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Die Nachhut (schon wieder)

30. Oktober 2015

..how could I dance with another, when I saw her standing there? So etwas fragte einst Paul McCartney in dem berühmten Satzgesang mit den Beatles. Und uns ist im hier und jetzt schon wieder so ein Vollmond erschienen. Vollfett dieser Mond. Man-oh-Man! Cool sieht anders aus.

Es ist so erbärmlich, wenn sich alles wiederholt. Mit häßlicher Regelmäßigkeit werden die selbstverständlich geglaubten Regeln des Anstands ausser Kraft gesetzt. Die sind übrigens immer noch in dem, so schönen, Grundgesetz festgeschrieben. Man mag gar nicht mehr hinsehen, geschweige denn: zuhrören. Doch wenn man still bleibt, denken die, man akzeptiert es. Dem ist nicht so! Kein Mensch hat das Recht, einen anderen zu drangsalieren oder auch nur zurückzusetzen.

Kraniche

Kraniche von unten aus dem Auto in der Kurve von L. gesehen. *

Hoffnung ist am Ende auch nur eine Frage der Disziplin. (S.10)

Wir bauen uns Idole um sie zu demontieren..

Wo kämen wir denn da hin.
Nachher fangen wir noch an selbst zu denken.
Zum Denken gibt’s doch Leiharbeiter, oder?
Darf ich ihnen mal ein Pferd schlachten?
Igitt, ist das ekelhaft. Wie sind sie denn drauf!
Wieder mal die Nachrichten ernst genommen.
Das soll man nicht.

Schwimmen lernen, ja.
Man regt sich nicht über Wasserqualität auf.
Erst sollte man Schwimmen lernen.
In der Wüste sterben mehr Menschen –
Am Ertrinken, nicht am Verdursten.
Es gibt Zusammenhänge.
Soll ich mal ihr Pferd schlachten?

Eine Seefahrt die ist lustig.
Wir müssen beschäftigt sein.
Womit, wovon? Am Ende ist es gleichgültig.
Hauptsache eindrucksvoll –
Das ist Sucht nach immer weiter, immer größer.
Mehr und wo möglich bequem gucken.
Zuerst nehmen wir mal ein anderes Pferd.

So schön ist Schaurig.

Wikipedia sagt:
Idol, das: Idol (von lateinisch idolum ‚Abgott‘, entlehnt im 18. Jahrhundert, das auf griechisch eídolon ‚Gestalt‘, ‚Bild‘, ‚Götzenbild‘ zurückgeht) oder Kultfigur (…)

Ich aber will lachen – wann ich will. Genauso will ich singen – wann ich will. Und tanzen, und springen, und zuhören, und schweigen usf. Alles hat seine Zeit. Jedes vor Freude oder aber voll von Gram und Trauer. Und wütend kann ich sein! Je nach dem, was auf mich zukommt. Ich habe noch viel zu lernen.

Doch dafür brauche ich keine Anleitung und schon gar keine irgendwie geordnete Runde. Man kann es fühlen, von jetzt auf gleich. Das ist nämlich Wildwuchs, ungehörig und unbändig. Dieses Risiko muss ich aushalten. Es ist nicht einfach aber das hat mir auch niemand versprochen.

Wie in dieser Höhle von Platon komme ich mir in diesen Tagen und Wochen vor, gefangen in einer Welt aus Schatten, lebendig begraben. Erinnerst Du Dich an das Gleichnis aus der Schule? Wie sich die alten Philosophen fragen, was passieren würde, wenn einer plötzlich Tageslicht sieht und erkennt, dass die Schatten doch nicht das wahre Leben sind? Geblendet aber gleichzeitig erleuchtet kehrt er zu seinen Kameraden zurück, die ihn auslachen und aus einer diffusen Angst vor allem Unbekannten mit dem Tod bedrohen. Was, wenn auch wir eines Tages den Kopf aus der Höhle strecken und erkennen müssten, daß alles … (S.232)

Die Nachhut besteht nur noch aus vier Leuten, die urspünglich zu einem Wachkommando gehörten, das zum Ende des WK II gebildet wurde. Sie hatten keine „Feindberührung“ und auch sonst kannten sie vom Leben kaum etwas. In einem unterirdischen Versteck sollten sie den Führer beschützen bis zum Endsieg. An einen Endsieg glauben sie immer noch.

Doch dass der Führer so lange braucht, zu ihnen zu stossen, das kommt ihnen dann doch merkwürdig vor. Die Geschichte ist quasi über sie hinweggerollt und als sie – nach ca. sechzig Jahren – wieder ans Tageslicht kommen, wundern sie sich über manches. Wir schreiben nun das Jahr Zweitausendundvier. Die Nachhut muss vieles neu sortieren…

Hier wird mit den Begriffen hantiert und gespielt. Gedanken werden begonnen und der Leser kann sie zu Ende denken. So oder so. Nein, die Geschichte ist schon durchdacht, nur: nicht so wie man vermutet. Es ist eine Satire. Und die verwirrt erstmal. Das muss sie auch.

Die subjektiven Ansichten der Protagonisten werden dargestellt. Doppelbödig, und mit Hintertürchen versehen, werden Anhand von fiktiven Briefen an (fiktive) Empfänger die Positionen klar gemacht. Die Aufzeichnungen richten sich zwar an jemanden. Wie und wann sie gelesen werden, bleibt erst mal im Dunkeln.

Ein fulminanter Showdown klärt einiges. Am meisten hat mich die Schwierigkeit der Verständigung zwischen den Menschen irritiert. Jeder denkt sich seinen Teil. Und jeder denkt, der andere müsste so etwas Plausibles doch verstehen… Gespräche werden in aller Regel protokolliert.

