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Das hier ist Wasser …& Wieviel Erde braucht der Mensch?

24. Dezember 2015

Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.
S.Beckett, Murphy.

Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?“ So beginnt die berühmte Rede ‚Das hier ist Wasser‘ von David Foster Wallace.*

Jeder sieht was er sieht.

Jeder sieht was er sieht.

Gegen Ende 19. Jahrhunderts hat der russische Schriftsteller Leo Tolstoi Geschichten geschrieben, die unter dem Titel ‚Wieviel Erde braucht der Mensch?‘ veröffentlicht wurden.**

‚Wovon die Menschen leben‘ handelt von einem Schuster, der einen gefallenen Engel aufnimmt und dabei lernt das ohne Liebe nichts funktioniert.
‚Die beiden Alten‘ erzählt davon, wie ein Gedanke durch Riten ausgehöhlt wird.
‚Wieviel Erde braucht der Mensch?‘ erzählt schlicht von der Gier: „Es ist gut“, sagte der Teufel, „wir wollen sehen: ich will dir viel Land geben und dich gerade damit fangen.“ **S.68
‚Die drei Greise‘ berichtet uns, wie ein Bischof etwas über den Hochmut lernt.

Es sind erstaunliche Geschichten, die von der Freiheit sich zu entscheiden erzählen. Sie spielen allesamt im Rußland der Zaren. Allerorten roch es schon nach Revolution.

Zwischen den Texten von Tolstoi und der Rede von Wallace liegen rund einhundertundzwanzig Jahre. Eine Zeitspanne, die niemand von uns in Wirklichkeit nachvollziehen kann. Es sei denn er oder sie bedient sich externer Quellen.

Die sind dann aus dritter Hand, und immer fokussiert. So wie wir subjektiv die Dinge sehen, werden sie von den Berichterstattern und Geschichtenfindern vergangener Zeiten immer auch in ihrem Fokus dagestellt. (Das geht kaum anders.)

Man kann nicht die Welt retten, und auch nicht alle hungrigen Mäuler stopfen. Das ist mal klar. Wenn das Leben dich jedoch in eine Situation stellt, wo du dich zu entscheiden hast, dann entscheide dich.

Menschen sollten das gelernt haben. Oft aber verstecken sie sich hinter Ritualen und Routinen. Sie sind dann nur Robotor, die gesellschaftliche Zahnräder in Bewegung halten. Das ist keine Frage des Lebensstandards.

Einen Skandal zu provozieren, in dem man Dinge beim Wort nimmt; sich auf Selbstverständlichkeiten zu berufen, klingt einfacher als es ist. Die eigentliche Frage muss lauten, was bedeutet Bildung? Wir sind schon lange wieder bei David Foster Wallace: unterscheiden und entscheiden.

Die Entscheidungen des Einzelnen können sehr unterschiedlich sein. Dies fällt nicht ins Gewicht. Es ist jedoch immer notwendig, vor sich selbst als menschliches Wesen zu bestehen. Wenn dieser Grundsatz für andere genau so zu gelten hat, ist das kein Widerspruch. Er bedingt sich.

Dinge zu unterscheiden, macht eine lebendige Gesellschaft aus. Eine Gesellschaft, in der man unterscheiden und entscheiden kann, zeichent sich durch Bildung aus. Es geht um Mitgefühl und Respekt. Anders als die Vogonen, Beispielsweise.

Diese Bildung muss ständig erneuert und überarbeitet werden, das ist unbequem. Es gibt dafür kein Regelwerk. Das wiederum ist gut, solange es nicht mit lapidar verwechselt wird. Bequem sieht anders aus. Aber, es lohnt sich.

Wer Menschlichkeit und Empathie einmal für sich entdeckt hat, überzeugt andere; jemanden von der Menschlichkeit auszuschließen ist dann unmöglich.

* David Foster Wallace: Das hier ist Wasser. Kiepenheuer und Witsch 2012, 5. Auflage. ISBN 978 3 462 04418 8
** Leo Tolstoi: Wieviel Erde braucht der Mensch? Anaconda Verlag 2009. ISBN 978 3 86647 443 7

Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.

Ich wünsche allen Frohe Weihnacht und ein gutes, Neues Jahr!

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From → Liebe, Sprache

6 Kommentare
  1. das sagst du (mal wieder) super. interessant bei all diesen gedanken ist doch, dass man sich nicht nicht enscheiden kann und später auch die verantwortung für tun oder nicht-tun bei sich behält. sie kann nicht zurück gegeben werden (nicht mal die elbe wollte ihm den selbstmord gewähren, wie wolfgang borchert so fein beobachtete).
    für mich dabei das größte rätsel, warum david foster wallace, der die dinge doch so klar sieht und benennt, den selbstmord gewählt hat. bis heute denke ich immer mal wieder darüber nach und finde keine antwort. hast du vielleicht eine für mich?

