. Eine gute Geschichte muss nicht unbedingt schön sein. Auch nicht neu. Bezüge sind jedoch wichtig. Für jeden.

          Dragan dachte (S. 228):
          (…) „die Zivilisation ist keine Sache, die man aufbaut und dann für immer hat. Man muss ständig an ihr bauen, sie tagtäglich wieder erschaffen. Sie verschwindet weitaus schneller, als er es jemals für möglich gehalten hätte.“ (Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo.)

          Gewalt tötet. Ob sie brutal öffentlich oder unterschwellig-einlullend ist, hängt von der Situation ab. Solange aber ihr erster Helfer die Gleichgültigkeit ist, wird die Gewalt siegen. Oft beginnt es mit Gedanken. Nur Fragen stellen hilft. Immer geht es um das Andere.

          Ich würd’ auch Angst kriegen, wenn ich mich treffen würde. (Eva Stumpf in Andi Rogenhagens: Ein Tick anders.)

          Wenn etwas anderes bei uns anklopft fürchten wir uns. Das ist menschlich. Es wäre besser, darüber nachzudenken. In Ruhe das Fremde zu betrachten wäre hilfreich. Davon fühlen wir uns allerdings oft überfordert. Wir sind Menschen und brauchen Zeit. Wir geraten gern in Panik, weil wir glauben, wir haben sie nicht. Dem Leben ist so etwas fremd. Das geht immer weiter.

          Oder: Das Buch vom Lachen und Vergessen

          Viele Grüße, mick.

          Gefällt 1 Person

          • Guten Morgen Mick,

            Ich musste mich erst einmal in Ruhe mit den Beiträgen über Galloway und Kundera beschäftigen. Ersteren kenne ich (noch) nicht, er klingt außerordentlich spannend, besonders gefiel mir die Stelle:
            ‚Man kann nicht mehr sagen, welche Version der Lüge die Wahrheit ist‘, weil sie im Prinzip das sagt, was ich im Kommi auszudrücken versuchte, doch traue keinem Zitat, dass Du nicht selbst aus dem Zusammenhang gerissen hast (Johannes Rau😆) und zweiteren (Kundera) las ich begeistert, allerdings die ‚unerträgliche Leichtigkeit des Sein‘, ein Buch, das ich sehr mag.

            Danke für den Tipp zu diesem anderen Buch von ihm, ich glaube, auch dieses könnte mir gefallen!

            Was Du sagst über die Bezüge, ergänze ich um die Beherztheit auf Fremdes Unbekanntes genauso zuzugehen wie auf schlechte Erfahrungen, sei es um sie in gute umzuwandeln, diese entgegenzusetzen und um die Offenheit, auch die Panik als Überlebensschutz in uns zu akzeptieren. Sie ist ein Warnmodus und ein Signal, die Kunst ist es ihr nicht zu gestatten, dass sie unsere Häuser zerstört, unser Denken assimiliert und uns lähmt.

            Viele Grüße (auch an ernst und willi, die beiden Komiker)
            von Stefanie Karfunkelfee ✨

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          • mickzwo permalink

            Hallo Frau Karfunkelfee!

            Natürlich gebe ich Dir vollkommen Recht, wenn Du von der Berherztheit sprichst. Manchmal bin ich etwas ungenau in meinen Äusserungen.
            Nur bei den drei Freunden habe ich so meine Bedenken: mick ist der Komiker, der Hallodri unter den dreien. willi macht sich immer noch Hoffnungen auf die blaue Blume und ernst ist eben ernst – wie der Name schon sagt. willi und ernst sind schon irgendwie befreundet, können sich dabei aber selten auf etwas einigen, schon aus Prinzip geht es so. Im Grunde meinen sie es aber beide beinhart ehrlich. mick steht oft dazwischen kann sich dann kaum entscheiden. Aber er braucht sie auch. Und sie brauchen ihn und sich gegenseitg auch. So etwas würden sie aber nie zugeben. Das mit dem Grüßen wird schwierig aber ich versuche es. Versprochen 🙂

            Viele Grüße, mick.

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  2. Guten Morgen, lieber Mick, „Geborgenheit durch eine gewisse Vertrautheit“ das nehme ich aus deinem Beitrag heute mit in den Sonntag, denn es gilt nicht nur für die Musik – und ich genieße meine vertraute Morgentasse mit heißem Kaffee.
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    Marlis

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    • mickzwo permalink

      Guten Abend, liebe Marlies!

      Die Geborgenheit durch eine gewisse Vertrautheit und auch die täglichen Rituale, das braucht man und es ist schön, wenn man so eine Krafttankstelle hat.

      Liebe Grüsse und einen guten Start in die Woche. mick

      Gefällt 1 Person

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  1. [Alles mit links] Die Medwedew-Variante – #Literatur

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