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Zivilisierte Verachtung

10. Februar 2016

Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall ist klar, dass das Ende der Geschichte weiterhin auf sich warten lässt.

Stattdessen wirft ein anderes Ereignis aus dem Jahr 1989 lange Schatten: 26 Jahre nach der Fatwa gegen Salman Rushdie stellt uns der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo einmal mehr vor die Frage, wie der Westen selbstbewusst für seine Werte eintreten kann – ob nun gegen Fundamentalisten, Populisten oder die antiwestliche Rhetorik eines Wladimir Putin.

Während viele Linke und Liberale durch die Logik der politischen Korrektheit gleichsam gelähmt sind, schwingen sich Figuren wie Marine le Pen und Bewegungen wie Pegida zu Verteidigern des Abendlandes auf. In dieser Situation plädiert Carlo Strenger für eine Haltung der zivilisierten Verachtung, mit der das aufklärerische Toleranzprinzip wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird:

Anstatt jede Glaubens- und Lebensform zu respektieren und diskursiv mit Samthandschuhen anzufassen, müssen wir uns daran erinnern, dass nichts und niemand gegen wohlbegründete Kritik gefeit sein darf: »Wenn andere Kulturen nicht kritisiert werden dürfen, kann man die eigene nicht verteidigen.« *

Es geht um Kritik und um Kränkungen die man aushalten können muß. Also um das Selbstbild eines jeden. Denn, so habe ich den Autor verstanden: niemand hat die Wahrheit per se für sich gepachtet.

Anfang Februar las ich in Jargs Blog einen Artikel zu diesem Buch. Als Schlussbemerkung sind dort folgende Sätze zu lesen: >>Der “Ärztetest”, den er im Buch beschreibt, sollte zum Standard werden für die verantwortliche, nüchterne und auf Fakten statt Mutmassungen und Gerüchten beruhende Meinungsbildung.

Sein ebenso leidenschaftlicher wie fundierter Essay gehört für mich in diesen unruhigen Zeiten, in denen uns das freie Europa um die Ohren fliegt und zu kollabieren droht, zu den Büchern, die Wegweiser sein können und über ihre Zeit hinausreichen.<< **

Auf etwa achtzig Seiten wird in dem Band von Strenger die Kulturtechnik Zivilisierte Verachtung dargestellt.

Das Inhaltsverzeichnis:
Vorwort
Das Eigentor der westlichen Kultur
Ein Testfall: Die Fatwa gegen Salman Rushdie
Die Geburt des Toleranzprinzips in der Aufklärung
Kolonialismus und zwei Weltkriege
Der Aufstieg der politischen Korrektheit
Verantwortliche Meinungsbildung: der Ärztetest
Wenn Ressentiment zur Tugend wird
Religion und zivilisierte Verachtung
Kränkungen ertragen
Die Leidenschaft für die Freiheit
Nachweise

Dem ein oder auch anderen mag das hier doch arg an das sattsam bekannte Milchmädchen erinnern. Klingt erstmal lapidar: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu. (trad.) Der dauert. Er hat es in sich.

Ein außerordentliches und sehr differenziertes Buch. So etwas wird den Diskurs bereichern. Ich denke es ist notwendig.

* Text zum Buch, Umschlag innen.
** Zitat Jarg. Zu dem hervorragenden Artikel in Jargs Blog geht es hier.

Carlo Strenger: Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit. edition suhrkamp. Berlin 2015.
ISBN 978 3 518 07441 1

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From → Liebe, Sprache

7 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Der Untertitel lautet: Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit.

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  2. Wer schwätzt denn hier (für welches Honorar) von der antiwestlichen Rhetorik eines Wladimir Putin. Guck auf Nachdenkseiten, wie Schily und Fischer, die Kriegsfreunde, schräge Fratzen ziehen, weil Putin ihnen vor Jahren im Reichstag erklärt, wer spaltet: der Pleitier vor dem Herren, USA.

    …klingt gar nicht spannend….danke für die Konkurrenz zur Tagesschau.

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    • mickzwo permalink

      Liebe Frau Dinkelschnitte (so nehme ich mal an)!

