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Was wir Liebe nennen

24. Oktober 2015

Er sah sich nicht als Zauberer. Er machte den Leuten nur was vor, das war alles. (S.53)

Lambert wollte gar nicht nach Kanada. Wer sicher stellen will, dass er abfliegt, der trampt nicht zum Flughafen nach Osnabrück, man trampt zu keinem Flughafen.

Sein Engagement als Zauberer, Magier oder auch als Illusionist war ihm herzlich egal. Er wollte sich treiben lassen. Weg von seinem Verhältnis? Weg von seinem Leben! Klare Luft atmen. Luft eben; welche, das war ihm im Grunde gleichgültig.

Was wir Liebe nennen, ist anfangs nur ein Durcheinander. (…) Irgendein Aufsatz, ein Pamphlet, er hatte es nicht mehr vor Augen. Im Ergebnis war es darum gegangen, dass all diese Gefühle in Wahrheit rudimentäre biochemische Prozesse seien, eine Art eingespieltes Chaos. (S.61)

Zuerst dachte ich, es sei eine Sammlung verpasster Gelegenheiten, die hier offenbart wird. Oder war es ein Abschied, eine Bestandsaufnahme des Gewesenen?

Als er sie kennenlernt, sagt Andrea, die Frau vor der er jetzt gerade flieht: ‚Der einzige Trost besteht darin, dass es nachher wieder für hundert Jahre so bleiben kann. Und man versucht nicht daran zu denken, dass alles, was wir heute über das Restaurieren wissen, morgen schon überholt sein wird. Sie machen sich keine Vorstellung davon, mit welchen Kamikazemethoden sie früher rangegangen sind. Halbe Epochen wurden ausradiert.‘

Darauf hin entgegnet er: ‚Das tut mir leid.‘ Sie: ‚Tun Sie nicht so.‘ Er: ‚Nein wirklich. Ich ertrage Vergänglichkeit nicht gut.‘ Dann wieder sie: ‚Keine gute Voraussetzung für ein Leben in dieser Welt. Geht mir aber nicht anders.‘ Sie wechselt die Watte erneut. ‚Wahrscheinlich bin ich deshalb hier gelandet.‘ (S.108) Damit haben sie festgestellt, das sie zum Paar taugen.

Genauso wird es ihm einige Zeit später in Kanada gehen: Was wollte diese seltsame Frau von ihm? Welche Wünsche würde sie ihm erfüllen? (S.128) Irgendwann sagt die Frau, Fe, zu ihm, dass sie noch ein Geschenk für ihn hätte.

Das freut ihn, obwohl er nicht weiß, worum es geht. Es interessiert ihn auch nicht. Zu sehr ist er fokussiert auf etwas naheliegendes. (S.159) Und damit fängt die eigentliche, etwas surreal anmutende, Geschichte erst an.

Lange habe ich gehadert, wo und – vor allem – wie ich diese wunderbaren Sätze unterbringe. Nun, dann tue ich es eben so und hier: Einige Jahresringe später drehte sie sich zu ihm und legte die Beine über seine Knie. Sie sahen sich an, aber keiner sagte ein Wort. Im Wasser vergingen die Jahre. Manchmal öffnete (sie) den Mund und schloss ihn dann wieder. Von Zeit zu Zeit nahm einer von ihnen einen Stein und warf ihn hinauf in die Luft. Sie sahen zu, wie er emporschoss in den klaren Himmel, wie er langsamer wurde, verharrte, wie er kehrtmachte, fiel und hinunterstürzte aufs Wasser, wo in unerhörter Geschwindigkeit die Zeit verging. (S.247f)

Was wir Liebe nennen, ist zu viel und zu wenig. Es ist Mangel und Fülle, Ungenügen und Überfluss, auch wenn die Sehnsucht beim besten Willen nicht weiß, woran hier Überfluß bestehen soll. Nur was uns fehlt, wissen wir immer.*

Zum Schluß wird noch vom Verlag geschrieben: Ein zauberhafter Roman über das Wesen der Liebe – und warum angesichts von Wildpferden, Busfahrern und Doppelgängern manchmal nur ein Trick die Rettung bringt.*

Jo Lendle: Was wir Liebe nennen. Roman, 2013. DVA. ISBN 978 3 421 04606 2

* beide Zitate: Umschlag, hinten

Alles Land

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From → Liebe, Sprache

14 Kommentare
  1. Ich finde, was nicht vergänglich ist, ist die Tatsache, dass wir immer wissen, was uns fehlt! Cari saluti Martina

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Du hast vollkommen Recht: wir können schnell einen Mangel fest stellen. Was wir tun müssen um ihn zu beheben, das ist die Kunst. Und die Kür des Ganzen ist es, das auch noch zu tun.
      Danke für den Gedanken und cari saluti auch für Dich Martina!

      Gefällt 1 Person

  2. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Vielleicht finden wir hier eine Lösung für alle Brunos dieser Welt. Vielleicht ist das aber auch Unsinn.

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  3. Wie passend zu meinen heutigen Gedanken….und eine Idee für ein Geschenk – Danke:-)

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  4. Oh oh, das ist nichts für meine heutige Verfassung. Ich glaube, heute vertrage ich Vergänglichkeit auch nicht und suche Luft zum Atmen, haha. Aber etwas weniger kleinlich-egozentrisch betrachtet: Das klingt nach einem beschenkenden Buch – nicht zuletzt auch durch die Art, wie du es vorstellst.
    Verschnupfte Caféhausgrüße

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    • mickzwo permalink

      Ich habe zur Zeit ‚Rücken‘. Als ich das schrieb, war ich noch quitschfidel. Ich kann Dich also gut verstehen. Vielen Dank, dass Du es trotzdem gelesen hast. Atemlose Grüße zurück, mick

      Ps.: Fast waren wir am Ende dieses Sommers in Deiner Gegend. Ich wollte, eine Gelegenheit nutzen, um dem Neckar zu folgen, haben es aber ab bei Heilbronn wegen der großen Hitze schon sein gelassen. De nada, ein ander mal.

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  5. Ich danke dir! heute besonders, da ich gerade selbst an einem Text zur Liebe sitze und nun noch ein bisschen Futter erhalten habe, das freut mich! „Im Wasser vergingen die Jahre. „, was für eine tolle Metapher, da steigen Bilder in mir auf.
    Hab ein feines Wochenende, ich grüsse dich herzlich
    Ulli

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  1. Homo Faber | Alles mit Links.
  2. Alles Land | Alles mit Links.
  3. [Alles mit links] Was wir Liebe nennen – #Literatur

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