Skip to content

Das grössere Glück III

11. Oktober 2015

… bewahre, o Mensch! während aller Zeiten eine eigene Temperatur. Herman Melville, Moby Dick *

Russell Stone ist irgendwie mit Candace Weld zusammen. Er hat längst begriffen, dass sie nicht Grace ist. Es scheint, als ob es gut so wäre… Offensichtlich bekommt es ihm. Sie reden innerhalb von zwei Wochen neunmal miteinander. (S.217)

Telefonisch kommen sie sich näher. Er mag es sehr, wenn sie zu später Stunde ihre Arbeiten im Haushalt beendet. Dann hört er im Hintergrund nämlich nur noch, wie sie es sich auf einem Platz bequem macht, den er nicht sehen, sondern sich nur vorstellen kann. (S.218)

Doch da ist immer noch Thassa mit ihrer alles überstahlenden und doch so verblüffend selbstverständlichen Art ihr Glück zu präsentieren; ein Glück, das geheimnisvoll und bisweilen verzehrend wirkt.

Längst ist man auf ihre Glücksgene aufmerksam geworden. Die Medien haben die Fährte aufgenommen. Thassa, Thassa, Thassa.

‚Einige Zeit vergeht,‘ wie es Romanautoren gern formulieren. Der wirkungsvollste Trick zu unserem Ergötzen und zu unserer Erholung: Die Niederlage der Zeit. (…)

Noch sieben Wörter, und es ist Frühling.

Wochen verstreichen, in denen Russell Stone so etwas wie die moralische Entsprechung von Zufriedenheit erlangt. Er arbeitet. (S.219)

Thassadit Amzwar will ihn sehen. Sie braucht einen Rat. Oder Hilfe.

Thassa glaubt lange, das alles ginge sie nichts an: Der Artikel als wäre ich irgendeine Biofabrik für ‚ivresse‘. Aber das bin ich nicht. Das ist nur Unsinn. Jeder Mensch kann so zufrieden sein wie er will. Das ist auf ‚keinen‘ Fall vorherbestimmt. (S.234) Inzwischen ist jedoch eine ganze Nation mit dem Grund ihres ständigem Wohlbefindens beschäftigt.

Doch der Mensch kann nicht aus seiner Haut, und seit den Tagen der Sumerer haben Autoren darauf gewartet, dass dieses bestimmte Geheimnis auf den Markt kommt. (S.258) Plötzlich hatte ich immer wieder diese Zeilen von E.Kästner im Kopf:

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.

Ziemlich am Schluß des Romans wird der Autor sagen: Ich wusste immer, dass ich am Ende die Nerven verlieren würde. Kurton, durch seine Forschungsergebnisse im siebten Himmel; Thassa allmählich zermübt; Stone im Fadenkreuz der Liebe ein leichtes Ziel. Und Candace auf dem Auktionspodest.

Eigentlich war ich schon zu einem Zeitpunkt in diese Frau verliebt, als sie noch eine vage Idee war. Ich dachte, sie wäre mein stärkster Halt, und nun beginnt sie zu zerbröckeln. Ich habe nicht den Mut, ihre Entscheidung zu hören. (S.320)

Statt dessen beschäftigt sich der Autor ersteinmal mit Thomas Kurton, dem Genomwissenschaftler: Kurton verzweifelt fast daran, dass die Literatur ständig Korrelationen mit Ursachen verwechselt. Selbst Camus konnte es sich nicht verkneifen, Bruchstücke aus der Biographie seiner Helden so darzustellen, als wären sie der Grund für spätere Verhaltensweisen und Überzeugungen. (S.324)

Und: Kurton ist so klug, keinem Reporter biographische Details unter die Nase zu reiben, und wenn es sein muss, denkt er sich welche aus. (S.324f)

Genauso wenig wie Gott **

Welcher Autor, der etwas auf sich hält, würde die beiden ungeschoren davonkommen lassen. (S.368f) Da ist Candace Welt also wieder, und Russell Stone? Der verheddert sich gerade etwas, und Candace kann erstmal nur zusehen.

Stone denkt: Der geschickteste Trick der Evolution: sinnlose Zärtlichkeit. Produkt einiger weniger Gene, die immer wieder Strategien entwickeln, um im Spiel zu bleiben. Ihre Erzeugung hat drei Milliarden Jahre gedauert, und am Ende kommt etwas dabei heraus, das unglaublich lächerlich und willkürlich und überflüssiger ist als die Schwanzfedern eines Pfaus. (S.390)

So ein Pfau, eine Pfäuin und zwei, drei andere -möglicherweise- werden diesen Schachverhalt wohl anders einschätzen. Richard Powers hat ein gutes Auge für Details. Oft sind sie es, die entscheiden.

Schreiben ist immer überarbeiten. (S.414) Und Lesen, selbstverständlich. Leben auch. Es gibt Dinge die sind niemals fertig. Alles ist subjektiv und im Fluss. Oder man ist tot.

Richard Powers: Das grössere Glück. Roman 2009, Fischer Verlag. In öffentlichen Bibliotheken und im Handel. ISBN 978 3 596 18092 9

* zitiert nach Powers, ebenda S.265 (Teil Vier, erste Seite)
** zitiert nach Powers, ebenda S.343 (Teil Fünf, erste Seite) Siehe dazu auch S.21, ebenda

Advertisements

From → Liebe, Sprache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: