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Das mohnrote Meer

27. August 2015

Das mohnrote Meer
12. April 2013

Man hat sich einen Abenteuerroman mit geschichtlichem Hintergrund gewählt. Zum Schmökern. Plötzlich findet man sich in einem Meer aus Worten wieder und hat darin zu schwimmen. Um nicht unter zu gehen, paddelt man wie wild. Von Mal zu Mal geht es besser. Man ist wohl ins 19. Jahrhundert geraten, Ostindien.

Wir segeln von Afrika her. Mit merkwürdiger Besatzung sind wir auf einem ehemaligen Sklavensegler gelandet. Es geht zum Gewusel des Ganges bei Kalkutta – direkt in die Geschäfte. Diti ist eine der Hauptpersonen. Sie ist mit einem der Singh-Sippe unglücklich verheiratet. Der stirbt und sie entkommt in letzter Minute dem Schicksal einer indischen Witwe. Doch Schmökern?

Es sind viele Mosaiksteine die hier sorgsam zu einem Bild gesetzt werden: Diti, die Singh-Sippe und Kalua, Jodu, Pauline, Zachary und die Laskaren. Der Gumashta und der Raja von Raskhali, genannt Nil. Sie alle werden mit den Kontraktarbeitern, den Girmitiyas, auf einem Schiff, der Ibis landen. Diese Kulis sind ausersehen den Nutzwert der Kolonien zu mehren.

Ben Burnham, der Eigner der Ibis, ist englischer Kaufmann. Er steht als Platzhalter für England und wie es die Macht in Indien und sonstwo übernommen hat. Im fernen London werden die Regeln gemacht, während die indische Oberschicht, noch machtverliebt, allmählich an Bedeutung verliert.

Jodu will Laskare werden, um endlich seinem Elend zu entfliehen. Zuerst muß er jedoch seine Mutter beerdigen. Das ist er ihr schuldig. Genau dieser zeitliche Unterschied ist es, den die Pfeffersäcke ausnutzen. In dieser Zeitspanne werden Fakten geschaffen. Immer und überall. Vielleicht trennt das Habenichtse von Erfolgreichen. Heute sagt man wohl: der frühe Vogel frisst den Wurm. (S.82f)

Für mich ist die Szene, in der Babu Nob Kissin Pander – der Gumashta – an Deck steht, besonders wichtig. Er genießt die frische Brise, denn er schlägt sich mit seinem Verdauungstrakt herum. Eher beiläufig beobachtet der Gumastha wie Nil und sein Gefährte auf dem Deck misshandelt werden. Er erkennt ihn als den Raja von Raskhali und weiss, dass er ihn letztlich in diese Situation gebracht hat. Er macht sich so seine Gedanken. Zum Ende der Vorstellung wird der Gumastha schleunigst zur Latrine eilen, um für sich Schlimmeres zu verhüten. (S.472-475)

Jeder kann es sehen, wie einer sein Mütchen kühlen muss, indem er andere viehisch drangsaliert. Das Schiff wird zum Spiegel einer Gesellschaft. Jeder kann Ungerechtigkeiten wahrnehmen. Fast alle profitieren davon, wenn weg gesehen wird. Es brodelt zwar, aber die Konventionen sind zu stark. Zum Glück gibt es ja die Sündenböcke. Es spielt kaum eine Rolle, wo auf der gesellschaftlichen Leiter man steht. So lange es einen nicht betrifft ist es besser So (zu) tun, als ob’s ihn nicht gibt. (S.472) Am Ende geht man auf die Latrine, um sich zu entleeren. Sch… .

So ein Schiff kann die Kastenzugehörigkeit vielleicht verwischen. Die Kultur der Menschen ist jedoch stärker und der Mohnsame bleibt der Planet, der ihr Schicksal bestimmt. (S.550) Er steht für Wohlstand und Profit. Sehen sie, das ist der Charme der Kolonien. (S.101) Es geht immer um Profit. Das ist im 19. Jahrhundert so, wie zu allen Zeiten. Auswanderer, billige Arbeiter und Kulis. Letztlich arbeiten alle für’s Empire bzw. für den, der gerade das Sagen hat.

In der Geschichte befinden wir uns aber im Delta des Ganges, im 19. Jahrhundert. Es ist eine manierierte Gesellschaft, in die man da hinein geraten ist. Voller Tabus und Fettnäpfchen, die ein Insider kaum versteht oder gar auswendig kann. Man muß sie erspüren. Fühlen wo die Grenzen sind, die man verletzen könnte und wendig genug sein, auf Verletzungen sofort zu reagieren. Nur so kann man überleben.

Die neuen Herren benehmen sich kaum anderes als die alten. Sie folgen genau solchen Regeln und sind in ihrem System geschickt und wendig. Wer es blickt glaubt zwar oft nicht daran, ist aber trotzdem darin gefangen. Das alles funktioniert nach wie vor, weil jeder das Ziel hat, wie die Made im Speck zu leben.

Da reicht schon die Aussicht, und sei es nur im Traum. Die Probleme der anderen haben Probleme der anderen zu bleiben. Es gibt nichts neues unter der Sonne, heisst es im alten Testament, oder wie Sheriff Gillespie in dem Film In der Hitze der Nacht zu Virgil Tibbs sagte: Mann, sie sind ja genauso wie wir

Diese Geschichte ist klug gebaut und sehr ausführlich. Dabei wird nichts erzählt, was zuviel wäre. Sie beschreibt ein Indien, als die Welt noch aus Sahibs und Eingebornen bestand. Immer auch aus deren Blickwinkeln. Opulent ist sie, aber nicht verschnörkelt. Wer mit dem Finger auf die Menschen damals zeigt sollte immer bedenken, dass die restlichen Finger der Hand in eine andere Richtung weisen.

In guten (öffentlichen) Bibliotheken und im Handel.

Amitav Ghosh: Das mohnrote Meer. Roman 2008. Karl Blessing Verlag. ISBN: 978 3 89667 359 6

Nachsatz:
Klar muss man immer auch schmökern und die Zeit vergessen. Wie sonst sollte man Neues entdecken. Das Große und das Ganze holt Dich ja doch wieder ein. Es ist nicht vergesslich. Wenn der kürzeste Weg zwischen A und B wirklich eine gerade Linie wäre, wozu dann der ganze Aufwand in der Mathematik?

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From → Liebe, Sprache

4 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Dieser Artikel musste jetzt hier hin. Aus Gründen. Plötzlich war die Reblog-Funktion verschwunden. Das hatte sicherlich auch Gründe. Vielleicht war ich auch nur zu aufgeregt. In jedem Fall ist das Mist.

    Die Bilder mögen sich ändern. Das Ergebnis ist immer dasselbe.
    Wie schon erwähnt: Es gibt nichts Neues unter der Sonne! Auch Mist.

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Ok, ich gebe es zu: ein wenig aufgeregt war ich schon. Andernfalls hätte ich bemerkt, dass die Funktion noch da ist. Sie hat nur den von mir so geliebten Platz eingebüßt.

      Um mit dem großen Jochen Malmsheiner zu sprechen: Früher war nicht alles Besser… aber manches war gut, so wie es war.

      Jochen Malmsheimer – Das Wurstbrot (www.youtube.com/watch?v=1iciN5y6nF0)

      Ich lasse das jetzt mal so stehen.

      Gefällt mir

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  1. Blogbummel Juli/August 2015 | buchpost
  2. [Alles mit links] Das mohnrote Meer – #Literatur

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