      Wer Carlo Strenger ist und welches seine Einkommensquellen sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Dazu ist die Quellenangabe am Ende des Artikels ja da. Überhaupt, es lässt sich ja alles überprüfen. Wenn man will, so auch hier. Die von Ihnen hier anempfohlenen Seiten und Medien habe ich auch vorher schon gelesen. In erster Linie geht mir aber darum zu untersuchen, was so ein Buch oder Medium in mir aus löst. Und zwar aktuell. Wenn dann andere darüber sprechen, um so besser.

      ‚Hier geht es um Kritik und um Kränkungen die man aushalten können muß. Also um das Selbstbild eines jeden. Denn, so habe ich den Autor verstanden: niemand hat die Wahrheit per se für sich gepachtet.‘
      Man sollte sich schon der Mühe unterziehen den ganzen Artikel zu lesen. Dann kommt Kritik auch an.

      Ich bedanke mich aber für den Hinweis: der Autor heißt Strenger (und nicht Sprenger, wie irrtümlich im Quellenhinweis geschieben). Ich habe es verbessert.
      „Und nun zum Wetter.“
      LG, mick

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    • Wer schwätzt denn hier (für welches Honorar) von der antiwestlichen Rhetorik eines Wladimir Putin. Guck auf Nachdenkseiten, wie Schily und Fischer, die Kriegsfreunde, schräge Fratzen ziehen, weil Putin ihnen vor Jahren im Reichstag erklärt, wer spaltet: der Pleitier vor dem Herren, USA.

      …klingt gar nicht spannend….danke für die Konkurrenz zur Tagesschau.

      Carlo Strenger ist Professor für Philosophie und Psychologie an der Universität in Tel Aviv, Publizist (u.a. für Haaretz, Guardian, NZZ), er sitzt im akademischen Beirat der Sigmund Freud Stiftung in Wien, ist Senior Research Fellow am Institut für Terrorforschung an der City University of New York und Mitglied im Daseinsanalytischen Seminar in Zürich. Vor allem aber ist er scharfer Kritiker der israelischen Siedlungspolitik und einer der wichtigsten links-liberalen Intellektuellen in Israel.

      Auf Nachdenkseiten gucke ich seit deren Abstieg in Schwarz-Weiß- und Freund-Feind-Denke (Grund für den Notausstieg von Wolfgang Lieb) kaum noch.

      Falls Sie sich aber über Carlo Strenger informieren möchten, bietet sich sein Blog in der NZZ an, sein Blog bei Haaretz ‚Strenger than Fiction‘ ist leider hinter der Paywall verschwunden.

      Zu seinem Buch gab’s ein schönes Interview im dradio, daraus:

      Mein Wegweiser ist vor allem in erster Linie, wieder darauf hinzuweisen, dass wir etwas in der westlichen Kultur in den letzten 70 Jahren, etwas verdrängen wollen, und es ist, dass die menschliche – das menschliche Dasein, dass das menschliche Leben grundsätzlich eine tragische Struktur hat. Wie ich vorher gesagt habe, wir können alle immer zum Teil scheitern – wir scheitern alle in Anführungszeichen darin, dass wir, ob wir wollen oder nicht wollen, älter werden, gebrechlicher werden, dass wir alle letztendlich sterben, etwas, was unsere Kultur, so weit möglich, mit Techniken von Anti-Aging bis dazu, dass wir Krankheit und Tod so weit wie möglich aus dem öffentlichen Gesichtsfeld entfernen, zu verdrängen versuchen.

      Und ich glaube, weil wir das zu verdrängen versuchen, leben wir dann in dieser Berechtigungsmentalität, dass uns eigentlich alles zusteht. Und die Grundthese des Buches ist, dass, wenn wir uns dieser tragischen Struktur wieder bewusst werden, und das ist etwas, was ich natürlich nicht erfunden habe, ich weise immer wieder darauf hin, dass dieses Thema von der klassischen griechischen Philosophie über neuzeitliche Philosophen wie Spinoza bis zu modernen Denkern wie Freud, Sartre und Heidegger immer wieder besprochen worden ist. Dann können wir uns eigentlich erst wieder wirklich bewusst sein, dass Freiheit ein Abenteuer ist, das einerseits seine Risiken hat, seine unvermeidlichen Risiken, und andererseits, dass gerade diese abenteuerliche Struktur das Leben lebenswert macht.

      Gefällt 2 Personen

  3. …klingt sehr spannend….danke für den Tipp!

    Gefällt 1 Person

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  1. [Alles mit links] Zivilisierte Verachtung – #Literatur

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