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Das grössere Glück

27. September 2015

Als Männer und Frauen haben wir die Pflicht, uns so zu verhalten, als hätten unsere Möglichkeiten keine Grenzen. Wir haben Anteil an der Schöpfung. *

Ich hatte mal einen Chef, der tat in seiner Freizeit etwas Merkwürdiges. Er betrachtete immer die Wege der Ameisen. Wollte wohl so hinter ein Geheimnis kommen. Nur im Urlaub. Vielleicht hatte er es damals noch nicht bedacht, vielleicht hatte er es uns auch nur nicht gesagt: Er war ja selbst so eine Ameise. Ich denke, er wollte es uns später noch mitteilen. Zu einem besseren Zeitpunkt.

Das tiefe Verständnis des Genoms hat nichts Mystisches! Es ist nur gute Wissenschaft. Thomas Kurton (S.39)

Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise, die etwas provisorisch anmutet. Er scheint die Figuren seiner Geschichte gerade erst kennenzulernen. Er stellt Vermutungen über sie an und er tastet die Personen ab.

Ich beobachtete ihn bei dem Versuch, möglichst genauso wenig zu entscheiden wie Gott. (S.21)

Man bildet sich ein, man könnte die Geschichte beeinflussen. Fiebert mit den Protagonisten und glaubt doch allen Ernstes, dass man den Blick zum rechten Zeitpunkt abwenden könnte. Kann man nicht.

Vielmehr kommt es mir so vor, als nähme man die Perspektive eines Vogels ein. Als wenn wir als Zuschauer und Leser eine Wahl hätten. Wir haben sie natürlich nicht. Sobald wir uns auf die Geschichte einlassen liefern wir uns dem Schreiber doch aus.

Er notiert unter seinem euphorischen U-Bahn-Eintrag: ‚Sie muss der glücklichste Flüchtling auf der ganzen Welt sein.‘ (S.22)

Ihr Auftreten provoziert ihn. Der etwas verhuschte, eigenbrötlerische Russell Stone tut etwas, was er eigentlich mit seinen Studenten beruflich immer tun sollte. Thassa Amzwar, Studentin in seinem Literaturkurs, ist dem Leben eher zugewandt.

Thassa Amzwar läßt ihn nicht mehr los. Zunehmend. Das wird in jedem Fall eine spannende Geschichte. Daraus werden sich noch einige Verstrickungen ergeben. Auch dies ist sicher von langer Hand geplant.

Man bekommt Sätze zu lesen wie: Thassa Amzwars Eltern sind tot. Gestorben an ihrer Identität und zu viel Hoffnung. Und die Tochter ist entweder auf nagelneuen Antideperssiva oder so traumatisiert, dass ihr der Kopf schwirrt. (S.47)

Oder: Den echten Brennpunkten hat er sich nie genähert, jenen Niemandsland-Nischen, die sogar von der Polizei gemieden werden (…) Wohntürme voller Schmerz und Wut, die es mit jedem anderem Ort der Verdammnis aufnehmen können. Doch im Vergleich mit Algier wirken sogar Chicagos bedrohlichste Ecken lachhaft. (S.49)

Es ist ein Roman über das Glück. Glückliche Menschen müssen etwas kennen, das niemand anderer kennt. Irgendein Geheimnis des Lebendigseins, hart erarbeitet und rätselhaft, fast außer Reichweite. Denn sonst wäre er lange vor ihr ein oder zwei rundum glücklichen Menschen begegnet. (S.74) Wie das wohl wird.

Bei alldem konsumiere ich die Musik von Erdmöbel, hier hauptsächlich die CD Krokus. Ich bin, zugegeben, ein Anhänger der Konserve. Diese CD habe ich vor etlichen Jahren schon entdeckt und lieben gelernt. So wird diese Ḿusik für mich jetzt zur perfekten Untermalung zu diesem Roman. Vielversprechend.

Richard Powers: Das grössere Glück. Roman 2009, Fischer Verlag. In öffentlichen Bibliotheken und im Handel.
ISBN 978 3 596 18092 9
Vergl. dazu auch den Eintrag Das Buch Ich #9

Ich will jetzt mal weiterlesen. Danke 🙂

* Teilhard de Chardin, christlicher Mystiker, Philosoph und Naturwissenschaftler des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Zitiert nach Powers S.39 (Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Teilhard_de_Chardin)

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From → Liebe, Musik, Sprache

9 Kommentare
  1. manchmal reicht ein satz schon für einen glücklichen tag. schriftsteller oder wortezusammensetzer sind uns vom himmel geschenkt!

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