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Das Kind, das nicht fragte

3. Januar 2016

Selbstverständlich ist es nicht entscheidend, ob man Ja oder Nein sagt, sondern wozu man es sagt, und der Glaube, der sich in einem Nein ausdrückt, ist nicht immer der geringere, meistens sogar der keuschere. *

Der Protagonist dieser Geschichte wohnt mit Duldung seiner vier älteren Brüder in einer kleinen Wohnung des elterlichen Erbes in Köln. Er ist von den Brüdern abhängig – von denen er sich nicht besonders geschätzt fühlt.

Er kommt beruflich nach Sizilien, um genau zu sein, er fährt in einen Ort Namens Mandlica. Der Mann ist Ethnologe seines Zeichens, und heißt mit Nachnamen Merz. Unser Protagonist hat sich akribisch auf diese Reise vorbereitet. Er trifft dort auf seine Zimmervermieterin Maria.

– „Sie sind ein seltsamer Mensch“, sagt sie noch.
– „Ich bin nicht seltsam“, antworte ich, „ich bin Ethnologe, Sie werden mich schon noch besser verstehen.“
(S.45)

Durch Reminiszenzen und Erlebnisse ethnologischer oder sonstiger Natur in seinem gegenwärtigen Sizilien erfahren wir mehr über diesen merkwürdigen Mann mit seinen Hemmungen; bisweilen nennt er seine Gründe dafür und was er dagegen unternimmt..

Seiner Mutter gesteht er als Achtjähriger mehr aus Zufall:
Ich fürchte mich vor unserem Flur, …, ich fürchte mich, weil man auf unserem Flur so vielen Menschen begegnet. Die Menschen halten mich an und schauen und fragen mich, ob es mir gut gehe und was ich gerade in der Schule lerne. Ich antworte ihnen nicht, ich laufe in mein Zimmer und schließe mein Zimmer ab. Die Menschen sollen mich in Ruhe lassen, und auf keinen Fall sollen sie mich das fragen. (S.49)

Er merkt wohl insgeheim was Konversation bedeutet. Diese Form von Unterhaltung ist ihm fremd. Doch sie wird ihn sein Leben lang begleiten. Trifft er auf sie, kapselt er sich ab. Es ist ein Zwang, ein Gefängnis, dass ihn hindert Verbindung auf zu nehmen.

Seine Berufswahl ist schon merkwürdig oder aber zwangsläufig.

Als Ethnologe ist er es gewohnt, Fragen zu stellen aber keine Beantworten zu müssen. Er bleibt als Person immer außen vor.

Es geht um die Liebes- und somit um seine Überlebensfähigkeit als Mensch. Nicht mehr aber auch nicht weniger!

Seine Prüfung heißt Paula. Sie wird zum Kern und zum Knackpunkt all der Begegnungen, der Irrnisse und damit der einher gehenden Entwicklungen und Entscheidungen.

Ehrlich gesagt habe ich anfangs gedacht: Wo bist du denn hier gelandet?! Doch so einen Ortheil hatte ich schon lange auf meiner Leseliste. Jetzt lag er vor mir, war da und ich wollte es Wissen.

„Ein heller, sonnenüberfluteter Roman … Ein Buch über das allmähliche Gelingen des Lebens beim Leben.“ **

Als ich dann feststellte, dass es sich hier nicht um ein Ratgeberbuch handelte, war ich versöhnt. Es ist Fiktion und als solche birgt es viele Sachverhalte, die es zu bedenken lohnt. Wunderbar.

Hanns-Josef Ortheil: Das Kind, das nicht fragte. Roman. btb, 3.Aufl. 2014.
ISBN 978 3 442 73981 3.

* Seite 519 in Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Bd. II. Hier: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp-Taschenbuch. Frankfurt 1998. ISBN 3 518 06533 5

** Rüdiger Safranski auf dem Umschlag dieser Ausgabe.

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From → Liebe, Sprache

4 Kommentare
  1. Verspätet aber ganz herzlich noch die allerbesten Wünsche zum Neuen Jahr, Gesundheit, viel Liebe, Glück und Freundschaft und Freundlichkeit um dich herum!
    Herzlichst,
    Marlis

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Jemand ganz kluges schrieb mir einmal, dass die guten Wünsche nie zu spät sind. Dem möchte ich mich nur anschießen. Danke und alles Liebe und Gute mit allem anderen auch für Dich!! mick.

      Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Das Kind, das nicht fragte – #Literatur

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