Ganz schön heftig. Viel Platz für Gedanken. Das ist immer gut.

Hans Waal: Die Nachhut. Roman. Aufbau-Verlag, 2013. ISBN 978 3 7466 2558 4

—————————————————————————-

* Überall stößt man darauf:
Es ist wohl auch ein Generationeneding.

Gestern Nachmittag bin ich mit L. noch zum Schwimmen gefahren. Der war etwas aus der Puste beim Sport, und für mich ist das bestimmt auch ganz sinnvoll. Der will das wieder machen. Nächste Woche. Schön.

Auf dem Hinweg sind über uns wieder Kraniche Richtung Norden geflogen. Ich konnte es mir nicht verkneifen und habe dem Sohn gesagt: „Guck mal, die Kraniche fliegen nach Norden, es wird Frühling..“ und im gleichen Moment dachte ich nur: „Au weia!“ Doch der Sohn sagte nur: „Cool“, sonst nichts. Ich habe auch nichts gesagt, musste schließlich Auto fahren.

Heute Morgen kommt der L. wortlos zum Frühstück und malt mir dieses Bild auf, und dabei sagt der: „Die haben sich bestimmt gerade eine neue Eins gesucht“.
Cool.

Oder Ernst und die Abziehbilder:
Neulich hatte ich einen Dialog mit meinem Sohn. Es ging um eine Hausaufgabe, bei der er meine Meinung hören wollte. Er: … Dann ist das also ein Generationending. Ich: Das ist es doch immer.
Upps?! Also jetzt auch? Genau.

Manchmal wäre cool eben cool.

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From → Liebe, Sprache

6 Kommentare
  1. „Hoffnung ist am Ende auch nur eine Frage der Disziplin.“
    Interessant und schön ist es, bei dir zu lesen… über Generationendinge und anderes.
    Herzlichst,
    Marlis

    Gefällt 1 Person

  2. In Deinen Beiträgen steckt manchmal so viel Information drin, dass ich mich mitten im Dazwischen zu verlieren drohe. Augenblicklich schlachten Kraniche ein Pferd und der Führer schaut woandershin. Nämlich zu den Hausaufgaben, damit das Kind nicht zur Nachhut wird. Es fragt nach Coolness und will in Deutsch eine Eins schreiben. Alles wiederholt sich auf andere Weise und was haben Herbstkraniche mit dem Frühling zu tun? Ich betrachte sie mal in ihrem Flug von unten:
    Sie suchen ihn an warmen Orten. Vielleicht gäbe es dort sogar lebendige Pferde. Wo ich wieder am Anfang ankomme…
    Here comes the sun, singen die Beatles.
    Liebe Grüße von der Fee✨

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Hallo Stefanie,

      ich bin wohl unverbesserlich. Dies ist eine Kompilation aus alten Texten. Ich glaube in der Tat das wir, als Menschen, eine Verantwortung tragen. Ich rede hier nicht von Schuld aber von einer Verantwortung. ‚Here comes the sun‘ ist wirklich cool. Es stammt von George Harrison und wurde auf dem Album Abbey Road veröffentlicht, kurz vor ihrer Trennung. ‚I saw her standing there‘ ist nicht so cool. Es stammt ursprünglich wohl von Paul McCartney und makiert eher den Beginn der Karriere der Beatles.

      Dieses Intro zu dem Text habe ich geschrieben, weil ich in der Tat glaube, das es ein Generationen-Ding ist. Die Nachhut ist nun mal eine Satire und wie alle Satiren hat sie einen ernsten Hintergrund. Die Menschen sind nicht böse. Jedenfalls nicht böser als in der Vergangenheit. Aber wir müssen wirklich aufpassen das Selbstverständliches auch selbstverständlich bleibt.

      Es ist ein schmaler Grat, den wir da gehen. Was, wenn die Mehrheit von der Liebe zu den Menschen nur noch gelangweilt ist oder sich davor fürchtet? Es gibt nichts Neues unter der Sonne, doch es hängt alles zusammen. Das glaube ich. Und nur, wenn man sich selbst liebt, kann man andere lieben. Mit Zwang oder Beschämung erreicht man nichts, ausser Duckmäusertum. Damit ist schlechterdings niemandem geholfen.

      Liebe Grüsse von mick.

      Gefällt 3 Personen

      • Alles unterschrieben. Mit links, versteht sich. Interesse ist Verbundenheit, Verantwortung ein gewaltiges Wort. Die Entmachtung der Verantwortung trägt das Interesse mit einer intensiveren Leichtigkeit und gibt ihm doch das Gefühl für das Gewicht einer Welt, das allein zu tragen, jeder einzelne zu schwer wäre.
        Assoziationen führen zu den Gefühlen hin und wer dort Sonne sucht, findet wenn auch Trennungen im Schatten tragen, warme Wege. Es ist ein schmaler Grat, den wir gehen. Doch die Aussicht auf die Schönheit des Landes ist überwältigend. Dies spannend sein zu lassen für die nächsten Generationen, ist die schönste Aufgabe, die es geben kann. Die Beatles waren so menschlich, so unmittelbar, dass ihre Musik überdauert und Wiederholungen verdient. So lehrreich wie das Scheitern selbst und so träumerisch idealistisch, wie es das Überleben unserer Rasse braucht, um dem Wahnsinn von Macht und Gier zu widerstehen.
        Liebe Grüße.
        Heute mit Herbstblättern im Haar.
        Sonst jederzeit mit Blumen.

        Gefällt 2 Personen

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  1. [Alles mit links] Die Nachhut (schon wieder) – #Literatur

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