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Schnee

28. Oktober 2015

Der Klang des berstenden Wasserkrugs
(Im Nachtfrost)
Reißt mich aus dem Schlaf.
Bashô

Yuko ist der Sohn eines Shinto-Priesters im Japan des neunzehnten Jahrhunderts. Er hatte sich irgendwann zu entscheiden: Wollte er Priester werden, wie der Vater oder in den Stand der Krieger eintreten? So wollte es jedenfalls die Sitte an diesem Ort, zu jener Zeit.

Yuko wollte aber lernen zu sehen, wie die Zeit vergeht. (S.15) Letztlich wird er sich durchsetzen und Haikus schreiben über den Schnee, der so unvergleichliche Eigenschaften hat.

Er ist weiß. Er bringt die Natur zum Stillstand und schützt sie. Er ändert unablässig seine Form. Er hat eine glatte Oberfläche. Er verwandelt sich in Wasser. (S.25) … Das alles sind vorläufige Annahmen. Yoku befindet sich am Anfang einer langen Entwicklung.

Einer Entwicklung die mit Entbehrungen und Hoch-Zeiten, Triumphen und Niederlagen, Irrungen und Zielstrebigkeiten, mit Dichtern und Malern, mit Seiltänzerinnen und dem Dang zu lernen verbunden ist.

Und über allem thront der Schnee.

Bei seiner Suche nach Vollkommenheit lernt Yoku auch so etwas: Geben ist nehmen und nehmen ist geben.

Denn wie jeder weiß, ist die Liebe die schwierigste aller Künste. (S.62)

Yoku findet nicht nur einen Lehrmeister und Freund, er zeigt diesem Freund auch, wie er seine Liebe wiederfindet. Er betrachtet – in Verkennung der Dinge – diesen Moment als seine größte Niederlage überhaupt. Indem er allerdings hinter das Geheimnis des Lehrmeisters kommt, findet er zur Erfüllung seines Lebens.

Zum Ende hin liest man: Es gibt zwei Arten von Menschen.

Es gibt jene, die leben, spielen und sterben.

Und es gibt jene, die niemals etwas anderes tun, als sich auf dem Grat des Lebens im Gleichgewicht zu halten.

Es gibt Schauspieler. Und es gibt die Seiltänzer. (S.114)

Dieses Buch ist von einer kristalliner Schönheit und einer geheimnisvollen Poesie – eine zauberhafte Geschichte. *

Dem ist kaum etwas hinzu zu fügen.

Maxence Fermine: Schnee. Roman, Goldmann-Verlag, 2001. ISBN 3 442 30933 6

* scheibt jemand von der Zeitung ‚Le Figaro‘ auf der Rückseite des Umschlages.

Die große Welt
Untreue

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From → Liebe, Sprache

8 Kommentare
  1. Das gefällt mir, ohne das Buch zu kennen: Es gibt Schauspieler und es gibt Seiltänzer! Wie wahr… und gleichzeitig ein schönes Bild.

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    • mickzwo permalink

      Dieses Bild hat mir auch gut gefallen. Ich habe oft darüber nachdenken müssen, bevor ich es als Zitat übernommen habe.
      Vorher hatte ich irgendwann Die große Welt gelesen. Da wird über den berühmten Drathseilakt in New York geschrieben. Ein ziemlich abgefahrener Titel ist dort in eine merkwürdige Handlung gepackt. LG, mick.

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  2. Du hast meine Leselust auf dieses Buch geweckt… 🙂

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    • mickzwo permalink

      Das freut mich sehr. LG, mick

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    • meine auch. ich liebe schnee, nicht erst seit smilla 😉

      Gefällt 2 Personen

      • mickzwo permalink

        ‚Fräulein Smillas Gespür für Schnee‘ habe ich auch gelesen. Ich fand das damals sehr spannend und finde das auch heute noch. Eben nordisch und ziemlich düster. Dieses Buch hier hat sicher auch seine düsteren Saiten aber am Ende ist es doch optimistisch und zeigt Aufbruch in eine gute Zukunft. Der Schnee in dem vorliegenden Roman ist nicht kalt und bedrohlich, eher hat er etwas strahlendes-vornehmes. Jedenfalls habe ich beim Lesen niemals gefroren wie bei Fräulein Smilla. LG, mick

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        • mich hat der verrat sehr verwirrt damals, das hat mich schwer getroffen. doch smilla ist mir sehr ans herz gewachsen, ihr feines gespür für die unterschiedlichkeit von „nur“ schnee fasziniert mich heute noch.

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Schnee – #Literatur

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