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Alexis Sorbas

21. März 2016

„Alles hat seinen geheimen Sinn auf dieser Welt, dachte ich. Alles, Menschen, Tiere, Bäume, Sterne und Hieroglyphen, und wehe dem, dem es gelingt, sie zu entziffern und zu deuten … Wenn man sie vor sich sieht, versteht man nichts. Man meint, es seien Menschen, Tiere, Bäume, Sterne. Erst nach vielen Jahren, viel zu spät, kommt man hinter den eigentlichen Sinn.“ S.41f

Der so denkt ist der Ich-Erzähler der Geschichte um Alexis Sorbas, dem Griechen, der sich in das Leben des Halbengländers gedrängt hat. Just zu dem Zeitpunkt, als dieser Westler, mit seinem Anstand und den wohlfeilen Manieren im Grunde sein Leben schon beschlossen hatte. Sorbas sollte für den ‚Kopfmenschen‘ zu einem Lehrmeister und Freund werden … so etwas hatte die Welt noch nicht gesehen.

Natürlich ist das Fiktion. Dieser Fiktion nähere ich mich nun zum dritten Mal.

Sorbas
6. Januar 2014

Das war so ein typischer lasy sunday afternoon. So etwas macht nur als Lied Spaß. Bedingt. Diese Stadt war so tot, wie die Zeit, die ich vorhatte noch tot zu schlagen. Bürgersteige hatten die damals noch mehr als heute. Sie schienen mir alle noch hoch geklappt vom Samstag Abend davor.

Dabei war es schon lange Nachmittag. Ich hasste diese Stadt, das war Verzweiflung pur und ich wollte wirklich nur weg. Aber meine Phantasie reichte in der Tat nicht über diese Stadt hinaus. Nichtsnutzig ging ich durch die Straßen bis ich dieses Kino fand. Universum. Na ja.

Drinnen war der verblichene Charme eines nicht genutzten Kinosaales. Ich weiß bis heute nicht, warum ich da rein gegangen bin. Ein alter Film, schwarz-weiß. Nicht mal ein Western. Es gab nur dieses Programm. Immerhin versprach es Leere und Dunkelheit. Kam mir wohl zupass.

Dann ging der Vorhang auf. Und dann ging er wieder zu. Dazwischen war Film! Ich glaube fest, dass ich nicht auch nur einmal woanders hin gesehen habe, als auf diese Leinwand. War nicht pinkeln, musste nichts essen oder trinken. Es war nur dieser Film und ich. Diese Bilder waren komisch, merkwürdig, traurig und dramatisch. Fesselnd. Eine pralle Geschichte.

Viel später habe ich das Buch dazu gelesen und vieles wieder entdeckt aus diesem Film. Ein Buch bietet ja meistens noch mehr Möglichkeiten das Kopfkino zu bedienen. Doch so ein Kinoerlebnis vergisst man eben nicht. So etwas prägt. Auch dafür bin ich dankbar.

Alexis Sorbas mit Antony Quinn, Alan Bates, Irene Papas und Lila Kedrova.

Als ich diesen Film sah, war ich gerade angekommen, in dieser Stadt. Es war wohl der Sommer 1971 oder 1972.

Ich wusste nicht wie mir geschah, und war noch ziemlich ‚grün hinter den Ohren‘ (so sagt man wohl). Anfang der neunzehnneunziger Jahre habe ich das Buch zum ersten mal gelesen und jetzt, Zweitausendundsechzehn, fange ich zum dritten Mal damit an.

Es ist jetzt Palmsonntag. Ein Zufall? Habe ich nicht behauptet, es gäbe keine Zufälle? Habe ich. Es ist bestimmt auch kein Zufall. Egal, in dieser Geschichte sind sie auf Kreta gelandet weil der Westler dort, unter dem Vorwandt einen Bergbau wieder zu beleben, sich von der Welt abwenden wollte.

Er hatte nicht mit Sorbas gerechnet. Zum Glück. So erlebt er Dinge, die er zu träumen nicht wagte… und beginnt langsam zu verstehen, was Glück bedeuten kann. Am Ende wird er sogar noch den Sirtaki tanzen lernen.

Als die Sache, mit dem Bergbau, schief geht trennen sie sich. Für immer. Der ‚Kopfmensch‘ hatte ja einen Grund, warum er sein Leben schon beschlossen hatte, als Sorbas sich da hineindrängelte. An Ende sagt der ‚Kopfmensch‘ zu diesem Grund: „Die Liebe ist stärker als der Tod.“ Aber er irrt sich (wieder). Sein Gegenüber … lächelte traurig, aber antwortete nicht. S.250

Sorbas hingegen lebt am Ende sein Leben in Serbien, macht dort sein Glück und als er stirbt, vermacht er sein Santuri seinem unverbesserlichen* Freund aus Kreta.

Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas. Roman. Aus dem Neugriechischen übertragen von Dr. Alexander Steinmetz. Rowohlt-TB 1955. Hier: 476.-500.Tausend. März 1984. ISBN 3 499 10158 9

Ich hoffe, es ist noch lange erhältlich.

* Manchmal brach es aus Sorbas heraus:

„Der Mensch ist ein Vieh!“ schrie er und stieß grimmig seinen Stock in den Kies. „Ein großes Vieh. Euer Hochwohlgeboren haben davon keine Ahnung, alles hat in deinem Leben geklappt. Aber frage mich nicht! Ein Vieh sage ich dir, ist der Mensch.

