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Der Name der Rose – wieder.

13. März 2016

Umberto Eco ist wieder wichtig. * Nicht, weil er kürzlich gestorben ist, sondern weil mir eine Geschichte von ihm nochmal begegnet ist.

Er hat sich wohl geärgert, dass er von vielen nur auf eine Geschichte reduziert wurde. (Über mich hat er sich sicher nicht geärgert. Es liegt nicht daran, dass ich ihm so gut gefallen hätte. Wahrscheinlicher ist doch, dass er erst gar nicht wahrgenommen hat, dass ich existiere. So ist es eben.)

Diese Geschichte passt jetzt besonders. Im Hinblick auf Bibliotheken und im Hinblick auf das Gedächtnis von Gesellschaften. Also – ob er mir es verziehen hätte oder auch nicht, Der Name der Rose war jetzt fällig – wieder.

Warum schreibt man eine Geschichte?

Über sechshundert Seiten und noch Anmerkungen, der Korrektheit halber. Danach kann man sich vorstellen, wie diese gelehrten Menschen damals disputierten (oder wie so ein Klappentext zu Stande kommen kann). Diese Menschen waren damals genauso doof wie wir heute, nur möglicherweise ausschweifender.

Klar, dass da auch immer welche dabei waren, die klug, clever oder verschlagen waren. Gut und Böse. Davon handelt die Geschichte: vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Dass wir – quasi beiläufig – dabei noch über die Geschichte des Denkens aufgeklärt werden, verdanken wir einer ungeheuer tiefen Bildung und der aufklärerischen Geisteshaltung des Autors.

Erzählt wird die Geschichte von Adson, einem Novizen. Der erlebt mit seinem Lehrmeister, William von Baskerwille, eine Woche in einer norditalienischen Abtei des 14. Jahrhunderts: So groß ist die Kraft der Wahrheit, daß sie – wie die Schönheit – sozusagen von selber um sich greift. (S.98)

William von Bakerville ist Mönch. Ein Franziskaner, der gleichermaßen klarsichtig wie auch scharfzüngig ist. Er ist in diese Abtei gerufen worden, weil er vermitteln soll zwischen Kaiser und Papst. Merkwürdige Dinge geschehen an diesem Ort, also erhält William den Auftrag, dem auch nach zu gehen. Sein Gegner ist Jorge von Burgos, ein blinder Seher, der etwas gegen lachende Mönche hat.

Es geht um Wollust, Liebe, Eitelkeit und Wahrheit; übertriebene Gelehrsamkeit und andere Laster, inbegriffen. Wo liegt die Wahrheit? Wie sorgen wir dafür, dass sie ans Licht kommt? Wer kennt den richtigen Weg dahin, und wie schafft man es, dass die anderen ihn (auch) gehen? Wie soll man sich zu all dem verhalten, was passiert? Niemand macht eine Geschichte für das Gestern.**

Also: Warum schreibt man eine Geschichte?

– Da ist einer unzufrieden mit seinem Land (warum auch immer).
– Die Terroristen drehen durch (wieso auch immer).
– Die Politiker re-agieren (wozu auch immer).
– Das Volk ist beeindruckt (wovon auch immer).

Finanziert wird das Ganze durch die Steuerzahler (wie immer).

An diesem Punkt wird deutlich, warum der Aufruf zum Leben in Armut von je her so brisant ist. Jeder versucht – so gut es geht, in irgendeiner Weise vorteilhaft – aus der Sache heraus zu kommen.

Immerhin sind da Leute, die auch versuchen das Ganze zu beschreiben – die Absicht, die dahinter steckt, wollen wir hier mal beiseite lassen. Übrig bleiben manchmal Meisterwerke der Erzählkunst.

An Umberto Eco kommt man nicht vorbei, und das zu Recht!
In guten Bibliotheken sowieso und im Handel auch.

* Umberto Eco ist am 19. Februar 2016 in Mailand gestorben. Er wurde Vierundachtzig Jahre alt. RIP und vielleicht – aber das jetzt nur unter uns, mit Vorbehalt – sitzt er ja auf einer Wolke und schaut irgendwo hin.
** s. dazu auch Quasi dasselbe mit anderen Worten.

Umberto Eco: Der Name der Rose. Roman 1980. hier: 32.Auflage 2010 dtv.
ISBN 978 3 423 10551 4

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From → Liebe, Sprache

9 Kommentare
  1. Buch und Film sind beide wunderbar. Iich habe neulich ein BBC Interview mit ihm gehört – Eco hatte einen guten Sinn für Humor und war zudem leicht links-anarchistisch angehaucht, was will man mehr? 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Die Trefflichkeit verschlägt einem schier die Sprache, lieber mick. Fortschritt war wohl schon immer durch rückschrittliche Gesinnung behindert. Und durch fehlende Empathie…
    Müdaufgewühlte Grüße, die Ihre.

    Gefällt 1 Person

  3. Vor allen Dingen aktuell und wichtig ist Umberto Eco auch mit Texten wie Urfaschismus oder wie Die Fabrikation des Feindes und mit sehr vielen seiner klar- und hellsichtigen Essays und Streichholzbriefchen mehr.

    Was weder ‚Der Name der Rose‘ und schon gar nicht die Bibliotheken schmälern soll: Wenn Umberto Eco in eine Bibliothek kommt, leihen ihn sich die Bücher aus.

    Gefällt 2 Personen

    • mickzwo permalink

      Da hast Du ein schönes Zitat gewählt. Diesen Artikel hatte ich noch nicht gelesen. Wunderbar!
      Schöne Grüße, mick.

      Gefällt mir

  4. Ein beeindruckendes Buch, nach wie vor.
    Viele Grüße + einen schönen Sonntag,
    Gerhard

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Vor allen Dingen ist es aktuell.
      Dir auch einen schönen Sonntag, viele Grüße. mick.

      Gefällt 1 Person

      • Vermutlich wird es das auch bleiben. Lese gerade „Kuckucksnest“ von Ken Kesey zum wiederholten Mal, auch hier erstaunlich/erschreckend, wieviele Parallelen aus dem Roman in die Jetztzeit gezogen werden können, obwohl das Werk über 50 Jahre alt ist.
        Viele Grüße,
        Gerhard

        Gefällt 1 Person

        • mickzwo permalink

          Ja, das glaube ich. Ich habe zwar ’nur‘ den Film gesehen und las gerade den Artikel zum Film in Wikipedia. So kann ich in etwa nachvollziehen, was du meinst. Schöne Grüße nach München. mick.

          Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Der Name der Rose – wieder. – #Literatur

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