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Das Wüten der ganzen Welt

20. Februar 2016

Unterwegs aber, da wo er übernachtete, trat ihm der Herr entgegen und suchte ihn zu töten. Exodus 4,24 *

Der Prolog zu dieser Geschichte beginnt im Krieg im besetzten Holland als Fluchtversuch vor den Nazis. Er missglückt auf dem Ärmelkanal aber endet noch glimpflich. Irgendwie sitzt man in Holland an der Küste fest. Man schafft es, sich einzurichten. So wird es jedenfalls überliefert. Stillschweigend.

„Wenn ich an die Woche nach dem Mord an Vroombout zurückdenke, erscheint mir alles, was ich damals durchgemacht habe, als Sinnestäuschung.“ S.96

In zweiten Teil, dem erzählerischen Kern der Geschichte, befinden wir uns in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, irgendwo in Holland nahe der Küste. Beschrieben wird ein ärmliches Viertel aus der Sicht eines zwölfjährigen Jungen.

Das Ort ist sein Kosmos. Von da aus wird er die Welt erobern. Er sollte das Viertel nie mehr vergessen. Das Leben erscheint einem oft wie eine Fuge. So kompliziert und verworren. Eine Fuge, deren Thema dich nie verläßt.

Und das Leben mag dir noch so vielgestaltig erscheinen. Im Grunde ist es banal, was gern als Vorwand für die Langeweile genommen wird. Es fällt immer wieder auf dich zurück. Du siehst dich um und du könntest dich fragen, warum immer ich? Was soll das? Es ist doch deins.

Die einen werden sagen, er hat zu viel getan. Die andern werden sagen, er hat sich zu wenig bewegt. Ich aber sage euch: Lasst mich in Ruhe. **

Um so etwas formulieren zu können muss man natürlich schon einiges erlebt haben. …all die erhabenen literarischen Geschichten versuchen nur die bittere Pille zu versüßen, schlagen nur Schaum vor deinen Augen, vertuschen und vergewaltigen nur die alltägliche Wirklichkeit, blenden dich nur mit Ästhetik. S.470

Ein alter Mann, der von unserem – mittlerweile herangewachsenen – Protagonisten für den Mörder gehalten wird, spricht so zu dem Jüngeren auf dem fälligen Spaziergang unter vier Augen.

Dies ist die Fuge, das bestimmende Element im Leben dieses jungen, noch wachsenden Menschen. Sie macht ihn schwach und doch wächst er dabei, treibt ihn an und verstört ihn gleichermassen. Es wird schwer gegen sein eigenes Lied anzupfeifen.

Elke Heidenreich fasst es so zusammen: „Eine Geschichte über Musik und Schönheit, Enge und Verbohrtheit, über das Erwachsenwerden und die Nachkriegszeit, verzweifelte Lebenslügen und feigem Verrat – ein wunderbares Kunstwerk.“ ***

Ich glaube das auch. Menschen sind manchmal so wie hier gezeigt.

* Man kann die Menschen nur verstehen, wenn man ihre Geschichte/n verfolgt.
** H.D.Hüsch. So ungefähr mein Lieblingsdichter. Er machte sich einmal öffentlich Gedanken über die Inschrift, die er sich auf seinem fiktiven Grabstein vorstellte.
*** Auf dem rückwärtigen Buchumschlag dieser Ausgabe.

Maarten ‚t Hart: Das Wüten der ganzen Welt. Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Roman 1993. Deutsche Tb-Sonderausgabe 2011. Piper-Verlag München.
ISBN 978 3 492 27276 7

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From → Liebe, Musik, Sprache

9 Kommentare
  1. Das ist wahrlich ein wunderbares Buch! ich las es vor wenigen Wochen …
    geniesse das Wochenende
    herzliche Grüsse Ulli

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  2. Die Kunst der Fuge … kennst Du das Buch von t`Hart über Bach? Ich denke, das könnte etwas für Dich sein…

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    • mickzwo permalink

      Deinen Artikel zur holländischen Literatur (https://saetzeundschaetze.com/2016/02/09/niederlande-erlesen-1/) habe ich gesehen. Die Bildunterschrift ist sehr gelungen. Viele von den Autoren hatte ich schonmal gelesen, früher. Auch Maarten t’Hart war darunter. Am Schluß hatte ich Gerbrand Bakker,„Oben ist es still“ gelesen. Vielleicht war es ein Erlebnis mit diesem Buch, dass mich bewog hier etwas zu schreiben. Das Buch von t`Hart über Bach steht auf meiner Leseliste. Aber erst werde ich wohl Gödel, Escher, Bach vom Hofstadter lesen. Mal sehen.

      Ich danke Dir für den Tipp und für den Kommentar. LG, mick.

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      • Danke Mick für diese Antwort. „Oben ist es still“ ist so ein stilles Buch … es beschäftigt mich immer noch. Irgendwie ist es doch so, dass der „Held“ am Ende die Befreiung aus seinem erstarrten Leben findet – und das ist so schön und still erzählt, das tut gut. Den Hofstadter habe ich schon ewig hier stehen, traue

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      • ups… abgebrochen… ich traue mich an den Hofstadter noch

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  1. Februar 2016 | Fett/Anthrazit Blog
  2. [Alles mit links] Das Wüten der ganzen Welt – #Literatur

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