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    • mickzwo permalink

      Da habe ich mich auch längere Zeit mit beschäftigt. Die Frage ist ja, ob wir das wissen müssen?

      Alles was ich über David Foster Wallace wußte, hatte ich gelesen und über sein Ansehen erfahren, das er zweifellos genießt. Wenn ich von dem Text der Rede ausgehe, dann hat er ja nur geschildert, was man alles berücksichtigen kann, wenn man denkt, dass man denkt. Es ist kein Ratgeber und er weist die Rolle als solche weit von sich. David Foster Wallace litt unter Depessionen. Wenn man das weiß, dann drängt sich die Frage nach seinem Freitod naturgemäß auf.

      Das ist eine vertrackte Krankheit. Sie kommt in Schüben – und wenn ich es recht verstanden habe, immer dann, wenn man nicht damit rechnet. Man fühlt sich sicher.. bis.. Man ist dann oft zu nichts mehr in der Lage.

      Vielleicht ist das eine Erklärung für seinen Freitod – den ich beileibe nicht verteidigen will. Aber akzeptieren muss ich den. Schließlich ist er passiert.

      Den Dichter Tolstoi kenne ich auch nur etwas vom Lesen und über seine Reputation vom Theater. Er wurde alt und mystisch. Auch bei Tolstoi bin ich erst mal vom Text ausgegangen. Gemeinsam ist ihnen beiden, dass sie Fragen anschneiden, die eigentlich jeden betreffen. Und das in jeder Zeit.

      Als ich diese Texte gelesen habe, kannte ich beide nicht sonderlich. Die Biographie eines Menschen ist zweifellos, bis zu einem gewissen Grad, behilflich Texte auszulegen. In der Theologie heißt es, glaube ich, nach dem Sitz im Leben zu fragen. Das gilt dann für einzelne Menschen bis hin zu Gesellschaften.

      Schnell gehe ich von da zu Fragen, was ist denn universell – im Sinne von übertragbar, nachvollziehbar – an einem Text. Und ich denke, in diesem Falle ist es auch legitim. Ich glaubte in den Büchern paralellen gefunden zu haben. Und das trotz Depression und/oder religiöser Mystizität. Von beidem bin ich bis zu diesem Zeitpunkt in größerem Ausmaß verschont geblieben. Es ist für mich erst mal zweitrangig, wie so ein Mensch drauf war, als er das schrieb was er schrieb.

      Die Tragik die jemand mit sich und seinem Schicksal auszumachen hat, wird für mich immer dann wichtig, wenn ich mich mit der Biographie eines Menschen auseinandersetzen muss. In diesem Fall habe ich die Notwendigkeit, so tief vor zu dringen, nicht gesehen.

      Ich danke Dir für Deine Anmerkungen. Sie haben mir geholfen meinen Standpunkt zu präzisieren. In der Hoffnung, Dir auch etwas geholfen zu haben, wünsche ich Dir nochmal einen guten Rutsch und natürlich vorher noch frohe Weihnachten.

      Liebe Grüße, mick.

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      • danke mick. ja, irgendwie hast du recht, manche beweggründe behält ein mensch ganz tief in sich. man kann es verstehen wenn man sich selbst ganz zutiefst menschlich hinein versetzt. vielleicht ist der verstand dann das mittel, das man dazwischen schiebt bevor man den schritt geht, es ganz und gar zu sich zu nehmen – und dennoch selbst einen anderen weg zu gehen. (und das „man“ in diesem fall könnte ich genauso gut durch „ich“ ersetzen.) danke für deine gedanken und die anregungen.
        es ist schon so: jeder weg ist ein eigener weg. – nicht mehr, doch auch nicht weniger!
        fröhliche weihnachten und auch dir einen guten rutsch in ein erfülltes und erfüllendes 2016! susanne

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  2. Lieber Mick, du wirst zu einer Quelle der Buchtipps für mich- herzlichen Dank, beide Bücher stehen jetzt auf meiner Langzeitbuchwunschlist …
    hab feine Weihnenächte, magisches Strahlen durch die Rauhnächte hindurch und einen frohen Tanz von hier nach dort
    zugewandte Grüsse
    Ulli

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    • mickzwo permalink

      Das ehrt mich und es macht mich auch ein wenig verlegen, liebe Ulli.
      Die Nächte und den frohen Tanz von hier nach dort, das alles wird mit Spannung erwartet.

      Ich grüße Dich auch, komm gut dadurch! mick.

      Gefällt 1 Person

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  1. [Alles mit links] Das hier ist Wasser …& Wieviel Erde braucht der Mensch? – #Literatur

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