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Das grössere Glück II

1. Oktober 2015

Und so weiter, und so weiter, jeder guckt durchs Fenster.
Und hält sich für gescheiter, und sieht in allen statt Menschen nur Gespenster
*

Das Buch ist ja nach siebzig, achtzig Seiten noch lange nicht zu Ende.

Glück.

Stone sitzt mit einem Tee und einer Scheibe Zwieback am Schreibtisch. Er ignoriert den Stapel überfälliger Manuskripte und liest stattdessen ein weiteres Glückshandbuch, das er aus der Bücherei geholt hat. Dieses Handbuch fällt aus dem Rahmen – sozusagen das schwarze Schaf -, denn es behauptet, das Glück sei ein bewegliches Ziel, ein Trick der Evolution, ein Köder und Anreiz. Damit man im Gleichgewicht bleibe, müsse die Dosis immer größer werden. Wahre Zufriedenheit könne man nur erlangen, wenn man sich aller Sehnsüchte entledige. Die Suche nach dem Glück stürze nur ins Elend. Die einzige Hoffnung liege darin, mit dieser Sucht zu brechen. (S.95f)

Oder so:

Für diese arabische Frau … bestand der Tiefpunkt ihrer Stimmung während all der Stunden, die er jetzt mit ihr verbracht hat, in milder Amüsiertheit. Welche Wogen die Gefühle ringsumher auch schlagen, sie sitzt die ganze Zeit zufrieden strahlend und voller Zuneigung für ihre Kommilitonen da. (S.96)

Powers hat viele Spuren gelegt. Angaben zu Thomas Kruton, dem Genetiker, Tonia Schiff, die es versteht, auf der Klaviatur der Medien zu spielen oder auf Grace, der ehemaligen, ungeliebten Geliebten von Russell Stone. Sie heißt jetzt Candace Weld, ist an dem College, an dem auch Stone zu tun hat, psychologische Beraterin.

Mit den Namen ist es so eine Sache in dieser Geschichte. Die werden oft benutzt um die Eigenart der Person gegenüber einem anderen zu Kennzeichnen und können dann oft wechseln. Man ist als Leser schon gefordert. Die Erzählperspektiven sind beachtenswert.

Aber alle diese Spuren führen zu Russell Stone und der Frage: Wie kann ich ein glückliches Leben führen (in so einer Welt)? Gibt es da ein Geheimnis, dass es zu lüften gilt? Mist, das sind ja schon zwei Fragen – und das ist nur der Anfang. Genau: Wo beginnt es und wo hört es auf, das Glück?

Oder ist das Geheimnis, wenn man nur sein Ding macht. Und da schließt sich dann zwangsläufig die Frage nach den eingenen Ding an. Was um alles in der Welt ist das eigentlich? Usf.

Es ist wie bei dem physikalischen Versuch mit dem kommunizierenden Röhren. Egal wie man sie hält: Alles hängt mit allem zusammen. Der Wasserstand wird sich, mit etwas Verzögerung ausgleichen. Dieser minimale Zeitraum reicht, um mystisches zu produzieren.

Im Grunde wollen wir ein vielfältiges Ökosystem: Vielfältige Arten, Geschäfte zu machen. Vielfältige Arten, wissenschaftlich zu forschen. In erster Linie geht es darum, die Richtung zu bestimmen, in die sich die kollektive Weisheit bewegen will … (S.144)

Der Autor gibt vor, die Geschichte anhalten zu wollen. Er wolle Zeit gewinnen, da es nötig ist … diesen umstrittenen, mit tragischen Mängeln behafteten Charkter zu entwickeln: ‚kollektive Weisheit‘. (S.144) Der Roman handelt davon. Faszinierend was Powers hier schafft. Aussagen zu transportieren und sich dabei nicht festzulegen; der Leser scheint die Deutungshoheit zu behalten. (Vorerst.)

Richard Powers: Das grössere Glück. Roman 2009, Fischer Verlag. In öffentlichen Bibliotheken und im Handel.
ISBN 978 3 596 18092 9

Vergl. dazu auch die Einträge Das Buch Ich #9 sowie Das grössere Glück.

* Hanns Dieter Hüsch: Tanz ums Elitäre Kalb. Ist zu finden auf der LP »Enthauptungen« (1971).

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From → Liebe, Sprache

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