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Angst macht krumm

22. Oktober 2015

‚Leben‘ – diese Veranstaltung ist im Grunde genommen eine sehr unsichere Sache. Was weiss man denn schon darüber? Was weiss man darüber, welche Entscheidungen richtig sind? Es ist schwer, dauernd in der Unsicherheit zu leben. (S.35)

Aus dem Inhaltsverzeinis:

Es geht hier um den Rohstoff Mensch und Einige Anmerkungen zur Technik des Zahnrädchenschleifens.
Der Autor will kein Zahnrad werden.
Vielmehr behauptet er: Eine Schule ist doch keine Fabrik und Freiheit ist Lernbar. Dazwischen immer mal Beispiele sowie ein Anhang.

Das Produkt der hier angedeuteten Entwicklung ist ein Mensch, der irgendwo (vielleicht völlig zwischen seinen eigenen Möglichkeiten und Interessen) eingespurt ist, der seine Gefühle unterdrücken gelernt hat, der sich abgestumpft hat, der so von der eigenen Bedeutungslosigkeit überzeugt ist, dass er keine grossen Anstrengungen unternimmt, etwas an all dem zu ändern.

Dafür aber spiegelt er Konfliktlosigkeit vor, entmutigt so zusätzlich seine Mitmenschen wenn er sie nicht gefühlsmäßig verletzt oder sonst irgendwie auf ihnen herumhackt. Kurz, ein Zahnrädchen, das zwar vielleicht glänzt sich aber brav dreht, auch wenn das drehen weh tut. Und weh tut es.

Zuviel ist in den meisten Menschen kaputtgegangen. Und weil es so weh tut, ertragen es auch die meisten nicht, wenn man ihnen sagt, dass es weh tut. Sie ertragen keine Abweichung, keine abweichenden Meinungen, keine abweichenden Lebensauffassungen, keine abweichenden Lebensformen.

Die eingangs festgestellte Verschiedenheit der Menschen wird als Bedrohung empfunden. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob es sich – um ein Stützkorsett zur Verdeutlichung zu Hilfe zu nehmen – um konservative oder um progessive Menschen handelt, um Abweichungen nach links oder nach rechts. Wenn ich nach einem Chansonabend in einem Jugendhaus oder Kleintheater mit den, nehmen wir an, sanft angegammelten Veranstaltern noch etwas trinken gehe, so erntet ein zufällig mitgeschelpptes Krawattenmännlein etwa dieselben mitleidig-amüsierten Blicke wie ein Freak in einem Kirchengemeindehaus. S.68f

Ein altes Buch, gewiss. Ist das, was da beschrieben ist deshalb überholt?

Bestimmt nicht. Die Fragen zur Lebensführung sind mittlerweile so dringend und so allgemein gültig wie nie. Ein Immer-weiter-so, wird es nicht mehr gehen. Und es braucht keine drastischeren Beispiele. Die Angst, dass alles verkommt wenn man nicht eingreift, nicht normiert ist real. (S.70)

Richtig. Das ist Utopie in Reinform. Reale Politik könnte sich da etwas abgucken. Sie muss es auch eigentlich. Nur, wo führt uns das hin? Und was sind Alternativen? Fragen, die viel zu spät gestellt wurden, lösen sich nicht von selbst auf, nur weil sie übertüncht wurden mit wohldosierten Freundlichkeiten – zu wem auch immer.

Wer keine Abweichungen erträgt, eignet sich bestens zum Zahnrädchenschleifer. Denn es gibt keine typischeren ‚Abweichler‘ als noch relativ unerzogenen Kinder. Der Kreis schliesst sich. (S.71)

Theoretisch ist das alles kein Problem. Wenn man sich jedoch die Menschen einzeln ansieht, deren Verschiedenheit annimmt, wird man sehr viel Zeit brauchen um erst mal zu verstehen, was Sache ist. Es ist immer Klein- und Feinarbeit nötig, wenn man auch nur irgend etwas erreichen will. Und das braucht Zeit. Zeit, die wir kaum noch haben.

In einem Brief an einen seiner Schüler schreibt Jegge: …wenn man erst zwanzig Jahre gelebt hat, sind vier oder fünf Jahre eine entsetzlich lange Zeit. Aber sie können auch eine gute Zeit sein. Dann dürfen sie auch lang sein. Leben – das kann man nicht aufschieben bis nach der Lehre. Leben soll man immer jetzt. Aber das tust Du ja. *

Jürg Jegge: Angst macht krumm. Erziehen oder Zahnrädchenschleifen. Kösel, Lizenzausgabe: Zytglogge-Verlag, Bern,1979. ISBN 3 466 11008 4

* diese Zitat stammt aus dem Buch Abfall Gold. Über einen möglichen Umgang mit ’schwierigen Jugendlichen‘ vom gleichen Autor. 1991 im Zytglogge-Verlag in Bern erschienen. ISBN 3 7296 0414 7

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From → Liebe, misc., Sprache

5 Kommentare
  1. Was für ein wunderbarer Einstiegssatz. Eine anregende Besprechung, lieber Mick. Oder auch entmutigend, je nachdem, aber das kann auch an der Erkältung liegen.

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  2. Danke für diesen tollen Buchtipp!

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  3. Das sind sehr kluge Gedanken, sowohl von dir, wie vom Autor selbst. Ich denke auch immer mal wieder, dass wir keine Zeit mehr haben, dass alles, was wir üben und ändern bei uns selbst keine Resonanz auf der politischen Ebene findet und genau hier setzt oft meine Hilflosigkeit und Traurigkeit ein. Was bleibt? Weitermachen … das Leben wartet nicht!
    Die Bücher kommen auf meine Liste- danke und herzliche Grüsse

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Angst macht krumm – #Literatur

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