Skip to content

Die Kunst des Scheiterns

1. Dezember 2015

Game over oder was.

Es ist leicht zu erkennen, welche Spiele mein Mann am liebsten mag. Wenn er schreit >Ich hasse es!<, dann weiß ich, dass er es zu Ende spielen und den zweiten Teil kaufen wird. Wenn er nicht schreit, dann weiß ich, dass er es in einer Stunde weglegen wird. *

Dies ist kein Roman. Liest sich aber wie einer. Es ist ein Sachbuch. Juul schrieb eine Abhandlung über die Kunst des Scheiterns. Wenn man dem Autor folgt, ist der Mensch geneigt, allem was eigene Unzulänglichkeiten offenbart, zu ignorieren, bzw. zu reparieren. Das klingt erstmal plausibel. (S.16f)

Allerdings sind diese Unzulänglichkeiten von den Videospielen selbst kreiert worden. Das führt unweigerlich zum Paradoxon des Verlierens. (S.17) Um dieses Pradoxon geht es: in der Kunst seit Anbeginn ihres Daseins und in den Videospielen, naturgemäß, etwas kürzer.

Warum Spielen wir – mancher mehr, mancher weniger? Wann sind Spiele gut und wann sind sie es nicht?

Es ist kein naiv-romantischer Gedanke, dass tragische Themen nötig sind, um Kunst wertvoll zu machen, sondern die Idee, dass schmerzvolle Emotionen in der Kunst (wie beispielsweise in Videospielen) uns Raum geben, um ebenjene Emotionen zu betrachten und zu verarbeiten. Für einige Leser mag es seltsam erscheinen, dass Videospiele überhaupt einen Raum für Betrachtungen bieten, doch vielleicht wird dies verständlicher, wenn man Videospiele als Teil einer 5000 Jahre alten Geschichte des Spielens betrachtet.

Weiter erzählt der Autor: Spiele hingegen sind oft ritualistischer Natur, sie wiederholen, sind mit symbolischer Bedeutung aufgeladen. Man denke an Schach, an Go oder an die Olympischen Spiele. (S.37f)

Juul spielt gern. Spielspaß und Scheitern ist für ihn kaum ein Gegensatz. Darum stellt er nun die Frage, warum die Menschen das Scheitern offensichtlich brauchen und wie sie damit umgehen – im Spiel und in der realen Welt.

Die Bestreitbarkeit des Scheiterns (S.55f) wird zur zentralen Kategorie. Verantwortlichkeiten werden so verlagert oder ‚repariert‘, dass es nur so kracht. Hauptsache es tut gut.

So etwas entlastet den seelischen Haushalt ungemein. Man kann sich vollkommen und seriös so einer Vielzahl von neuen Herausforderungen stellen, ohne sich mit Altlasten unnötig zu beschweren. **

Dass das nicht unbedingt einheitlich ist, diskutiert er hier. Niederlagen werden gebraucht und sind notwendig. Nur wozu?

Sie haben – je nach dem wo und wann man sie erlebt – ganz verschiedene Funktionen und Ausprägungen. Auch das wird diskutiert. Wir ziehen es im Allgemeinen vor, uns fähiger als andere Menschen zu fühlen… (S.64)

Doch Vorsicht ist geboten: Wir benötigen die Abstreitbarkeit von Fehlern für uns selbst – und gegenüber unsern Lehrern, Kollegen und Vorgesetzten. (S.137)***

Das Buch hat es zweifellos in sich. Diese Schrift kommt klug und eloquent daher. Scheinbar kriegt hier jeder sein Fett weg. Mir ist das Thema auch schon einmal über den Weg gelaufen: Web 2.0 (as ever) Seitdem lässt es mich eigentlich nicht mehr los.

Erfolg hat viele Eltern, aber das Scheitern ist eine Waise. Trad. (u.a. S.72)

* S.23, Zitat nach Juul: Lazzaro, „Why we play“, 686
** -> Olympiastatut, Fairness usw.
*** Interessant dazu auch die Anmerkung 13: In vielen Fällen könnte es aufgrund der angestrebten Bewertungskriterien sogar unmöglich sein, das spielerische Element zu erhalten: es scheint nahezu ein Naturgesetz, dass ganz gleich wie unsicher oder aussagekräftig spezifische Daten sind, irgendwer sie dennoch als objektives Kriterium verstehen wird.

Jesper Juul: Die Kunst des Scheiterns. Warum wir Videospiele lieben, obwohl wir immer verlieren. Aus dem Englischen übersetzt von Annette Kühn. LUXBOOKD.LUFTRAUM 2015. ISBN 978 3 939557 89 7

In guten, öffentlichen Bibliotheken und im Handel.

Advertisements

From → Liebe, misc.

3 Kommentare
  1. Interessant klingt das. Steht da auch etwas über die Spiele, die ganz massiv den Belohnungsreflex ausnutzen (Farville und Co)? Das wäre ja genau das Gegenteil von Scheitern.

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Ich meine auch solche Spiele wie Farmville und Co auch endeckt zu haben. Wir sind oft aufgebracht, wenn wir verlieren, denn wir investieren eine beachtliche Anzahl von Stunden und viel Mühe, wenn wir ein Spiel spielen. Wir werden vielleicht sogar wütend auf diejenigen, die unseren cleveren Plan für das Spiel hintertrieben haben. Mit anderen Worten argumentieren wir häufig, dass der Verlust eines Spiels etwas Harmloses und Neutrales sei, aber wir versagen wiederholt darin, uns adäquat zu verhalten.
      Sie, geneigter Leser, mögen schon über viele andere mögliche Erklärungen für dieses Paradoxon nachdedacht haben. Ich werde in diesem Buch viele von ihnen diskutieren und während ich versuche, eine Antwort für das Problem zu liefern, ist diese Reise selbst dazu gedacht, eine Erklärung dafür anzubieten, was diese Spiele mit Menschen tun.
      (S.14f) Interessant in diesem Zusammenhang ist sicherlich auch Kapitel 4, und hier der Abschnitt ‚Arbeit‘ (S.91ff).

      Wenn ich den Autor recht verstanden habe, muss man, will man solch ein Videospiel erfolgreich spielen, immer mit Rückschlägen und Niederlagen rechnen. Ein Spiel – und da schließt der Autor m.E. keine Sorte aus – ohne Niederlagen wird zu schnell langweilig, und zwar für alle Beteiligten. Ich hoffe, dass ich auf die Schnelle eine adäquate Textstelle gefunden habe.

      LG mick.

      Gefällt mir

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Die Kunst des Scheiterns – #Literatur

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: