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Wintermärchen ohne Schnee

26. Dezember 2015

Das muss die Lieblingsweihnachtsgeschichte von willi sein. Er bringt mich dazu, fast jedes Jahr um diese Zeit, diese Geschichte zu veröffentlichen. Im Grunde ist sie das ganze Jahr über zu erzählen. Doch zu Weihnachten kommt er immer wieder damit an. Und da sind wir bei einem ganz großen Problem – also für den willi, meine ich.

Diese Geschichte ist live gedacht. Sie ist zum Erzählen, nicht zum Aufschreiben und Lesen. Erzählen und Zuhören, dann lebt sie. Aber aus naheliegenden Gründen geht das wohl kaum:

Dies ist die alte Geschichte von dem Zinnsoldaten. Der hatte nur ein Bein, auf dem er stehen konnte. Keiner wusste, warum er nur ein Bein hatte. Vielleicht war es in der Fabrik schlicht vergessen worden. So etwas soll ja schon vorgekommen sein. Vieles wird einfach nur vergessen und man steht dann in Regalen herum und staubt zu, wie unser Zinnsoldat. Der lebte damals nämlich in einem Spielzeuggeschäft. Aus der Fabrik war er mit vielen zweibeinigen Zinnsoldaten vor langer Zeit in dieses Regal umgezogen.

Besonders zu Weihnachten kamen die Kinder und suchten sich unter seinen Freunden welche aus. Einmal wäre er fast genommen worden. Ein kleines Mädchen hatte ihn schon in der Hand, musste ihn aber zurückstellen, weil die Mutter hartnäckig behauptete, er sei nicht vollständig. So wurden mit der Zeit alle seine vollständigen Freunde verkauft, nur er blieb dort, wo er war. Früher wollte er immer mitgenommen werden. Er war ein bisschen neidisch.

Gegenüber, im Regal mit den Puppen, lebte eine Prinzessin. Die sah er immer öfter an. Mit der Zeit begann er zu träumen, der Kaufmann hätte sie zusammengestellt, nebeneinander. Die Prinzessin lächelte ihn auch an. Darum war er jetzt froh, dass man ihn für unvollständig hielt und nicht kaufen wollte. Wenn er nur in das andere Regal käme! Nicht, dass er unzufrieden gewesen wäre. Immerhin konnte er sie ja sehen. Sie lächelte.

Eines Tages kam wieder ein Kind in den Laden. So ein Kind, wie es jeder Zinnsoldat sich wünscht. Ein Kind mit großen, sanften Augen. Es hatte gespart und wollte die Prinzessin kaufen. Als aber der Kaufmann das Geld des Kindes gezählt hatte, sagte er, dass er dafür im besten Falle den einbeinigen Zinnsoldaten hergeben würde. Und weil das Kind sich so sehr ein Spielzeug gewünscht hatte, nahm es ihn schließlich.

Er war wie betäubt, als das Kind ihn fasste und den Laden verließ. Der Zinnsoldat wollte fliehen, schreien, sterben, wollte zu seiner Prinzessin zurück. Aus. Er bemerkte nicht wie das Kind ihn ansah, wie es ihn streichelte, wie es mit ihm sprach und wie es ihn später vor den großen Jungen verteidigte, wenn sie sich über den einbeinigen Zinnsoldaten lustig machen wollten. Er merkte nicht, wie die Zeit verging, wie das Kind älter wurde, wie es ihn einmal verlor, verzweifelt war, ihn wieder fand und glücklich war.

Er war krank und taub, besinnungslos verletzt, am Ende vergaß er noch warum. Darum merkte er auch nicht, dass sein Kind ihn verstecken musste, wenn die Eltern das Spielzimmer inspizierten. Es waren sehr ordentliche Eltern. Solche, die ihre Kinder nie ernst nehmen, und darum glauben, sie hätten über die Spielsachen zu entscheiden. Eltern, die nicht wissen, was ein einbeiniger Zinnsoldat bedeuten kann. Eltern, die vergessen haben, dass es Prinzessinnen gibt. Erwachsene eben.

Eines Tages musste das Kind in eine andere Stadt ziehen. Als das Kind in der Schule war geschah es dann, dass die Eltern alles einpackten und natürlich alles überflüssige weg warfen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie verzweifelt das Kind war, als es bemerkte, was die Eltern getan hatten. Und ich brauche auch nicht weiter zu schildern, wie die Eltern verständnislos ihr Kind beschwichtigen wollten, und wie das daneben ging. Du hast selbst genug Phantasie.