Hast du ihm etwas Böses angetan, so respektiert er dich und zittert vor dir. Hast du ihm etwas Gutes getan, so kratzt er dir die Augen aus. Man sollte immer den Abstand bewahren. Laß den Menschen nicht zuviel Freiheit, sag‘ ihnen nicht, daß wir alle gleich sind, daß wir alle gleiche Rechte haben, denn sie werden sofort dein Recht mit Füßen treten, sie reißen dir dein Brot von Munde fort und lassen dich elend krepieren. Abstand bewahren, Chef! Ich meine es nur gut mit dir.“

Sorbas war stark genug, die Menschen so zu nehmen wie sie sind – der ‚Kopfmensch‘ war irritiert..

„Ich glaube an nichts, an niemand. Ich glaube nur an Sorbas. Nicht etwa, weil Sorbas vielleicht besser ist als die anderen, davon ist keine Rede. Auch er ist Vieh. Ich glaube an Sorbas, denn nur ihn habe ich in meiner Gewalt, nur ihn kenne ich, alle anderen sind für mich Gespenster. Mit seinen Augen sehe ich, mit seinen Ohren höre ich, mit seinen Gedärmen verdaue ich. Wenn ich sterbe, stirbt alles. Die ganze sorbäische Welt versinkt im Nichts.“ S.49f

..so in etwa.

Und jetzt? Laut Kalender ist jetzt Frühling 🙂

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From → Liebe, Musik, Sprache

8 Kommentare
  1. Graugans permalink

    Ach lieber Mick, ich habe den Film so unendlich oft gesehen, vor allem dann, wenn mal wieder irgendwas im Leben schiefging, weil ich mir nie was sagen ließ und mir halt immer wieder wegen meiner Unverbesserlichkeit, an die falschen Sachen zu glauben, Fehler über Fehler passierten und mal wieder die ganze Choose zusammenkrachte…
    Heute bin ich (zumindest manchmal) endlich soweit, daß ich weiß, manche Dämonen sind einfach da und lassen sich nicht vertreiben…aber…man kann lachen und mit ihnen tanzen!
    Ich habs nicht geschafft, das Buch zu lesen, um diesen Film nicht zu verlieren, weißt, was ich meine?

    Aber jetzt hab ich Deinen wunderbaren Text aufgesaugt und denke, ich werd das Buch auch lesen…Du bist echt ein Zauberer!
    Viele viele liebe Grüße an Dich
    von Deiner Graugans

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Ich kann Dich gut verstehen. In meiner Schulzeit hatte ich mir ein Mädchen als Freund ausgesucht. (Das kann nicht funktionieren, weil alle Welt das nicht glauben kann.) Auf jeden Fall erzählte sie mir von einem Film in dem die Krähen immer lachten. Das wurde dann unser Code wenn es um tiefgreifende Dinge ging. Die Krähen lachten.
      Wenn Du das Buch nicht lesen willst, oder kannst – weil Du den Film nicht verlieren willst, er ist Dir doch wichtig, dann musst Du ihn nicht lesen. Es gibt Filme, da komme ich nicht im Traum darauf nach einem Buch zu suchen. Es gibt für mich nur ganz wenige Filme, die neben einem Buch bestehen können. Für mich ist Alexis Sorbas so ein Film. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass dies eine höchst subjektive Empfindung ist.
      Viele Grüße auch an Dich von Deinem mick

      Gefällt 1 Person

  2. Vor Jahren bin auch ich vom Film zum Buch gekommen, war aber von den philosophischen Sequenzen des Engländers gelangweilt. Was der immer mit seinem Buddah hatte. Inzwischen mache ich Yoga. Vielleicht noch mal lesen. Mein Lieblingssatz aus dem Film: Bin ich nicht ein Mann? Und ist nicht ein Mann ein Narr? Also habe ich alles: Ein Weib, Kinder, die ganze Katastrophe…

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Das war mir auch aufgefallen. Man braucht um diese Sequenzen zu überstehen ein ziemliches ‚Standvermögen‘ . Mittlerweile glaube ich allerdings die Ausführungen des Engländers sind deshalb so wie sie sind, damit die des Griechen umso plastischer wirken. Ps.: Dein Lieblingssatz gefällt mir auch gut. …the whole katastrophy…

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  3. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt und kommentierte:

    Der Kern der Erzählung um Alexis Sorbas ist ja das orthodoxe Osterfest. Die Auferstehung wird da gefeiert. Also ein Anfang. Am Ende des Films lässt der Regisseur den Schauspieler von Alexis Sorbas etwa sagen: „Chef, hast du jemals etwas so schön zusammenbrechen sehen?“ Und dann bringt er seinem Chef doch noch das Tanzen am Strand bei… ein guter Anfang.

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  4. Ich war unlängst an einem Konzert in Lugano, wo wahre Griechen authentische Musik spielten und mich hat schon lange nichts mehr so bewegt, wie diese Musik. Sorbas habe ich vor vielen Jahren auch mit Begeisterung im Kino gesehen, aber das Buch steht noch aus. Vielen Dank für diesen Bericht. Cari saluti Martina

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    • mickzwo permalink

      Das Buch ist etwas anders, besonders am Ende. Wie Bücher so sind. Man findet vieles vom Film, der ja anderen Gesetzen folgt als solch ein Buch. Beides ist schon ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Ich danke für Deinen Kommentar. Alles Gute auch Dir!!

      Gefällt 1 Person

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  1. [Alles mit links] Alexis Sorbas – #Literatur

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