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Die Beschneidung

16. September 2015

In einen früheren Artikel habe ich geschrieben Der Ort spielt kaum eine Rolle. Das stimmt hier selbstverständlich nicht. Bestimmte Gespräche oder Nichtgespräche funktionieren eben nur an bestimmten Orten; sie entzünden sich an gewissen Dingen. Oft genug erscheinen sie banal.

Da wachsen dann aus Orten Situationen, und werden so zu zentralen Gestaltungs-momenten einer Geschichte: Zurück in Spielzeugdeutschlandda kam er her, und da gehörte er hin. S.219

Weiter unten heißt es: Das alles wußte er und tat sich doch schwer in ihrem Spott, der nichts verschonte. S.225

Gibt es nur ein Entweder-Oder? Ist man entweder Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener? Entweder Deutscher oder Amerikaner, Christ oder Jude? Hat das Reden keinen Zweck, weil es zwar hilft den anderen zu verstehen, aber nicht ihn zu ertragen, und weil das Entscheidende das Ertragen ist, nicht das Verstehen? Was aber das Ertragen angeht – erträgt man letzlich nur seinesgleichen? Natürlich kommt man mit Unterschieden zurecht, und wahrscheinlich kommt man ohne sie überhaupt nicht aus. Aber müssen sie nicht einen gewissen Rahmen wahren? Kann es gutgehen, wenn wir uns in unserer Verschiedenheit grundsätzlich in Frage stellen?

Kaum hatte er sich die Fragen gestellt, erschark er. Man erträgt nur seinesgleichen – ist das nicht Rassismus oder Chauvinismus oder religiöser Fanatismus? Kinder und Erwachsene, Deutsche und Amerikaner, Christen und Juden – wie sollten sie einander nicht ertragen? Sie ertragen einander überall auf der Welt, jedenfalls da, wo die Welt so ist, wie sie sein sollte. Aber dann fragte er weiter, ob sie einander vielleicht nur ertragen, weil die einen oder die anderen aufgeben, was sie sind. Weil die Kinder erwachsen werden oder die Dutschen wie die Amerikaner oder die Juden wie die Christen. Fängt erst da der Rassismus oder der religiöse Fanatismus an, wo man zu dieser Aufgabe nicht bereit ist? Wo ich nicht bereit bin, für Sarah ein Amerikaner und Jude zu werden? S.229f

Sarah und Andi sind ein jüdisch-deutsches Paar. Sie leben im New York des zwanzigsten Jahrhunderts und sie sind jung und sie lieben sich, über alle Schranken hinweg. Die Frage die hier gestellt wird ist, wieviel Wahrheit ist möglich und wieviel Wahrheit ist nötig, damit ein Zusammenleben befiedigend ist.

Bernhard Schlink: Liebesfluchten. Geschichten. Diogenes-Verlag. Zürich, 2000. ISBN 3 257 23299 3

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From → Liebe, Sprache

9 Kommentare
  1. Das Buch steht noch ungelesen in meinem Regal. Vielleicht sollte ich es mal rausholen… Hört sich jedenfalls sehr interessant an.

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    • mickzwo permalink

      Ich weiß nicht, wo das Buch so plötzlich herkam. Ich habe keine Idee, wie es zu mir fand. Auch das ist neu für mich. Es sind sieben Geschichten, die über Liebesfluchten erzählen. Die Bescheidung ist ja nur eine davon. Auf einen Versuch kommt es an. Bei nicht gefallen, leg es einfach weg und warte noch ein Weilchen. Das ist so ein Buch, das kann man auch mit Patina lesen.
      LG, mick

      Ps.: Schön wieder von Dir zu lesen.

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  2. das sind sehr aktuelle Fragen, die wir uns jede und jeder fragen können, auch ohne Liebespaar zu sein- danke dir fürs teilen und herzliche Grüsse

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  1. [Alles mit links] Die Beschneidung – #Literatur

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