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Rechnung über meine Dukaten

18. Dezember 2015

Dieser Verrückte? (S.39)

Als es in Europa noch Könige gab, so richtige und absolute Herrscher, war es für viele unverständlich auch nur im entferntesten an der Legitimation des Geburtsrechts zu zweifeln. Andere hätten schon ge verzweifelt, wurden aber in aller Regel von den Verhältnissen davon abgehalten oder…

Immer wenn der Respekt vor einem Vorgesetzten Überhand zu nehmen drohte, dann sagte Oma Frieda oft für sich: „Den sollte man mal in Unterhosen sehen!“ Ich erinnere mich noch genau an die Situation, wo ich es zum ersten Mal hörte. Damals war ich noch belustigt oder verdutzt, ob dieses Bildes. Wir sollten das natürlich hören. Heute bin ich ihr doch ein wenig dankbar für diese Umschreibung.

Dieser Verrückte war der König Friedrich Wilhelm I. von Preußen. Wir befinden uns zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts. Dieser König war nicht das, was man heute als einen sympathischen Menschen bezeichnen würde. Von kleiner Statur, eher dicklich und sicherlich auch kurzatmig, dafür jedoch aufbrausend, bisweilen brutal und ohne jegliche Geduld, liebte er sein Militär über alles.

Er wurde auch der Soldatenkönig genannt. Eine seiner Schrullen waren die langen Kerls. Man könnte sowas verzeihen aber er ließ von überallher großgewachsene junge Männer für sein Wachbataillon – in der Regel – entführen und mit den widerwärtigen Methoden gefügig machen. Er betrachtete das als Sport und überdies als sein gutes Recht.

Andere Herrscher hatten da eine eher anderer Meinung. Jedoch nicht weil sie etwa bessere oder andere Menschen waren, eher sahen sie einen Nachteil für sich. Das Volk spielte sowieso nur eine untergeordnete Rolle. Für jeden Herrscher.

(…) trotz ihrer Andersartigkeit in gewissen Punkten waren Friedrich Wilhelm und der Czar einander sehr zugetan; zu ähnlich waren sie sich in ihrer Liebe zu Soldaten und Gewehren und Hunden und Pferden und zum Bau von Schiffen, Häusern und Städten und nicht zuletzt im Ansinnen, ihre jeweiligen Reiche in eine glanzvolle, militärisch und politisch bedeutsame Zukunft zu führen.

Friedrich Wilhelm war überzeugt, dass es dafür zweierlei Dinge brauche. ein gedeihendes Commercium und ein formidables, eindrucksvolles Herr, wofür wiederum eindrucksvolle Soldaten erforderlich seien; Männer also, die in farbenleuchtender Hochgestalt die Macht des Staates verkörperten, auf dem Schlachtfelde und in den Städten, im Kriege wie im Frieden. (S.115f)

Gut. Lieben ist aus heutiger Sicht wohl ein falsches Wort. Er bevorzugte diesen Gedanken eben und versuchte ihn mit aller Gewalt durchzusetzen.

Also zurück zu den langen Kerrls:
Von überallher rangen verschiedenartige Anblicke, Klänge und Gerüche um Gerlachs* Aufmerksamkeit. Doch als er der großen jungen Frau mit den aufgesteckten, von einer Haube bedeckten goldroten Haaren ansichtig wurde, die ihm weit vorn in weißer Schürze, blauer Jacke und grünem Rocke entgegenkam, ihre Umgebung deutlich überragend, gaben sich alle übrigen Reize geschlagen. (…) Ein wehes Leuchten erfüllte seine mächtige Brust. (S.29)

Mit anderen Worten: es war um ihn geschehen. Da haben weder Dukaten noch Könige die Macht. Es dauert lange, und sieht oft machtlos aus. Mit offener oder unterschwelliger Gewalt gefügig machen geht immer für eine gewisse Zeit. Aber die Liebe lässt sich nicht Befehlen oder kujonieren.

Dies ist eine Episode im großen Fluß der Geschichte. Eine Petitesse könnte man vielleicht sagen. Diese Petitesse war für das Leben, der Unglücklichen, die es dort zu fristen hatten nicht von Belang. Denn es war ihr Kosmos.

Thomas Meyer: Rechnung über meine Dukaten. Roman, Diogenes TB. 2015
ISBN 978 3 257 24327 7

* Gerlach war einer jener armen Teufel, die dazu ausersehen waren für den König zu dienen.

Ps.: Ein scheinbar merkwürdiger Titel für einen bemerkenswerten Roman. Schon allein wegen der barocken Sprache ist das Buch lesenswert. In guten, öffentlichen Bibliotheken sowie im Handel.

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From → Liebe, Sprache

3 Kommentare
  1. Graugans permalink

    So schön hast Du das geschrieben…und die Liebe läßt sich nicht befehlen…da hast Du Recht! Ganz liebe Grüsse!

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    • mickzwo permalink

      Selbst wordpress scheint mit dem Artikel einverstanden zu sein. Die verwandten Artikel passen wirklich ganz gut zu diesem hier.
      Ich danke Dir für diesen freundlichen Kommentar und wünsche Dir auf diesem Wege ein gutes Weihnachtsfest und ein schönes Neues Jahr. mick

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Rechnung über meine Dukaten – #Literatur

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