Der Einbeinige landete also in der Mülltonne und merkte immer noch nichts. Die Männer, die den Müll mit dem überflüssigem Zeugs fortschafften, merkten auch nichts. Natürlich nicht. Alles ging seinen Gang. Zusammen mit dem anderen Überflüssigen wurde der Einbeinige abtransportiert, durcheinander geschüttelt und auf einen großen Haufen geworfen. Davon wurde der Einbeinige wach. Er befand sich schon auf einem Förderband, das sich langsam nach oben bewegte.

Der einbeinige Zinnsoldat öffnete schwerfällig die Augen und sah eine Prinzessin. Es war seine Prinzessin, und sie lächelte. Auch sie war überflüssig geworden bei ihrem Kind. Etwas verbeult und abgerissen sah sie aus. Es fehlte ihr ein Auge und die Haare waren zerzaust. Aber ihr Lächeln war dasselbe. Der einbeinige Zinnsoldat war froh. Endlich hatte er sie wieder und sie war bei ihm. Er war glücklich und er war jetzt frei. Da fielen sie in den Ofen und wurden verbrannt.

Die Kinder bekamen zu Weihnachten alle neues Spielzeug und spielten am Weihnachtstag unter dem Lichterbaum damit. Die Zentralheizung sorgte für wohlige Wärme, gespeist aus der Müllverbrennungsanlage (Fernwärme). Die Eltern waren’s zufrieden. Nach einer knappen Stunde begannen die Kinder sich zu streiten, weil das Spiel langweilig wurde. Da machte man einen Spaziergang durch die beleuchtete Innenstadt. Spielzeug gucken.

willi (1989).

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From → Liebe

8 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Hat dies auf Fett/Anthrazit Blog rebloggt und kommentierte:

    Zeit sich zu erinnern.

    Gefällt 1 Person

  2. Na, ja, etwas bleibt zurück von solcher Liebe. Es kann auch Fernwärme sein, ungewissen Ursprungs, doch zufrieden und wohlig wahrgenommen…😊

    Gefällt mir

  3. Es gibt Märchen, die inhaltlich so im Gedächtnis der Menschen verhaftet bleiben, dass ihr Inhalt um die ganze Welt geht. Das Andersen-Märchen ist 1838 zum ersten Mal publiziert worden. Die Interpretation dieses Stoffes des einbeinigen Zinnsoldaten mit der Aussage, dass es besser sei, in seinem Leben glücklich zu sein, selbst wenn das bedeutet, ohne die Geliebte zu sein, dann lohnt sich das Ende, denn man war dennoch glücklich. Im Anderson-Märchen blieb vom Einschmelzen des standhaften Zinnsoldaten ein winziges Zinnherz übrig. Von der Sylphide, der Tänzerin, blieb am Ende ein verkohlter Stern.

    Ich fand Deine Version dieses Stoffes sehr intensiv und plastisch bebildert und geschrieben. Ich mag Deinen feinen tiefgründigen Humor, der hinter Deinen Zeilen diskret hervorblinkt. Ich lese auch alle Rezensionen von Dir. Der dänische Kunstdichter würde Dich anblicken und nicken.
    Wunderbar die Aussage, die Moral dieser traurigen und herzergreifenden Geschichte, die Du konsequent in die Gegenwart der Wegwerfgesellschaft zeitgenössisch interpretiert hast.

    Es war mir ein Lesegenuss, Dein Märchen zu lesen. Dankeschön und Weihnachtsgrüße zu Dir✨

    Gefällt 3 Personen

    • mickzwo permalink

      Die Sache mit dem Zinnherzen und dem dem verkohlen Stern habe ich so nicht wahrgenommen. Deine Aussage, dass Geschichten im kollektiven Gedächtnis der Menschen haften bleiben, war sehr hilfreich.
      Ich danke Dir für Deine Anmerkungen.

      Liebe Weihnachtsgrüße auch Dir, willi (ernst und mick, auch noch).

      Gefällt 2 Personen

  4. Klasse! Ich befürchte, gar nicht weit weg von der Realität. Das Ende ist stark.

    Gefällt 2 Personen

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Wintermärchen ohne Schnee – #Literatur

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